Sturzangst nach einem Kletterunfall – was tun?

Juni 14, 2016

Während der Veröffentlichung meiner Artikelreihe „Angst beim Klettern“ wurde ich immer wieder danach gefragt, ob ich mich auch mit dem Thema „Sturzangst nach einem Kletterunfall“ beschäftigt habe. Ich selbst hatte glücklicherweise noch nie einen größeren Sturz, habe mich aber für Euch einmal bei einigen Betroffenen umgehört. Auch wenn es offensichtlich kein Patentrezept gegen diese Angst gibt, sind sich viele bei ein paar Punkten doch einig.

Viel Toprope am Anfang

Back to Toprope!Dass man sich nach einem Sturz behutsam zurücktasten muss, darin stimmen alle Betroffenen natürlich überein. Es geht darum, neues Selbstvertrauen zu schöpfen und sich wieder an die Ausgesetztheit zu gewöhnen. Ob das dann schnelles Spulen vieler Touren ist oder das Klettern inklusive Stürze am Leistungslimit (im Toprope), das ist von Person zu Person unterschiedlich.

Kletterpartner

Selbst wenn die Betroffenen früher noch mit jedem „der nicht rechtzeitig nein gesagt hat“ klettern gingen, war nach dem Sturz die Wahl des Sicherungspartners ausschlaggebend. Viele erzählten, dass sie inzwischen nur noch mit einer Handvoll, teilweise nur noch mit einem einzigen Partner zum Klettern gehen. Dieser kennt die Situation und ist zu jedem Zeitpunkt mit voller Aufmerksamkeit beim Kletterer, das erleichtert dem Betroffenen den Weg zurück zum Vorstieg ungemein.

Sturztraining

Ist die erste Angst vor der Vertikalen abgelegt, hilft – wie sonst auch – Sturztraining, wobei hier langsame Schritte essenziell für den Erfolg sind. Dem Körper muss signalisiert werden, dass es kein Grund für Angst gibt, das funktioniert nur mit großer Behutsamkeit. Anfangs selbstverständlich im Toprope. Und natürlich nur mit einem routinierten Sicherungspartner.

In der Cassin, Westliche ZinneZeit und Geduld

Der Weg zurück dauert Jahre. Bei den meisten meiner Gesprächspartner mindestens zwei Jahre, bei manchen deutlich über zehn, bei einem gar über 26. Geduld ist also nötig.

Akzeptanz

Neben Geduld ist vor allem Akzeptanz nötig: Akzeptanz dieses Gefühls, aber auch Akzeptanz dessen, dass man unter der Leistungsgrenze ebenso Freude haben kann. „Heute zählt für mich mehr Spaß statt Leistung. Eigentlich ja auch besser so“, sagte einer.

Es gibt kein Patentrezept

Nach Sturzangst nach einem Kletterunfall hilft es auch, einfach einmal eine Zeit lang leichtere Touren zu unternehmen. Auch etwas, in dem sich viele einig waren: Der Weg zurück in die Vertikale ist bei jedem anders. Bei manchen dauert es nur einige Monate, bei manchen viele Jahre. Manche trauen sich schnell wieder in den Vorstieg, andere klettern lange ausschließlich im Toprope. Bei manchen hilft es, schlecht abgesicherte aber leichte Alpintouren zu klettern anstatt Sturztraining in der Halle zu absolvieren. Einem anderen brach kurz nach seinem ersten Kletterunfall ein Griff aus, wodurch plötzlich sein Wille so groß wurde, dass er heute schwerste Alpintouren auch bei schlechter Absicherung klettern kann. Es gibt kein Patentrezept! Was es gibt sind Bücher zum Thema, die aber der Meinung einiger nicht wirklich etwas helfen.

Vielen Dank an alle, die mir bereitwillig ihre Geschichte und Erkenntnisse erzählt haben. Ich hoffe, sie können auf diese Weise anderen helfen.

 

Habt Ihr auch Erfahrungen mit einem Kletterunfall oder Tipps für den Weg zurück? Erzählt gerne Eure Geschichte in einem Kommentar und bestärkt damit andere, denen Ähnliches widerfahren ist.

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1 Comment

  • Reply Stefanie Februar 20, 2019 at 7:52 pm

    Danke für deinen tollen Blog. Vielleicht kennst du ja auch schon den Film Jumpscare https://www.youtube.com/watch?v=Ur7RgD84dSA
    Ich persönlich hatte richtig Panik beim Klettern, habe mental blockiert, war ängstlich am Fels und hatte die klassischen „Angsttympthome“ wie Bauchschmerzen, Übelkeit. Ich habe das Klettern eine Zeit lang gar nicht mehr gemacht und bin dann (im Topope) Eisklettern gewesen. Irgendwie scheint da der Knoten geplatz zu sein. Nun haben wir mitte Februar und ich habe mich wenigstens bis bis zu 6ern im Vorstieg durchgekämpft. Routen, die mich an den Sturz erinnern (wenn ich aus dem Dach raus klettern muss) kann ich aber immer noch nicht. Ein Sturztrainig in der Halle war gut, weil ich stürzen musste, und nun versuche ich bewusst jedes Mal zu fallen. Was nicht immer gut geht und meine Geduld sehr sehr strapaziert. Es ist frustrierend sich zurückkämpfen zu müssen und spannend, was der Kopf alles zum Erfolg beiträgt. So habe ich mitten in meiner ersten Vorstiegsroute seit langem den Gedanken gehabt „der Knoten ist auf! Jetzt stürzen und du bist weg“. Natürlich war der Knoten bombensicher wie immer – aber währenddessen hat es schon leichte Panik ausgelöst.
    Wichtig ist für mich, trotz Angst die Route zu beenden. Vielleicht mit Reinsitzen und Pause machen, aber ich muss sie beenden. Erfolgserlebnisse beim Klettern sind leider aktuell ein Muss.
    Dennoch macht es (wieder, meistens) Spaß und ich fiebere dem Osterurlaubsklettern entgegen.

    Herzlichen Dank dir für deine Artikel!
    Stefanie

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