Der längste Weg zum Startplatz (Kampenwand Überschreitung)

Mai 28, 2020

Es brauchte einen tiefen Griff in die Wunschliste, um die Corona-gerechte Komposition aus Kraxelei und legalem Gleitschirm-Start in Bayern zu erschaffen. Die finale Idee: Kampenwand-Überschreitung mit abschließendem Abflug – legaler wird’s nicht mehr! 

Corona bringt erschwerte Bedingungen: Ein minimiertes Einzugsgebiet, eingeschränkte Flugmöglichkeiten, reduzierter Einkehrkomfort.

Andererseits sorgt Corona gleichzeitig dafür, dass sich in den Bergen nur jene aufhalten, die selbst aufsteigen, was speziell die Zahl der Gleitschirmpiloten und so mancher Kletterer reduziert. Eine gute Zeit, um berühmte Touren in Bayern zu unternehmen! Was sonst als die Kampenwand?

Mittagschlenderei

Entspannt also gegen Mittag los und in einer (sehr) großen Schleife in Richtung Fels. Hübsch hier! Und abseits der direkten Gipfelwege auch gar nicht so viel los.

Oben drüber, hinten runter, dann rüber, wieder hoch und wieder runter und »schon« standen wir an der Kampenwand-Gipfelstation. Da wäre man sonst in ein paar Minuten hochgefahren oder zumindest in kürzerer Zeit aufgestiegen, wenn man denn die Diretissima gewählt hätte. Aber weil die Vermutung nahe lag, dass wir hier wohl so schnell nie mehr herkommen, war die Panorama-Rundtour keine schlechte Idee.

Kaltstart

Langsam rückte die Kampenwand ins Blickfeld. Mal wieder steiler und abweisender, als das Topo es vermuten ließ. Trotz der späten Stunde sahen wir noch einige Kletterer auf dem Grat, aber naja, so richtig eilig hatten wir es nicht.

Die Wegfindung war insofern einfach, weil man schlichtweg dem Speck folgen kann. Wer dies gewissenhaft tut, bleibt auf dem richtigen Weg. Natürlich hatten wir es nicht ganz so sehr mit der Gewissenhaftigkeit, jedenfalls war die gewählte Linie dann doch ein rechter Kaltstart so mit Zustiegsschuhen und Seil auf dem Rücken.

Türmchen °1

Während über uns die Piloten kreisten, wanderten wir in netter Kraxelei über den ersten Teil des Grates.

Beim Anblick des Gmelchturms meldete sich das faule Teufelchen mal wieder äußerst skeptisch zu Wort. Es hatte auch durchaus recht, denn dieses Türmchen war unscheinbar, wenig spektakulär und überhaupt irgendwie nicht der Mühe Wert, hier nun Seil und Gurt rauszuholen.

Aber andererseits schien die Verschneidung dann doch ganz nett und überhaupt waren wir hier ja schließlich zum Kraxeln da.

Alpine Kletterei

Der Mann ist für solche 15-Meter-Dreier, die man postwendend wieder abseilt, wahrlich schwer zu haben, aber ein bisschen Training im Klettern mit Bergschuhen kann (mir) ja nicht schaden.

Die Hakenabstände waren durchaus alpin, aber man muss sich ja auch nicht immer ausmalen, was alles passieren konnte. Das Gefährlichste schien ohnehin der speckige Stein.

Die Aussicht war jedenfalls nett, die Kletterei cool, der Standplatz luftig und nach ein paar Minuten war der Spaß auch schon wieder vorbei. Auf zur nächsten Attraktion!

Turm °2

Wieder ein Turm. Aus Versehen waren wir bereits an ihm vorbeigelaufen, aber dafür waren wir ja irgendwie dann doch nicht hier. Also wieder zurück, Einstieg suchen, hochhuschen.

Gefühlt weniger schwer als die Seillänge zuvor, zumindest mal weniger anhaltend. Auf unzähligen Kratzspuren der Winterbegehungen (Leo, wie viele sind da von dir?) durch ein Gewirr aus Fels. Bis das Seil eingezogen war, war der Mann auch schon wieder da. Natürlich.

Menschen!

Nach der Abseilstelle folgt eine weitere, die für uns inzwischen doch etwas Ungewohntes bereithielt: Menschen! Überraschend viele davon sogar. Wir stellten uns auf geduldiges Warten ein. Stress von hinten kann ja keiner brauchen, auch wenn der Wind durch diese Felsnische garstig pfiff.

Trotzdem ein fröhliches Gefühl im Herzen, denn die beiden Seilschaften vor uns standen offensichtlich noch am Anfang ihrer Bergkarriere und dafür ist diese Überschreitung ganz sicher ein geniales Abenteuer. Alpin, steil und zwischen den Haken sogar noch genügend Platz zum Selberlegen, wenn man denn will.

Nach einiger Zeit waren alle Seilschaften verschwunden – die eine nach oben, die andere nach dem ersten Haken nach unten in den Notabstieg. Umkehren muss auch gelernt sein.

Turm °3

Die Schlüssellänge, eine wohl häufig nasse Verschneidung, war staubtrocken, aber auch so wirklich steil. Den Mann juckte das nicht und nach etwa 27 Sekunden war ich am Zug. Steil, rattenkalt, mit Zustiegsschuhen und Gleitschirmrucksack so mittelmäßig einfach. Ach, das Werk der Schwerkraft – da kommen Erinnerungen hoch!

Nach einigen Metern war aber Schluss mit »schwer«. Nach kurzem »Bruch« folgte noch »hübsch«: Zwei, drei VerschneidungRissWhateverkletterei-Meter (die Linie bis oben gerade hoch, dort ist ein Stand. Links abbiegen geht offensichtlich auch) und schon standen wir oben auf dem Hauptgipfel. Hübsch hier! So mit See-, Österreich- und Thermikwölkchen-Blick.

Angst und Tränen

Die letzte Schlüssellänge war dann noch der berühmte Block, der per III-Platte überklettert werden muss. Abklettern, auf Platten, im dritten Grad. Das könnte eklig werden.

Wie eklig genau erlebte gerade die Kollegin, die offensichtlich mit ihren Dämonen kämpfte. Erinnerungen. Schon wieder. Was hätte ich mir damals von den nachkommenden Seilschaften gewünscht? Primär wahrscheinlich, dass sie sich sofort in Luft auflösen oder ansonsten wenigstens schnell verschwinden, schließlich braucht man in so einer Situation, in der man mit Angst und Tränen kämpft, nicht auch noch Vortänzer, die zeigen, wie easypeasy sowas geht.

Mit schlechtem Gewissen, gut zuredend und möglichst unsichtbar ging’s an den beiden vorbei. Sie waren gut ausgerüstet, sie würden das schaffen. Nur eben mit mehr Ruhe. Ach, wie gut ich die Lady verstehen konnte.

Perfekter Abstieg. Perfekter Tag.

Im Abstieg vercheckten wir natürlich den Abzweiger zum Ostgipfel und so standen wir alternativ recht schnell am Startplatz. Unverschämt perfekter Wind von vorne, ungewöhnlich weiß leuchtender, nagelneuer Gleitschirm des Mannes, ein genüsslicher Start: Und schon schwebten wir bei ruhiger Luft in Richtung Tal. Ein Blick zurück, ein ausgedehnter Blick in alle Richtungen, ein Nachfühlen im Herz: Ja. Ein perfekter Tag.

Zum Topo der Kampenwandüberschreitung bei alpenvereinaktiv.com

 

 

 

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.