Der Reiz des Sinnlosen (Stopselzieher-Jubigrat-Fly)

November 3, 2019
Jubiläumsgrat Zugspitze Herbst Sonnenaufgang

Man hätte das auch einfach haben können. Entspannt, auf mehrere Tage. Mit großer Kamera und ganz viel Wooow. Vielleicht sogar mit deponiertem Gleitschirm oder halt einfach ohne, denn der Startplatz ist ungefähr 30 Schritte von der rettenden Gondel entfernt. Aber nein, wir wollten ja alles in einem Tag. Mit Gleitschirm. Ohne Essen. Am wohl letzten möglichen Tag dieser Saison.

Über Sinn und Nicht-Sinn

Jubiläumsgrat Zugspitze Herbst SonnenaufgangDie Idee war schon länger im Kopf. Nie so richtig durchdacht, eher so in der »Könnte man irgendwann mal machen«-Box. Sonderlich sinnvoll war sie nämlich nicht, aber das sind ja die bekanntlich besten Gunde-Touren.

Nicht falsch verstehen: Einen Gleitschirm über eine weite Strecke mitzuschleifen, um sich dann den Abstieg zu sparen, macht natürlich sehr wohl Sinn. Ihn aber 3.000 Höhenmeter hoch und ichweißgarnichtwieviele Kilometer rüber zu schleifen, noch dazu bei absolut untauglicher Windprognose, nur um dann wortwörtlich neben der Gipfelbahn vielleicht-womöglich-ehernicht zu starten, das… nun… Naja, lassen wir das mit der Sinnfrage.

Das Essensproblem

Jubiläumsgrat Stopselzieher Zugspitze SonnenaufgangViel wichtiger: Die Essensfrage. Die fiel leider wegen der etwas kurzfristigen Entscheidung etwas mau aus. Zwei einsame Müsliriegel lagen am Abend zuvor in der Müsliriegelschublade, in einem Rucksack fand sich zufällig noch ein Gel.

Zusammen mit der Tüte Nüsse vom Mann und seinem heiligen Dattel-Vorrat zeichnete sich eine eher dürftige Verpflegung ab, aber andererseits zeigt die Erfahrung, dass wir auf solchen Touren ohnehin kaum was essen. Und vielleicht könnte man ja noch etwas in der Gipfelstation ergattern. Naja. Unwahrscheinlich um die Uhrzeit. Egal. Zugspitze! Los geht’s!

Die wahren Probleme des Alpinismus‘

Sonnenaufgang Zugspitze JubiläumsgratNanana… nicht so schnell! Ein weiteres Problem tauchte am Abend auf: Ein massives Rechenproblem. Wir planten vier Stunden für den Aufstieg zur Zugspitze, wollten kurz vor dem ersten Licht oben sein, um etwas zu Verschnaufen. Start also um drei, wenn um sieben die Dämmerung einsetzt.

Allerdings: Zeitumstellung. Genau heute Nacht. Von drei auf zwei, oder wie war das noch gleich? Also Wecker stellen auf zwei? Oder drei, weil ja das Handy sich ohne Netz nicht umstellt? Oder 2.59? Die Lösung nach langer Grübelei: Timer statt Wecker. Ja, das sind die wahren Probleme des Alpinismus.

Zurück in die Zukunft

Hörnchen Jubiläumsgrat in einem Tag2.56 Uhr: Start in Ehrwald. Ein paar Minuten später war es eine Stunde früher, aber allzu viel Kapazität darüber noch länger zu sinnieren, war dann im Kopf auch bald nicht mehr. In stockdunkler Nacht ging es dem Weg nach – das Bergmassiv über uns konnten wir nicht mal erahnen, so dunkel war es. Besser so.

Der Weg fand sich leicht. Erst Latschen, dann Geröll, irgendwann die große Bahnstütze, dann der lange Quergang. Das muss bei Tageslicht ganz schön luftig sein, der Lichtkegel der Stirnlampen verlor sich im Abgrund.

Weit unten die kleinen Lichter des Tals. Was für ein Gefühl hier oben mitten in der Felswand zu stehen, während unten alles schläft. Gefühlscheck? Pure Vorfreude mit etwas Bedenken wegen des Schnees.

Im Stopselzieher

Bald die winterfest gemachte Wiener-Neustädter-Hütte. Keine Pause, gleich weiter. Dann die Stahlseile des Stopselziehers. Das bekannte Felsloch, durch das man klettert, danach immer wieder Passagen, in denen wir nach Markierungen suchen mussten. Die kleinen Schneefelder bremsten aus. Mich zumindest. Er mit seinen Schuhen, die man hier gar nicht weiter beschreiben darf, hatschte einfach drüber. Wer kann, der kann.

Diese Ausrüstung war mit dabei:

 

 

Auf der Zugspitze

Bald dann das Licht der Gipfestation, gefolgt von seltsamen Surren, das im Pfeifen des Windes schier unterging. Die werden doch nicht etwa? Um diese Uhrzeit…? Doch. Gerade als wir ankamen, erreichte in dunkler Nacht eine Gondel die Station. Kurze Zeit später öffnete jemand den Eingang der Gipfelstation – wohl eher nicht für uns, so wortkarg wie er uns empfing, aber immerhin verriet er uns noch den Weg zur Toilette in dem Gewirr aus Gängen.

Mit aufgefülltem Wasser warteten wir an einem Heizkörper im Treppenhaus auf das erste Licht. Schon komisch, für andere wäre hier schon Schluss. Stolz und Freude würde im Herz pochen, Vorfreude auf die Gipfelhalbe den Mund wässrig machen. Für viele ist der Stopselzieher allein schon eine der ganz großen Touren.

Für uns war es nur der Auftakt zu Größerem – zwar hatten wir zwei Drittel der Höhenmeter jetzt hinter uns, aber zwei Drittel an Distanz noch vor uns. Vorwiegend zum Kraxeln, hin und wieder auch Klettern bis in den zweiten, unteren dritten Grad. Wie es wohl werden würde? Werde ich schnell genug sein?

Ein seltsamer Ort

Im Frühstücksraum wurde eifrig aufgetischt. Gerade als die Hoffnung aufkam, dass sie uns vielleicht vor Servicebeginn einen Kaffee spendieren würden, öffnete eine Dame die Türe, fragte skeptisch, ob wir hier geschlafen hätten und zog dann kommentarlos wieder ab. Freude scheint an diesem Ort nicht üblich zu sein.

Menschen. Viele Menschen!

Wenige Augenblicke später wurde es plötzlich laut. Noch bevor die ersten Turnschuhe an uns vorbei zogen, wurde uns klar, weshalb die Türe aufgesperrt und bereits Frühstück aufgetischt wurde: Sonnenaufgangsfahrt! Zwei Gondelladungen hatschten an uns vorbei, die meisten direkt zum Frühstücksraum, die Fotografen zu den besten Plätzen auf der Terrasse.

Ja wenn das so ist, gibts ja doch einen Kaffee! Maximal motiviert ging’s zur Dame von vorher. Mit dem Instinkt aus meiner Gastro-Zeit hörte ich, was ich doch irgendwie schon geahnt hatte: Frühstück nur für gebuchte Gäste. Ja. Nein. Auch keinen Kaffee.

Schon lange habe ich jemanden nicht mehr so lange, so perplex angestarrt.

Nicht mal zwei Kaffee?

Wow.

 

Zugspitze Sonnenaufgang TerrasseAuf zum Jubiläumsgrat?

Dann eben gleich los. Nach wenigen Minuten direkt die nächste Hürde: Die Treppe hinunter, um unten wieder hoch zum Gipfel zu steigen, war natürlich noch verschlossen. Eine Leiter für Bergsteiger gab’s, aber ebenfalls verschlossen.

Kopfschüttelnd über die Skurrilität dieses Ortes kletterten wir über die Absperrungen und rüber zum Gipfel. Weg hier, zefix!

Jubiläumsgrat mit SchneeJubliäumsgrat!

Und dann ging sie los, unsere kleine Felsfahrt. Oder besser: Schneefahrt?

Der Schnee war einer der Knackpunkte, die uns etwas Sorge bereitet hatten. Wie viel liegt wirklich? Die Webcams zeigten wenig, die lokalen Bergführer sprachen von quasi fast lebensbedrohlichen Verhältnissen.

Dämmerung auf dem Jubiläumsgrat, im Hintergrund die ZugspitzeSo lange der Weg auf der Südseite verlaufen würde sollte sich nichts fehlen, aber was, wenn er nordseitig verläuft? Bergschuhe? Zustiegsschuhe mit Steigeisen? Hoffen?

Aus Gewichtsgründen gewannen die Halbschuhe und nach einigen Metern war die Grübelei schon vergessen. Der weitere Grat war schneefrei und die Alpspitze sah gar nicht so weit weg aus. Das kommt gut!

Euphorie

Erster Teil vom Jubiläumsgrat - mehr gehen als kletternFröhlich hüpfend ging es über den Grat, das Gelände war genau mein Ding: leicht abschüssig, gut zu gehen, nicht mal wirklich anstrengend. Ausgesetzt, aber nicht ganz schlimm!

Während die Sonne am wolkenlosen Himmel aufging, machten wir richtig gut Strecke. Gefühlscheck: Pure Euphorie. Wenn das so weitergeht, sind wir in ein paar Stunden drüben!

Die Schlüsselstelle im Fels (3- abklettern) ging problemlos, mehrmals musste ich der Welt mitteilen, dass das ja genau mein Gelände wäre. Maximale Freude! Ich will jetzt in diesem Moment genau hier sein!

Kletterei am JubiläumsgratErnüchterung

Und dann kam der erste Blick hinunter in die Scharte vor uns. Die tausend Höhenmeter, die man allein auf dem Grat zurücklegt, müssen ja von irgendwoher kommen.

Unter anderem eben von genau diesem Abschnitt: Einige hundert Höhenmeter ging es runter, immer wieder wirklich ausgesetzt und in mittelmäßigem Fels hinüber und dann natürlich wieder alles hoch.

Jubiläumsgrat Stopselzieher in einem Tag von Ehrwald Tal mit GleitschirmDie Sinn-Frage kam mir in den Kopf, verhallte aber sofort im Geschnaufe (nach ooben gucken, nach ooooben gucken, laaalalalalalaaaa). Irgendwann dann ein erstes Gipfelchen.

Pause.

Puh.

Und: Menschen! Auf dem Hauptgipfel vor uns waren fünf Gestalten, sie mussten in der Biwakschachtel übernachtet haben. Verrückt. Wie es hier wohl im Sommer zugeht?!

Notabstieg

Kurz vor dem ersten Biwakplatz am Jubiläumsgrat, im Hintergrund die ZugspitzeUm für alle den Steinschlag zu minimieren, passten wir die beiden Gruppen in der Scharte ab und und machten uns an den Aufstieg.  Ungewohnt, mal länger nach oben zu klettern. Aber was bedeutet an diesem Grat schon »lang«!?

Danach: Ein recht endloses Auf- und Ab, mal an Stahlseilen, mal nicht. Insgesamt langsam etwas müde. Irgendwann dann doch der Notabstieg zur Knorrhütte, angeblich die Hälfte der Tour. Oder war die erst an der Biwakschachtel? Von der war noch weit und breit nichts zu sehen.

Biwakschachtel

Also weiter. Hoch, runter, Stahlseil, hoch, hoch, runter, noch mehr Stahlseil, runter, runter, hoch, langsam bisschen unerwartet viel Stahlseil. Die Handschuhe waren nicht unbedingt dafür gemacht und bekamen zunehmend zusätzliche Lüftungsklappen. Ohne wäre richtig übel, bei all dem Stahl.

Irgendwann dann doch: Die Biwakschachtel. Hübsches Ding, sehr sauber.

Ja, hier einfach bleiben… Das wär was!

Weiter, immer weiter

Schuhe JubiläumsgratAber nicht für uns. Nach wenigen Minuten ging es weiter: 4 ½ Stunden waren irgendwo bis zur Alpsitze angegeben gewesen, 5 ½ Stunden blieben noch bis zur letzten Gondel, falls der Wind am Osterfelderkopf nicht passen würde. Spätestens in sechs würde es aber eh langsam dunkel werden. Toll, dieser Herbst.

Müdigkeit machte sich langsam bemerkbar. Kletterstellen, die anfangs noch mühelos gelangen, gingen langsamer, an einer plattigen Stelle war ich ausgesprochen dankbar für den Hinweis, dass ich wirklich lernen müsse, meinen Füßen zu vertrauen. Das sind die Sätze, die man braucht, wenn man mitten in einer mindestens senkrechten, grifflosen Platte nur wenige Augenblicke vom sicheren Tod steht.

Das Dumme daran: Er hat ja recht.

Ja hört das denn nie auf!

Blick in Richtung Alpspitze auf dem Jubiläumsgrat, kurz vor der Biwakschachtel. Glaube ich =)

Ein paar Stunden später, kurz vor den angeblich überhängenden Klettersteigstellen, war sie dann langsam wirklich aufgebraucht, die Kraftreserve. Nachdem bis hier her alles gut ohne Sicherung ging, war ich froh, gestern im letzten Moment doch noch den Gurt in den Rucksack geworfen zu haben.

Die Klettersteig-Passagen (D) waren wirklich steil, wirklich abgespeckt und wirklich nicht ganz easy. Handschuhe aus und am speckigen Fels klettern? Handschuhe an und am labbrigen Seil hochziehen?!

Nope, hört tatsächlich nie auf

Am Ende ist der Jubiläumsgrat dann doch mehr Klettersteig als Klettergrat.Ganz langsam rückte die Alpspitze näher. Und mit ihr die Erkenntnis, dass wir dort nochmal einige Höhenmeter nach oben krabbeln werden müssen. Gott sei Dank, sonst wären wir ja am Ende womöglich gar nicht platt!

Kurz vor dem Hochblassen – quasi dem Ende des Jubiläumsgrates, kam uns doch noch ein Aspirant entgegen. Es war kurz nach Mittag.

Wie weit es noch sei.

Kurze Rekapitulation zurück zur Biwakscha…

Zur Zugspitze.

Äh?

Ab zur Grieskarscharte

Die Alpspitze mit ihrem Südostgrat.

Nach rund sieben Stunden verließen wir endlich die berühmte Gratschneide und stiegen unschön durch Schnee hinab. Mit Bergschuhen wär’s feiner, kann man schon zugeben!

Noch bisschen runter, kurz wieder hoch, hinten wieder runter, irgendwann kam die Grieskarscharte in den Blick. Mit ihr zwei Aspiranten, die uns etwas entsetzt anstarrten, als sie realisierten, dass wir in Ehrwald gestartet waren. An den Blick durften wir uns die kommenden Stunden dann gewöhnen.

Alpspitze Überschreitung

Beitrag bearbeiten ‹ ulligunde.com — WordPressDer Aufstieg zur Alpspitze zog sich, war aber im Vergleich zu so manchen Passagen am Jubiläumsgrat wirklich schön. Und dann war er irgendwann da: Der Gipfel der Alpsitze. Das offizielle Ende des Jubiläumsgrates.

12 Stunden nach Aufbruch in Ehrwald warteten jetzt nur noch 700 Höhenmeter Abstieg. Und die ganz leise Hoffnung, die keiner sich auszusprechen traute: Es blies kaum mehr Wind! Sollte sich ein Start womöglich wirklich ausgehen!?

»Nordwand-Ferrata«

Rückblick JubiläumsgratEin letztes Mal Stahlseil-Gepatsche. Ausgiebig allerdings, denn die Alpspitz-Nordwand ist quasi ununterbrochen mit Seilen versichert. »Nordwand-Ferrata« nennen die Stahlfans das. Klingt ein bisschen nach Glowacz-Nordwand-Gesicht. Düster und gar nicht lustig.

War’s am Ende gar nicht, dank der Seile und der ausgesprochen freundlichen Leute ging’s richtig zügig nach unten. Ein bisschen weniger »runter« hätte es natürlich schon sein dürfen, aber wir wollten das ja selber so. Dann irgendwann der erste Blick auf die Windfahne am Osterfelderkopf: Null Wind. Zwei Tandem-Schirme lagen aus. Es gibt gar kein besseres Zeichen. Vorfreude pochte auf.

Gleitschirm raus!

Gleitschirm Osterfelderkopf Jubiläumsgrat ZugspitzeEine Stunde vor Bahn-Schluss liefen wir ein an dem wunderbaren Startplatz. Geneigte Wiese, kein anderer Pilot da. Noch einmal volle Aufmerksamkeit zusammenkramen, jetzt bloß keinen Scheiß machen.

Der Wind kam unverschämt perfekt ganz leicht von vorne. Vorwärtsstart, ganz easy. Wie viel Glück darf man bei so einer Tour erwarten?! Was für ein Geschenk.

Und dann hieß es nur noch: Klein machen, staunen, Höhe halten. Ohne eine einzige Kurve ging es zum Hausberg-Bahnhof, unverhofft zehn Minuten später mit der Zug nach Ehrwald und dort die letzten zwei Kilometer zu Fuß zurück zum Auto.

Das erste Mal, dass wir sahen, was wir vor 15 Stunden in der Nacht zurückgelegt hatten. Gut, dass es da dunkel war.

Was für ein Tag.

 

© Alle Bilder: Michi D.

Jubiläumsgrat Stopselzieher Gleitschirm Zugspitze in einem Tag

 

Facts

Stopselzieher – Zugspitze – Jubiläumsgrat – Gleitschirm – in einem Tag:

Zeiten: 

  • 2.00 Uhr – Start Ehrwald, Auto
  • 5.45 Uhr – Zugspitze, Gipfelstation. Wasser auffüllen!
  • 6.30 Uhr – Start Jubiläumsgrat
  • 10.00 Uhr – Biwakschachtel
  • 14.30 Uhr – Alpspitze
  • 15.45 Uhr – Osterfelderkopf
  • 16.15 Uhr – Tal
  • 17.30 Uhr – Ehrwald, Auto

Sonnenaufgang: 7.15, Sonnenuntergang: 17.15

Stopselzieher im Dunkeln

Der Weg zur Wiener-Neustädter-Hütte ist größtenteils sehr gut zu finden. Im Stopselzieher weisen oft Stahlseile den Weg, ansonsten gibt es viele Markierungen. Hin und wieder muss man mal etwas schauen, da es mehrere Passagen ohne Stahlseile gibt.

Jubiläumsgrat

Was soll man da sagen? Es ist und bleibt alles subjektiv. Aus meiner Warte (konditionell gut, Problem mit Ausgesetztheit, Erfahrung im Fels) kann ich sagen:

Der erste Teil geht sehr gut, die Alpspitze sieht auch gar nicht so weit weg aus. Nicht blenden lassen, das Ding ist wirklich lang 😉 Ich persönlich empfand die Stellen bis zum Freiluft-Biwakplatz (das Gipfelchen vor der Inneren Höllentalspitze) am unangenehmsten – hier sind kaum Stahlseile und es muss teilweise direkt an der Gratschneide geklettert werden. Zusätzlich in teilweise splittrigem Fels. Nicht runter gucken, sich Zeit lassen! Es wird wieder besser.

In meiner Erinnerung wurde es dann erstmal bis ca. zum Knorrhütten-Abzweig wieder recht angenehm und deutlich weniger ausgesetzt bzw. leichter. Hin und wieder muss man mal etwas seltsam um Bäuche herum, aber nicht mehr so exponiert.

Biwakschachtel Jubiläumsgrat

Die Biwakschachtel bietet 16 Betten inkl. Decken und Kerzen. Sie ist sauber und kostet 5 Euro pro Nacht. Kein Wasser!

Nach der Biwakschachtel wird es nochmal anspruchsvoller – man klettert viel steil hoch/runter, oft an Stahlseilen oder irgendwo im Fels ohne Markierungen. Die versicherten Stellen sind teilweise aber so steil, dass es nicht mehr ganz angenehm ist. Für mich die Schlüsselstelle (wohl sicher auch wegen der einsetzenden Müdigkeit) waren die Klettersteigstellen rund um die Vollkarspitze. Das Seil hängt senkrecht, gute Griffe im Fels sucht man teilweise vergeblich. Hier fand ich einen Klettergurt mit Klettersteigset sinnvoll. Im Abstieg dürfte das noch etwas unangenehmer sein.

Kurzer Exkurs zum Thema »Bandschlinge im Klettersteig«:
Eine Bandschlinge hilft höchstens für den Kopf – sie ist nicht dafür gemacht, harte Fangstöße aufzunehmen und wird entweder reißen oder dir sämtliche Knochen brechen, da im Gegensatz zum Klettersteigset keinerlei Energie aufgenommen wird. Die Dynamik, die im Sturz entsteht, wird mehr oder weniger ungebremst an Deinen Körper weitergegeben, das werden Deine Knochen nicht mitmachen. Das Klettersteigset expandiert und nimmt damit die Kraft auf. Was nicht bedeutet, dass das ein angenehmer Sturz wird, du wirst ihn halt immerhin überleben.

Alpspitze Überschreitung

Nach der Vollkarspitze geht’s noch ein bisschen so dahin, der Abstieg in Richtung Grieskarscharte ist – sofern kein Schnee liegt – geröllig, aber okey. Aufstieg zur Alpspitze anfangs noch etwas botanisch und ohne klaren Weg, ab der Scharte dann aber gut markiert und mit überraschend schönem Gekraxel. Abstieg über den Nordwand-Klettersteig dann recht angenehm, weil man ständig ein Geländer (Stahlseil) hat und es nur noch ganz selten steil ist.

Ausrüstung: Wir hatten Zustiegsschuhe (bei mir: Lowa Approacher. Steife Sohle, mit der man auch mal einen Tritt in den Schnee hauen kann: Damen* | Herren*) an, was mit etwas Erfahrung auch in den kurzen Schneepassagen okey war. Mehr Schnee wäre allerdings nicht so schön gewesen. Leicht-Klettergurt* macht Sinn. Eventuell einen Leicht-Pickel*.
Hier gibt’s einen ganzen Artikel über meine Ausrüstung beim Bergsteigen und einen für Hochtouren.

Gleitschirm-Startplatz Osterfelderkopf:

Nach Ost. Link: DHV-Info.
Auf all die Bahnen achten, unbedingt Höhe sparen, allzu hoch kommt man nicht über das Plateau. Danach dann purer Spaß, sofern man nicht in den teils bösen Talwind gerät. Offizieller Landeplatz an der Alpspitzbahn- keinesfalls hinter dem kleinen Erdwall landen – Turbulenzen! Flug zur Hausbergbahn dürfte sich bei Gegenwind nicht oder nur sehr knapp ausgehen.

Ein Abflug mit dem Gleitschirm an der Alpspitze dürfte höchstens bei Restschneefeldern und ideal anstehendem Wind funktionieren. Ich bin nicht allzu zimperlich mit meinem Gleitschirm, hätte ihn aber dort oben nicht ausgelegt. An Rennen ist ohnehin eher nicht zu denken.

Ausrüstung: Wir hatten jeweils einen Pi2, ein Strapless und eine SQR-Light-Rettung (alles ADVANCE) dabei. Das wiegt insgesamt etwa knapp 4 Kilo, wenn man will kommt man wahrscheinlich in Richtung 3 kg, wenn man die Rettung weglässt und die leichten Tragegurte am Pi2 wählt. Das Bergsteiger-Gleitschirm-Ausrüstungs-Gebrabbel habe ich hier etwas ausführlicher zusammengefasst.

 

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11 Comments

  • Reply Stephan Kaufhold November 5, 2019 at 12:29 am

    Super geil. Tolle Tour. Toller Bericht!

    • Reply ulligunde November 5, 2019 at 12:04 pm

      Hoi Stephan,
      merci! Freut mich, wenn der Artikel Dir gefällt. Jubigrat/Zugspitze/Stopselzieher schon mal gemacht?
      LG!
      Erika

  • Reply svenson November 5, 2019 at 11:48 am

    Ein Abstieg per Luftweg macht immer Sinn! Seilbahnnähe hin oder her.
    Frische Luft, bessere Aussicht….

    • Reply ulligunde November 5, 2019 at 12:03 pm

      Svensson! Wie schön von Dir zu lesen. Eigentlich hast du Recht, jap =)

      Bis bald mal hoffentlich!

  • Reply Gregor November 8, 2019 at 2:37 pm

    Tja Erika was soll ich sagen?
    Da hast du mal wieder einen tollen Bericht hingezaubert der Lust auf die nächste Bergtour macht.

    p.s. Beim nächsten Treffen geb ich dir dann einen Kaffee aus. 🙂

  • Reply Hannes November 9, 2019 at 9:19 am

    Wow, gigantische Tour. Von Ehrwald über den ganzen Jubi ist schon ewig lang. Und dann noch mit Gleitschirm. Mir hat schon der Weg vom Osterfelder über den Grat zur Zugspitze gereicht. Glückwunsch dazu und Hut ab!

    Die Absurdität des Zugspitz-Gipfels hast Du ja sehr schön eingefangen. 🙂 Das ist echt wie Karneval da oben. Nur mit weniger Freude.

    • Reply ulligunde November 9, 2019 at 3:22 pm

      Hi Hannes!
      Merci für die Worte! Osterfelder – Zugspitze ist eh auch schon mächtig. Ich glaube nach einem ganzen Tag am Grat kommt einem das Treiben auf der Zugspitze umso kurioser vor.
      Liebe Grüße!
      Erika

  • Reply Reiner November 25, 2019 at 10:29 pm

    Immer inspirierend, Deine hike&fly Geschichten … alpinistische Hochgefühle in Text und Bild perfekt auf den Punkt gebracht … danke für die Impressionen … ziehe den Pi2 auch so gerne knisternd in den Himmel auf und genieße das Allgäu-Wonderland von oben. Vielleicht trifft man sich einmal … many happy landings wünsche ich Euch! Viele Grüsse, Reiner

    • Reply ulligunde November 27, 2019 at 1:38 pm

      Hi Reiner!
      An Deinen Zeilen sieht man schon, dass Du ganz genau nachvollziehen kannst, was ich beim Fliegen empfinde =)
      Falls Du also mal ein grinsendes Mädel mit Pi am Startplatz siehst: Sprich mich an! 🙂
      LG!
      Erika

  • Reply Martin Scharfe März 8, 2020 at 3:50 pm

    Genial! Hätte ich damals auch gerne gehabt…
    Wir sind „nur“ den Jubigrat gegangen. Am 09.09.2009. Bei Kaiserwetter. Mit der ersten Bahn hoch.
    Damals waren wir noch keine Piloten.
    Lieben Gruß
    Martin

    • Reply ulligunde März 9, 2020 at 12:02 pm

      Hi Martin,
      merci! Vielleicht dann wieder am 2. 2. 2022 und dann mit Schirm? 😉
      LG!
      Erika

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