Prüfungshibbelei (Gleitschirmkurs Allgäu)

Mai 20, 2018

Der zweite Teil vom Gleitschirmkurs im Allgäu bedeutete: Höhenflüge sammeln! Gemeinsam mit der Flugschule Rohrmeier Milz hüpften wir auf dem Weg zum A-Schein Mal um Mal die Hänge von Bolsterlang, Hinang und Co hinunter. Legten Ohren an, klappten, rollten, nickten. Und fragten uns bis zum letzten Moment: Werden wir ab Samstag Freiflieger oder weiterhin Flugschüler sein?

Gleitschirmkurs Allgäu _ Rohrmeier Milz FlugschuleKribbeln im Bauch. Fast drei Wochen ist es her, dass wir das letzte Mal mit einem Stück Zeltstoff auf einer Wiese standen und fest entschlossen losrannten, um mit eben diesem gen Tal zu gleiten. Die Handgriffe sitzen noch einigermaßen gut, die Routine, die nicht nur für die Prüfung relevant ist, klappt. Wenig später hängt er in der Luft, bekommt Funk-Feedback von Martl, unserem fröhlichen Fluglehrer. Ich folge ihm nur wenige Momente später.

Es ist Anfang Mai, theoretisch ist in etwa einer Woche der nächste Prüfungstermin. Mit viel Glück könnte es sich glatt ausgehen, dass wir bis dahin unsere 40 Höhenflüge absolviert haben. Gutes Wetter, ein maximal effizienter Ablauf, eine nicht allzu große Gruppe vorausgesetzt…

Ob es klappt?

Gleitschirmkurs Allgäu

Immer wieder rechnen wir durch, ob es funktionieren könnte. Der nächste Termin wäre erst wieder einen Monat später, tief im Herzen eindeutig völlig unakzeptabel. Nochmal einen ganzen Monat warten! Und dann wieder der Realitäts-Check: Andere fahren von Stuttgart, Frankfurt und Bonn an, müssen sich freinehmen, brauchen Jahre. Wir? Schieben’s vor’s Arbeiten, nehmen uns notfalls mal einen Tag frei. Also er, der Michi. Mein Geschäftspartner, der verkappte Chuck Norris, braucht ja nicht mal ein „Morgen ist wieder Kurs! Komme erst Mittags ins Büro“, den Wetterbericht kennt er gefühlt noch bevor er online ist. Bis Samstag also 40 Flüge? Könnte klappen…

Ernüchterung

Der erste Tag verläuft ernüchternd. Ganze zwei Flüge gehen sich aus, bevor der Ostwind uns den Flugbetrieb für heute beendet. Der Michi darf noch, hinter ihm ist Schluss. Hinter ihm bedeutet: Genau vor mir. Hrmpf, eine bittere Erfahrung. Aber eine gute Einstimmung auf die nächsten Tage. Der Sonntag wird besser, wir schaffen tatsächlich fünf Flüge. Korrigiere, ich schaffe fünf, er natürlich sechs, weil er ganz offensichtlich nicht nur mit dem Seilhandling beim Alpinklettern rattenschnell ist, sondern eben auch mit den Leinen am Gleitschirm. Ich nehme zusammen mit ein paar Kollegen abermals die Gondel zurück ins Tal. Hrrmmppfff…

Gleitschirmkurs im Allgäu? Anstrengend!

Videoanalyse im Gleitschirmkurs AllgäuVöllig fertig falle ich aus der Gondel direkt in die Wiese, gemeinsam mit zwei anderen aus dem Kurs haben wir uns heute den maximalen Stress gegeben: Noch halb in der Landung rupft man sich gegenseitig die Packsäcke aus den Rucksäcken, verpackt den Gleitschirm, während der andere gerade noch aus dem Gurtzeug schlüpft. Der Fahrer unserer Flugschule erkennt die Lage: Wir meinen es ernst. Er findet’s cool, springt sofort, wenn unsere Vierercrew vereint ist, chauffiert uns „Anarchiiiie!“ murmelnd auf Abkürzungen zur Talstation, wo wir mehr rennend als atmend in die Gondel flitzen. Einen Moment Pause, die Trinkflasche chronisch zu tief im Packsack verstaut, Pipi hat ohnehin bis Mittag zu warten.

Entspannt wäre auch eine Option

Die anderen Teilnehmer? Nehmen’s gelassener und die Realität wie sie ist: Den Gleitschirmkurs in Ruhe zu absolvieren und dafür eben zwei, drei Monate zu brauchen, ist nämlich die andere Variante. Die entspanntere, gesündere und im Grunde bessere –  zumindest wenn man es rational sieht. Ist nur eben nichts für Ungeduldigundes samt Anhang. Wir also:

Raus. Runter. Gleitschirm auslegen. Mit der Zeit weichen andere Teilnehmer schon zurück, lassen uns im Vertrauen darauf, dass wir eh gleich weg sind, vor. Sind wir. Oder zumindest eben er, der Michi. Ich hinterher, die Fluglehrer schon ausgiebig am Spaßen, was wohl passieren würde, wenn sie bei uns einmal die Reihenfolge ändern würden. Oder gar jemand anderen dazwischen ließen!

Es könnte klappen!

Gleitschirm Bolsterlang Advance Flugschule Rohrmeier MilzAm Montag Abend zeichnet es sich dann ab: Mit viel Glück könnte es mit der Prüfung am Samstag klappen! Den Dienstag geben wir uns nochmal sie volle Dröhnung, sammeln Flüge wie verrückt und sitzen nachmittags lethargisch im Büro.

Korrigiere: Ich sitze lethargisch im Büro, kassiere einen etwas besorgten Blick vom Kollegen, weil ich wohl selbst während unseres Harakiri-Drehs vor einigen Wochen nie so in den Seilen hing. Er, der Michi hingegen, radelt sicherheitshalber noch ein paar Runden auf den Hausberg hoch. Fertig bekommt den auch einfach gar nichts.

Es wird klappen!

Flugschule Rohrmeier Milz Allgäu GleitschirmkursUnd dann ist es irgendwann klar: Wir werden das mit der Prüfung aller Voraussicht nach wirklich schaffen. Die Tage werden entspannter, wir fahren eine Stufe runter, riskieren gar mal einen Toilettengang. Die 40 wird voll, zuerst in seinem, dann in meinem Buch. Und weil für Samstag so viele Prüflinge angemeldet sind, bietet uns der Chef an, die Prüfung bereits jetzt zu machen. Ob wir da Interesse hätten? Wildes Nicken, großes Grinsen. Unruhige Nacht, Nervosität bei der Hinfahrt. Wie wird die Prüfung ablaufen? Werden wir es beide schaffen? Fertiges Kopfkino, wie sehr wir Abends die absolvierte Ausbildung begießen würden…

Hoffnungsschwund

Bolsterlang Landeplatz Gleitschirm

Zunächst aber: Warten. Der Prüfer kommt erst gegen späten Vormittag. So weit kennen wir die Wetterlage und wissen, dass eben zu diesem Zeitpunkt irgendwann dank der stärker werdenden Thermik Schluss mit Fliegen sein wird. Die ersten Flüge finden bei Traumbedingungen statt. Ruhige Luft, alles easy. Immer wieder der unruhige Blick, ob nicht endlich das Auto des Prüfers am Landeplatz steht. Nichts…

Ein weiterer Flug. Wieder alles ruhig. Nichts. Es wären perfekte Prüfungsbedingungen. Wir werden nervös, fahren ein weiteres Mal hinauf. Der Wind frischt auf, unsere Hoffnung sinkt. Während die Gondel in die Station einfährt, taucht plötzlich der blaue Bus am Landeplatz auf. Vielleicht klappt es doch noch?

Hoffnungsschimmer

Wir lassen uns Zeit, ahnen, dass es Prüfung hin oder her der letzte Flug für heute sein würde. Dann das Grinsen unseres Startplatz-Fluglehrers: Seid ihr bereit für die Prüfung? Euphorisches Nicken, während der Bauch sich zusammenzieht und klassische Prüfungssymptome auffährt. Huaaa, so nah am Ziel!

Kein Prüfungungsflug

Der Michi steht wie immer vor mir, ich ertappe mich einen Moment dabei, neidisch nach vorne zu schauen. Zwischen ihm und mir liegen zwei andere Schirme – die Windsituation ist definitiv nicht mehr völlig entspannt. Zu ähnlich ist die Situation zu den Tagen zuvor. Die Hoffnung sinkt wieder, zumindest für mich.

Er macht das schon, denke ich mir noch und bin leicht geschockt, als er das erste Mal seit langem einen schiefen Start mit anschließendem seitlichem Einklappen hinlegt. Die Meldung geht sofort per Funk ins Tal – zu viel Höhenverlust, kein Prüfungsflug.

Kein Prüfungsflug, hallt es in meinem Kopf nach. Maximale Enttäuschung hier oben am Startplatz – sowohl für ihn, als auch für mich selbst, denn unterbewusst ist klar, dass nach so einem Start der Wind nicht mehr den Sicherheitsvorstellungen der Flugschule entspricht. Die steht dort an erster Stelle.

Juni ist ja bald!

Mir müssen sämtliche Gesichtszüge entglitten sein, so mitfühlend wie Martin, ein weiterer maximal sympathischer Fluglehrer aus der Flugschule, auf mich zuspringt, mir gut zuredet und mir aufmunternd auf die Schulter klopft. Morgen ist auch noch ein Tag! Und während er noch darüber philosophiert, dass das Teil des Gleitschirmfliegens ist und dass selbst wenn das Wetter für die nächsten Tage so schlecht wird, wie vorhergesagt, Juni ja auch bald ist, schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. Der Wind nimmt sofort ab.

Ich wage es ja gar nicht auszusprechen, er hüpft fröhlich an die Kante und fühlt gewissenhaft nach. Kurze Absprache mit dem Landeplatz. „Ganz einfache Bedingungen sind es nicht, aber es ist noch im grünen Bereich“. Die Frage, ob ich es versuchen will, ist völlig rhetorisch, das ist jedem beteiligten klar. Grüner Bereich, letzte Chance. Meine Chance!

Hochgefühl

Markus Milz Ulligunde Gleitschirmkurs AllgäuDie nächste gute Phase wird genutzt, ich komme trotz maximaler Nervosität gut raus, der Flug verläuft überraschend ruhig. Die Manöver klappen einwandfrei, der Funk ist still, die Landung läuft und während ich noch meinen Schirm zusammenraffe, klopft mir schon eine Hand auf die Schulter: Markus, der Chef der Flugschule persönlich, grinst und schickt mich zum Prüfer. Der grinst ebenfalls, reicht mir die Hand, ich ignoriere die Hand und falle ihm hüpfend um den Hals. Fertig! Bestanden! Ab hier wartet die Freiheit, die Selbstverantwortung und bestimmt eine neue steile Lernkurve! Aaah!

Glück, die alte Sau

LieblingsteamUnd inmitten dieser Euphorie kommt die Erkenntnis wie ein Hammerschlag: Der Michi!? Ein weiterer Flug geht sich nicht aus, heute wird es nichts mehr mit der Prüfung. Die Stimmung sackt in den Keller, der Film vom abendlichen gemeinsamen Anstoßen reißt ab.

Betröppelt fahren wir nach Hause, er geht sportlich damit um. Noch ein bisschen tiefer sinkt die Stimmung als klar ist, dass am nächsten Tag kein Flugwetter sein wird. Vielleicht am Tag drauf – mit etwas Glück. Ansonsten dann in einem Monat. Aaaah!? Glück… Schon wieder braucht es Glück, diese alte Sau.

Happy End

Wir lenken uns mit Klettern ab, das geht schließlich auch bei Wind ganz famos. Immer wieder der hoffnungsvolle Blick in die Windprognose – unsere laienhafte Interpretation ist eigentlich positiv. Die Ansage am Abend gibt uns Recht: Acht Uhr Treffpunkt in Bolsterlang,  Prüfungshefte mitbringen! Eine Nacht, ein nervöses Frühstück und ein perfekter Flug später steht er grinsend am Landefeld, schüttelt die Hand des Prüfers und weiß: Ab hier wartet die Freiheit. Und dann wieder gemeinsam!

Fun Fact:
Die anderen Kursteilnehmer, die sich deutlich weniger Stress gemacht haben, bekamen am Samstag auch noch ihre Prüfungschance. Gelassenheit siegt, vielleicht lernen wir das ja auch noch irgendwann 😉

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//Bilder 1,5,6,7,8,9 sowie Header von Adi Geisegger.

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