Gehrenspitze Westgrat

Juli 17, 2016

Ein Vierer-Grat hier im Allgäu, das war früher genau mein Ding. Gerade so schwer, dass ich es wahrscheinlich gut schaffen müsste, schöne Aussicht immer garantiert. Und auch wenn heute Vierer-Längen eher jene zum Zeit-Gutmachen sind, heißt das nicht, dass diese Touren nicht schön wären. Es sind nur nicht mehr die tagesfüllenden Abenteuer, sondern eben eher die abwechslungsreichen Feierabendtouren. Möchte man zumindest meinen…!

Die ersten paar Seillängen am Grat.Schon wieder fanden wir uns in weglosem Gelände. Wir wollten uns die erste Seillänge sparen, Einser-Gelände, »das machen wir doch ohne Seil!«. Schon kam mir der erste Griff entgegen und bröselte fröhlich hinab in den tiefen Abgrund unter uns. Bereits im Zustieg hatten wir Dank unseres blinden Vertrauens in Outdooractive querfeldein zusteigen müssen, denn der verzeichnete Weg war nicht vorhanden. Nun zogen wir auf einem exponierten Vorsprung unsere Gurte an, statteten uns mit Friends und Keilen aus und aßen einen letzten Müsliriegel bevor die Schwierigkeiten beginnen würden.

Die erste Seillänge würde keine Haken haben, die Wegfindung könnte problematisch werden. Noch dazu hatten wir für den Zustieg wegen unseres naiven Vertrauens in das Kartenmaterial länger als geplant gebraucht. Bis die Sonne untergehen würde, hatten wir nun nur noch etwa drei Stunden. Im Führer war für den gesamten Grat 3,5 Stunden angegeben – und dann nochmal eine Stunde zum Gipfel. Wir mussten Gas geben, wenn wir nicht im Dunkeln unseren Weg suchen wollten. Anspannung machte sich breit. Schaffen wir das?

Falscher Film?

Keine Sorge, die Tour war tatsächlich eine ganz famose Feierabendtour, innerhalb von zwei Stunden waren wir durch. Während ich allerdings die Einleitung tippte wurde mir klar, dass diese Art von Tour früher wirklich ein Abenteuer gewesen wäre. Heute ist es für uns eine recht gemütliche Feierabendtour. Das gibt mir in zweierlei Hinsicht zu denken:

Der Respekt vor der Tour

Gehrenspitze WestgratWir dürfen auch bei vermeintlich leichten Touren nicht vergessen, dass wir uns in exponiertem Gelände befinden. Wir sollten uns auch für solche Touren eine gewisse Portion Respekt behalten, allzu leichtfertig dürfen wir damit nicht umgehen, denn auch – oder gerade – in solchen Touren passieren Unfälle. Und ein aufziehendes Gewitter macht keinen Unterschied, ob wir mit Bammel oder Arglosigkeit in die Tour eingestiegen sind.

Touren sind für jeden anders

Gehrenspitze-Westgrat © Filip BrockeAndererseits zeigt es mir aber auch die Vielseitigkeit, wie Menschen Touren unterschiedlich wahrnehmen. Ich hätte früher den Westgrat der Gehrenspitze sicher als spannendes Abenteuer wahrgenommen und auch als solches beschrieben. Heute ist es eine Tour, der wir in diesem Fall ganz easy gewachsen waren. Über die ich nicht mal mehr einen ausführlichen Tourenbericht schreibe. Arrogantigunde.

Für andere hingegen ist die Comici an der Großen Zinne eine Tour, der sie völlig gewachsen sind – ich kann darüber seitenweise einen Abenteuerroman schreiben.


Welche Ausrüstung ich bei solchen Touren derzeit dabei habe:
(Die ganze Übersicht gibt’s hier)



Ist das albern!?

Schon auch schön hier! © Filip BrockeABER: Andererseits könnte ich über den Westgrat der Gehrenspitze ebenfalls so einen Roman schreiben, die Gegebenheiten (Gurt im starken Wind anlegen, ganze Seillängen zum Selbstabsichern, ein exponierter, anspruchsvoller Reitergrat, ein brüchiges Finale, Zeitdruck) waren durchaus vorhanden. Ich käme mir dabei aber albern vor, genauso wie ein routinierter Kletterer sich bei so einer Beschreibung der Comici womöglich albern vorkäme. Vielleicht auch ein Grund, weshalb so viele Bergblogs so neutral geschrieben sind.

Warum komme ich mir dann aber nicht albern vor, wenn ICH über die Comici schreibe? Und müsste ich mich mit der Logik nicht im Nachhinein für viele Tourenbeschreibungen »schämen«?! Tue ich nicht, habe ich auch noch nie darüber nachgedacht, aber das wäre doch die Konsequenz!? Oder »müsste« ich konsequenterweise über jede unternommene Tour im Abenteuerstil berichten?! Verwirrend 😉

Respekt vor anderen

Gipfelblick von der Gehrenspitze.Fest steht jedoch: Ich zögere häufig mit dem Ausdruck „leichte Tour“ – für viele ist es degradierend, wenn jemand über eine Tour sagt, dass sie „leicht“ ist, obwohl man selbst womöglich hart darin kämpfen musste. Klar, das ist das Schöne an der Kletterei. Jeder hat sein Level, jeder beißt und kämpft – ganz unabhängig davon, ob da nun eine 5 oder eine 9 als Schwierigkeit angegeben ist. Wir müssen uns nur den Respekt bewahren – den Respekt gegenüber einer vermeintlich „einfachen“ Tour und den Respekt gegenüber anderen, die vielleicht noch nicht so stark klettern. Wir haben alle klein angefangen und im Vergleich zu vielen anderen sind auch wir ganz klein!

Leicht ist nicht gleich langweilig

Und ganz sicher bedeutet ja eine Tour, der man durchwegs gut gewachsen war, nicht automatisch, dass sie langweilig war. Es war womöglich nicht hart abenteuerlich, es war vielleicht einfach nur schön. Und solange man Freude hat und mit netten Menschen unterwegs war, spielt der Schwierigkeitsgrad erfreulicherweise ja sowieso keine Rolle. Auch etwas, das man nicht vergessen sollte. In diesem Sinne: Geht raus und genießt »einfach« mal.

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8 Comments

  • Reply Sabrina Juli 18, 2016 at 1:24 pm

    Oh das klingt nach einer feinen Tour. Eine die ich mir vermutlich eventuell auch noch zutrauen würde…. Und wie immer tolle Bilder!

    LG und Bussi, Brina

  • Reply Chris Juli 21, 2016 at 10:37 pm

    Oooh, der Gehrengrat! Meine erste und bisher einzige alpine Klettertour. An dem Reitergrat musste ich mal kurz die Luft anhalten und unterwegs gingen mir auch an einer Stelle mal kurz die Griffe aus, der Rest war aber recht entspannt – natürlich im Nachstieg! 😉

    leider ist es bisher aus diversen Gründen bei dieser einzigen Tour geblieben! 🙁

    • Reply ulligunde Juli 22, 2016 at 2:33 pm

      Hi Chris! Oh wie schade, dass es bisher die einzige Tour dieser Art für Dich war! Und ja, der Reitergrat hat auch mich ganz kurz überrascht, so richtiges Dreier-Gelände war das irgendwie nicht. Aber wahrscheinlich gibt’s ne leichtere Lösung 😉

      Ich wünsch Dir viel Glück, dass sich doch so eine Tour irgendwann mal wieder ausgeht!

      Liebe Grüße
      Erika

  • Reply Flo(h) August 23, 2016 at 9:15 am

    Hallo Erika,
    danke für deine guten Berichte. Gerade die Veränderung der Wahrnehmung beobachte ich auch bei mir immer wieder (oft auch mit einer gewissen Beunruhigung). Leider verschiebt sich die Wahrnehmung auch wieder in die andere Richtung, wenn man mal eine längere Zwangspause hat.
    Mach so weiter mit deinem Blog (und natürlich auch oder vor allem mit deinen Touren). Viel Erfolg bei deiner Fort-/Ausbildung und vielleicht wirst ja wirklich bald Bergführerin 😉

    Schöne Grüße
    Flo(h)

    • Reply ulligunde August 26, 2016 at 7:26 pm

      Hi Flo mit ohne H!

      vielen Dank für Deine netten Worte! Die Wahrnehmung verschiebt sich, aber eigentlich ist auch das irgendwie spannend zu beobachten. Dass die Routine nachlässt, wenn man länger nicht in den Bergen war, ist ärgerlich. Ich hoffe Deine Zwangspause war positiver Natur.

      Na, und das mit dem Bergführer, das wird glaub nix mehr. Die brauchen glaub keine Führer, die zum lahmen Krabbeltier werden, sobald es etwas brüchig wird 😉

      Liebe Grüße!

      Erika

  • Reply Sandra September 14, 2016 at 9:49 am

    Die Tour sieht wirklich machbar aus selbst für mich 🙂 Danke für diesen guten Vorschlag und Inspiration! Liebe Grüße aus dem Hotel im Salzburger Land

  • Reply Sarah November 2, 2016 at 11:30 am

    Ein schöner Bericht! Vielen Dank für das Teilen dieser großartigen Tour. Die würde ich mir bestimmt auch noch zutrauen. Beste Grüße aus unserem Urlaub in Oberstaufen

    • Reply ulligunde November 21, 2016 at 8:08 am

      Liebe Sarah,

      na dann los! Die Tour ist wirklich empfehlenswert und meist auch gut gesichert. Viel Spaß!

      Liebe Grüße

      Erika

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