Keine Angst beim Klettern – Interview mit Mentaltrainerin Melanie Michalski

Mai 13, 2016

Melanie Michalski hat Psychologie und Soziologie studiert und ist ausgebildetete Mental-, Kletter- und Kommunikationstrainerin. Sie betreibt seit etwa vier Jahren die Kletter-Werkstatt, in der es neben Technik- vor allem auch um Mentaltraining geht. Die Homebase ist dabei München.

Melanie, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für meine Fragen nimmst!

Sag mal… Wovor fürchten wir uns eigentlich?

© kletter werkstattAngst beim Klettern ist nicht immer greifbar, das allein gibt uns schon ein ungutes Gefühl. Wann kommt die Angst? Wird sie noch größer? Kann ich damit noch umgehen? Es geht darum, diesen nebulösen Begriff der Angst greifbar zu machen. Dafür müssen wir uns zunächst einmal damit auseinandersetzen, wofür wir diese Angst haben. Geht es um die Angst loszulassen? Um den freien Fall? Um die Berührung mit der Wand? Ist es womöglich mangelndes Vertrauen in den Sicherungspartner?

Meiner Erfahrung nach fürchten sich die meisten davor, die Kontrolle zu verlieren. Wir müssen also lernen, „kontrolliert“ die Kontrolle zu verlieren. Wir müssen uns mit der Angst auseinandersetzen. Mit ihr Kontakt aufnehmen. Wir können sie nicht abschalten, das funktioniert nicht. Wir können aber lernen, sie zu akzeptieren und mit ihr liebevoll umzugehen.

Wie „trainiert“ man die Angst?

Es geht um die innere Auseinandersetzung, den inneren Dialog.
Es ist nämlich so: Die Nervenbahnen im Gehirn sind unterschiedlich dick – je öfter bestimmte Dinge wiederholt werden, desto dicker ist die neuronale Verknüpfung. Viele kennen es, dass man beim Klettern plötzlich Angst vor dem Unbekannten bekommt und man sofort „zu“ sagt, teilweise ohne es richtig zu merken. Diese Verknüpfung „Angst vor dem Umbekannten“ mit dem Kommando „zu“ ist sozusagen eine sechsspurige Autobahn im Kopf. Sie ist stark gefestigt und es hilft nichts, sich fest vorzunehmen, nächstes Mal nicht „zu“ zu sagen. Das funktioniert nicht.
Unsere Aufgabe als Trainer ist es, Ideen und neue Lösungsansätze aufzuzeigen – in diesem Fall zum Beispiel, dass man erstmal noch einen weiteren Zug macht. Dadurch entsteht ein kleiner Trampelpfad neben der Autobahn und je häufiger wir diesen Pfad verwenden, desto dicker wird er.

Ein großes Missverständnis bei mentalem Training ist aber häufig die Meinung, es wäre wie eine Pille, die man einfach schluckt und dann ist die Angst weg. So ist das nicht. Es ist ein langer Prozess, wir als Trainer geben immer nur einen Anstoß. Es braucht Geduld.

Was rätst Du Deinen Klienten für den Moment, wenn während des Kletterns sich die Angst/der Kopf einschleicht? Gibt es da Tricks?

Sommerfeeling © kletter werkstattEin hilfreicher Trick ist in der Situation der „Gedankenstopp“. Sich einschleichende Gedanken wie „Oh Gott, das kann ich nicht“, „der Griff sieht aber schlecht aus“ oder „der nächste Haken ist furchtbar weit weg!“ kennen sicher viele. Jeder hat so seine Lieblingsgedanken, die man identifizieren muss. Nun hilft es, sich im Vorhinein einen alternativen, positiven Satz oder ein Bild zu überlegen. Bei einer meiner Klienten war das zum Beispiel der Satz „Julia, du schaffst das!“. Jedes Mal, wenn sich bei ihr also einer dieser „Lieblingsgedanken“ eingeschlichen hat, sagte sie sich ihren Satz vor. Häufig auch laut, sodass man es unten hören konnte! Es war fast schon ein Mantra und half ihr enorm. Sie machte riesige Fortschritte, das war großartig zu sehen!

Wie sieht Sturztraining aus? Was sollte man beachten?

Es gibt drei Zonen, die Komfortzone, die Risikozone und die Panikzone.
Man sollte darauf achten, dass man sich beim Sturztraining zwar ein wenig aus der Komfortzone begibt, aber keinesfalls direkt in die Panikzone. Das ist kontraproduktiv und häufig auch gefährlich.

In meinen Trainings machen wir es meist so, dass meine Kursteilnehmer zunächst loslassen, wann sie möchten – ob nun im Toprope oder im Vorstieg – je nach Risikozone. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Sie als nächstes auf mein Kommando loslassen. Als letzte Stufe steigen sie in eine Projektroute ein – also eine Tour, die über ihrem Leistungslimit ist, wo also ein Sturz wahrscheinlich ist. Hier gibt es kein „zu“ mehr – die Teilnehmer klettern, bis nichts mehr geht und stürzen dann unweigerlich. Wobei hier natürlich immer das Thema Sicherheit und objektive Gefahren mit bedacht wird.

Sturztraining beim KletternSturztraining ist übrigens nicht nur für den Kletterer, sondern auch für den Sicherer wichtig. Man klettert schließlich immer zu zweit. Der Kletterer lernt, dass es in Ordnung ist, loszulassen. Er gewöhnt sich an die Situation. Der Sichernde erfährt, wie sich der Kletterer verhält – Stichwort „Gewichtsunterschied“: Das muss auch auch gelernt werden. Die Kommunikation dabei ist ganz wichtig. Hat alles gepasst? Gibt es etwas, das man besser machen könnte? Darüber muss unbedingt offen gesprochen werden.

Grundsätzlich ist beim Sturztraining aber das wichtigste, dass alles sicher ist. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass man keine Stürze in einem Quergang übt und natürlich einen Grounder ausschließt. Also nicht an den ersten drei Exen stürzen.

Wie verhalte ich mich während des Sturzes?

Hauptsache nicht an das Seil greifen! Es kann Schlaufen bilden und zu bösen Verletzungen führen. Ich empfehle meinen Kursteilnehmern immer, die Hände zur Seite zu strecken, wie ein fliegender Vogel. Ansonsten mit dem Blick den Knoten fixieren, damit wandern die Hände an den Knoten, nicht an das lose Seil.

Sollte ich mich auch meiner Angst stellen, wenn ich eigentlich keine Lust dazu habe?

Wir sind nicht immer gleich leistungsfähig. Es gibt Tage, an denen ich unglaublich Angst habe und welche, an denen ich total frei bin. Es geht um den liebevollen Umgang mit uns und der Angst. Das bedeutet nicht, dass wir nach einem anstrengenden Tag einfach nur alles im Toprope machen. Aber wenn der Kopf tagsüber schon so angespannt war, ist heute vielleicht Ausdauertraining besser.

Ganz wichtig dabei ist, ehrlich zu sich selbst zu sein. Sich selbst zu reflektieren. Denke ich mir gerade nur aus „Bequemlichkeit“, dass ich heute kein Sturztraining machen möchte? Oder ist es „echt“? Die Frage muss man sich selbst ganz ehrlich beantworten und daraufhin eine bewusste Entscheidung treffen. Wenn ich mich bewusst dafür entscheide, heute nur Ausdauertraining zu machen, gibt es im Nachhinein auch kein „ach hätte ich doch heute…“, denn ich bin selbst für diese Wahl verantwortlich. Wenn ich mit dieser Entscheidung im Nachhinein doch hadere, kann ich mich selbst nochmal hinterfragen und lernen, noch besser einzuschätzen, wann die Bequemlichkeit in mir spricht oder ein echtes Bauchgefühl.

Noch ein letztes Wort zum Thema?

Happy time! © kletter werkstattNehmt das Klettern als Freizeitbeschäftigung wahr. Das wichtigste ist, die Motivation und den Biss zu erhalten – das funktioniert am besten über Freude an diesem Sport. Das ist das Ziel. Wir sind keine Leistungssportler.

Ich rate meinen Kursteilnehmern immer, bei der Wahl der Touren nicht nach einer bestimmten Zahl zu gehen, sondern nach schönen Linien oder vielversprechenden Bewegungen zu schauen. Erst dann prüfe ich den Schwierigkeitsgrad und sehe dann, ob es ein Onsight-Versuch oder ein Projekt wird. Hauptsache es macht Spaß! Man kann dazu schon auch gezielt trainieren, es muss aber zum Rest des Lebens passen. Die besten Erfolge habe ich persönlich immer dann, wenn ich ohne Druck und mit viel Freude bei der Sache bin. Ein übertriebener Ehrgeiz, schnell viel besser zu werden, bremst häufig eher aus.

Liebe Melanie, vielen Dank für Deine Zeit!

Hier geht`s zur Website der Kletter-Werkstatt.

 

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1 Comment

  • Reply Sabrina Mai 18, 2016 at 11:56 am

    Das mit dem positiven Satz kommt doch generell aus dem autogenen Training, oder? Von diesem „Gedankenstopp“ habe ich schon öfters gehört und ihn auch schon in anderen Bereichen des Lebens angewendet. Zum Beispiel, wenn man sich gerade in einen negativen Strudel redet etc.

    Das ist ne coole Sache, auch wenn es manchmal wirklich albern wirkt.

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