Hochvogel

Juni 27, 2011

Er ist markant, er ist imposant, er ist von Weitem als Erstes erkennbar. Viele nennen ihn den „Wächter des Allgäus“, wo er doch zur Hälfte zu Österreich gehört. Es ranken sich die wildesten Geschichten um ihn: Von Abstürzen, extrem langen Gehzeiten, schwieriger Kletterei und steilen Schneefeldern… Aber auch von geringer Gehzeit, leichter Kletterei, atemberaubender Aussicht. Höchste Zeit diesen Geschichten auf den Grund zu gehen und sich selbst ein Bild zu machen. Höchste Zeit, ihn zu erklimmen: Den HOCHVOGEL.

Nachdem ich den Mittag noch beim Klettern verbrachte, starteten wir drei Mädels um fünf Richtung Hinterhornbach im Lechtal. Pünktlich um halb sieben schulterten wir die schweren Rucksäcke (15kg?) und machten uns auf, um noch vor Sonnenuntergang die Felsen des Hochvogels zu erreichen. Der Plan der zwei Tage: Übernachtung direkt bei der Weggabelung an der wir nach der Überschreitung wieder zurückkommen würden, morgens mit dem Sonnenaufgang via Bäumenheimer Weg zum Gipfel und anschließend der Abstieg auf der anderen Seite über den Kalten Winkel und Fuchsensattel.

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Wir stiegen bei perfekten Bedingungen und schnellem Tempo die 1000hm zum Einstieg des Bäumenheimer Weg auf, wobei die Rucksäcke mit jedem Höhenmeter stärker nach unten zogen. Machte nichts, die Aussicht auf die umliegenden – schnell kleiner werdenden Berge – und auf ein warmes Abendessen entschädigten die Anstrengung.

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Der Zeltplatz lag schon lange im Schatten des großen Hochvogels, dennoch war die Aussicht auf die umliegenden Berge wunderschön.

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Um zwei Uhr zog mich der einmalige Sternenhimmel aus dem Zelt und ich verbrachte die restliche Nacht unter freiem Himmel. Um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen, klingelte der Wecker um 4.30 und nach einem gemütlichen Frühstück und Verstecken unserer Ausrüstung machten wir uns auf zum Gipfel.

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Durch die vielen unterschiedlichen Beschreibungen des Weges wussten wir nicht, was auf uns zukommen würde. Wir packten unsere Helme ein und liefen einfach drauf los. Während der Querung des ersten Geröllfeldes begegneten wir zahlreichen Gämsen, der Rest der Welt schien jedoch noch zu schlafen und so genossen wir die Stille des Sonnenaufgangs, während wir uns langsam emporschraubten. Nachdem wir in die Flanke eingestiegen war, wurde die Kletterei zunehmend schwieriger aber nie wirklich grenzwertig. Man darf manchmal einfach nicht dran denken, dass ein herausbrechender oder abrutschender Tritt einen Absturz mit Todesfolge bedeuten könnte. Wir vergaßen die Zeit und konzentrierten uns auf’s Klettern. Nach 1,5h schaute ich doch auf die Uhr und wunderte mich, wo denn der Gipfel blieb. Während ich noch darüber nachdachte, hörte ich etwas weiter oben den Ruf: „Wir sind da!!“. Das Gipfelkreuz schaute ganz plötzlich durch eine Felsnische und war zum Greifen nah. Keine Minute später standen wir auf dem berühmten Gipfel – ganz ohne Abstürze, ohne extrem schwere Kletterei aber dafür mit einer atemberaubenden Fernsicht:

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In der Wanderkarte war der Aufstieg als normaler Wanderweg eingezeichnet – der Abstieg jedoch gepunktet, also anspruchsvoller. Wir waren uns nicht ganz sicher, was denn so viel anspruchsvoller als der Bäumenheimer Weg sein könnte – schließlich war es dort stellenweise echte Kletterei. Das lange Geröllfeld in dem wir direkt unterhalb des Gipfel einige hundert Höhenmeter absteigen mussten, war zwar loses Gestein aber nicht extrem steil. Und auch der restliche Weg bis zum berüchtigten Kalten Winkel entpuppte sich als wenig anspruchsvoller Weg. Mich würde ja interessieren, was bei der Einstufung der Wege als Kritierium herangezogen wird.

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Das Schneefeld im Kalten Winkel war dafür tatsächlich steil, allerdings waren die Bedingungen nahezu optimal und wir konnten im angetauten Schnee und in der bereite angelegten Spur die Hacken ordentlich reinstampfen. Nicht zu vergleichen mit der Aktion am Hohen Ifen vor wenigen Wochen! Anschließend mussten noch zahlreiche Geröll- und kleine Schneefelder gequert werden und wieder einige Höhenmeter zum Fuchsensattel aufgestiegen werden. Dahinter erwartete uns nochmals ein weitläufiges Geröllfeld und nach 5 Stunden standen wir am späten Vormittag und bei wolkenlosem Himmel wieder bei unserer deponierten Ausrüstung.

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Mein kleines Rucksack-Thermometer zeigte Temperaturen um die 30°C an. Wir packten unsere Ausrüstung zusammen, aßen noch unsere letzten Vorräte auf (die Rucksäcke noch irgendwie leichter kriegen!) und machten uns dann bereit zum Abstieg. Die Rucksäcke erschienen nach den vielen Höhenmetern und bei der Hitze schwer und wir spurteten die 1000hm herunter, um die Last so schnell wie möglich loszuwerden. Der Hochvogel wurde schnell kleiner und unten im Tal erschien er wieder genauso unnahbar und fern wie noch 18h zuvor.

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Es war eine schöne Tour bei perfekten Bedingungen. Der Hochvogel hat seine Abschreckung verloren und erscheint nun als ein Berg für einen abwechslungsreichen Tag mit großer Aussicht. Er hat aber auch gezeigt, dass wir noch mehr können: Da bin ich gespannt auf die kommenden Projekte!

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5 Comments

  • Reply eossegeltoern Juni 30, 2011 at 3:18 pm

    Erika, da hast Du wieder gut fotografiert. Alles ohne Wolken. Übernachten unter freiem Himmel ist immer ein Erlebnis, nur schade, dass man es nicht lange genießen kann, weil man einschläft.Hier in Albaniens Süden sind die Berge braun und kahl und ohne Schneefelder um diese Zeit. Bergsteigen? Hier völlig unbekannt Papa

  • Reply Da passiert schon nichts… « ulligunde April 29, 2012 at 8:49 am

    […] Sommer passiert, dass ich auf dem Gipfel eines Dreitausenders (also ohnehin schon exponiert) nachts vom Gewitter überrascht wurde. An Abstieg war nicht zu denken, der Weg war ziemlich steil und sehr rutschig. Das massive […]

  • Reply Kraxelei im Nebel: Gaißhorn – Rauhorn – Schrecksee, Allgäuer Alpen « ulligunde Juli 3, 2012 at 8:28 am

    […] Klettern ist schön – aber weder für Fotografie noch Bloggerei wirklich ertragreich. Weil ich einfach schon lange keine schönen Bergfotos gemacht habe und der Schnee sich inzwischen zumindest so weit zurückgezogen hat, dass wenigstens ein paar anspruchsvollere Bergtouren im Allgäu wieder möglich sind, überredete ich meinen Freund zu einer Tagestour in der Heimat. Südseitig sind die Berge bis 2.000 m inzwischen machbar, was zwar nicht für den Widderstein oder das Hohe Licht reicht, aber für das Gaißhorn allemal. Dieser Gipfel wurde mir kürzlich als „schönste Tour im Allgäu“ empfohlen, was mich natürlich hellhörig werden ließ, immerhin beanspruche ich diesen Titel schon seit langem für den Bäumenheimer Weg am Hochvogel. […]

  • Reply Biene Juli 24, 2016 at 5:43 pm

    Hallo Ulligunde,

    toller Bericht, der Lust auf mehr macht. Der Hochvogel war einer der ersten Gipfel, die ich benennen konnte. Oben war ich bislang leider noch nicht. Hoffentlich wird es noch was, bevor der Gipfel auseinander bricht.

    Viele Grüße
    Biene aka BabyMufflon

    • Reply ulligunde Juli 25, 2016 at 9:59 am

      Hallo Biene!

      Ohja, die Tour auf den Hochvogel über den Bäumenheimer Weg war für mich über Jahre die schönste Tour im Allgäu. Schade, dass der Weg gesperrt wurde – bei dem breiten Riss am Gipfel aber durchaus verständlich. Ob aber jemals was passieren wird? Das Risiko wäre mir aber wohl doch zu groß. Aber auch der Aufstieg über die andere Seite ist schön. Ich halte Dir die Daumen, dass es irgendwann mal noch was wird!

      Liebe Grüße

      Erika

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