Tour der Unwägbarkeiten (Spiegelkogel-Firmisanschneide-Schalfkogel)

Juli 27, 2019

Triple-Überschreitung vom Ramolhaus zum Hochwildehaus: Was beim einheimischen Bergführer noch nach genüsslicher Hochtourkraxelei klang, hörte sich beim Hüttenwirt am Abend überhaupt nicht mehr so trivial an. Brüchig, wirklich brüchig. Sehr, sehr lang. Und der Weg hinunter zum Gletscher? »Keine Ahnung, noch nie gehört, dass es da einen gibt«. 

Ramolhaus, Obergurgl, Ötztal, HochtourFreitag Nachmittag, Obergurgl. Der Schweiß lief nach fünf Schritten schon davon. Das Wochenende begann gleich einmal mit einer Unwägbarkeit: 1.100 Höhenmeter und acht Kilometer waren es bis zum Ramolhaus, laut eigener Planung maximal drei Stunden, laut Internetz und Hüttenwirt vier bis fünf. Ersteres wäre im Angesicht des hungrigen Magens gut, letzteres äußerst schlecht. Wir gaben etwas Gas und hoffen auf einen gnädigen Koch.

Unser Plan

Gebirgsbach, Ötztal, WasserfallDer abendliche Regen blieb aus, wir genossen herrliche Pfade durch steile Grasflanken mit Blick auf Gletscher und unsere Gipfel-Trilogie morgen: Vom Ramolhaus soll es über den Ostgrat zuerst auf den Spiegelkogel, dann weiter über die Firmisanschneide bis zum Schalfkogel gehen. Leichte Kraxelei, weder wirklich schwer noch ausgesetzt. Nur »manchmal nicht ganz fest«, sagte der einheimische Bergführer, der uns diese Tour empfohlen hatte. Irgendwo käme eine III-Stelle. Vielleicht.

Anschließend irgendwie hinunter zum Gletscher und auf dessen anderen Seite hinauf zum Hochwildehaus – genauer genommen zu dessen Winterraum, denn die eigentlich so liebevoll bewirtschaftete Hütte ist seit einigen Jahren geschlossen: Der Permafrost ist schon länger weder perma noch frost und sorgt so dafür, dass das ganze Haus langsam absackt.

Der Winterraum steht – bisher zumindest – geschickter und so werden wir bis morgen Abend zusätzlich zum Hochtourengeraffel eigenes Essen durch die Gegend schleifen. Alles andere – Herd, Kochzeug, Decken – sollte da sein. „Sollte“ – schon wieder so eine Unwägbarkeit.

Der fröhliche Slowake

Die Hütte erreichten wir in unter drei Stunden, ein erster Lichtblick. Der zweite folgte sogleich – der slowakische Hüttenpächter freute sich mächtig über seine (fast) einzigen Gäste heute Abend, servierte sehr fröhlich ein wunderbares Abendmahl mit noch wunderbarerem Ausblick.

Wegen all der Unwägbarkeiten quetschten wir ihn bei Schnaps und Hausführung über unsere Tour aus und bekamen statt Aufklärung erst richtig Bammel:

Brüchig Stein!

»Brüchig Stein, wirklich brüchig Stein. Und alles sehr lang!«. In meinem Kopf tauchten Bilder vom Peuterey-Grat auf. Mindestens. »Wenn ihr aber Ostgrat schafft, dann schafft ihr den Rest auch – schwerer wird nicht.« Von einer III-Stelle wusste er nichts, das könne aber schon sein. Er hatte die Überschreitung nie gemacht. Sicherheitshalber wiederholte er den Hinweis mit dem brüchigen Stein noch mehrmals, bis uns das Herz auf Halbmast hing.

 

»Da gibt es einen Weg?«

Hochtour, SonnenaufgangAls er dann von dem Weg durch die Ostflanke hinunter zum Gurgler Ferner sprach, rutschte es dann vollends in die Hosentasche. Von einem Weg wisse er nichts, überhaupt wird diese Tour, wie wir sie vor haben, kaum unternommen. Dieses Jahr noch gar nicht.

Einziger Lichtblick: Sollte im Abstieg irgendwas nicht klappen, könnten wir notfalls auf etwa gleicher Höhe zur Hütte zurückqueren. Neben den Bildern vom Peuterey-Grat tauchten in meinem Kopf die Satellitenbilder des Gletschers auf, den wir dann queren müssten: Exakt parallel zu gar nicht so trivialen Spalten. Zu zweit, irgendwann am Nachmittag bei aufgeweichtem Schnee. In Anbetracht meines soeben kaputt gegangenen Smartphones fluppte das Herz mit gehörig Wumms in die Fußspitzen. Von wegen gemütliche Hochtourenkraxelei. 

Den halben Abend versuchten wir, wenigstens mein Handy wieder zum Laufen zu bringen. Vergeblich. Zwanzig Tage nach Garantieablauf hatte ich irgendwie nicht das Gefühl, dass das Zufall war. Wir verkrümelten uns in unsere Betten und schliefen schlecht.

Wir waren uns einig: Am meisten machte uns der Abstieg Sorgen. Wir hatten Respekt vor den Spalten und dem womöglich weglosen Abstieg durch ein unübersichtliches Gewirr aus steilem Gletscherschliff. Die Qualität des Gesteins am Grat und nicht zuletzt das Gerücht, dass man für den Winterraum einen Schlüssel bräuchte, beunruhigte uns auch etwas. Noch dazu die Wetterprognose, die ab 14 Uhr Gewitter ansagte und nur ein Handy für den Notfall. Was wird uns morgen wohl erwarten?

So viele Unwägbarkeiten.

Diese Ausrüstung war mit dabei

Start mit Zweifeln

Ramolhaus, Sonnenaufgang, HochtourMit dem ersten Licht verließen wir die Hütte, folgten dem Weg, fanden den Einstieg zum Ostgrat sofort. Während wir die überraschend schöne Kraxelei am Grat genossen, ging hinter uns die Sonne auf. Was für ein Schauspiel – die Wolken waberten am Hauptkamm und wurden von einer unsichtbaren Barriere zurückgehalten. Das Herz, das immer noch nahe der Fußspitzen harrte, fing ganz langsam an zu hüpfen. Solch eine hübsche Kletterei! Der Fels war einwandfrei, meist waren ohnehin Trittspuren zu sehen. Ein richtig netter Blockgrat! Er brachte uns nach rund einer Stunde zum ersten Gipfelkreuz. Buch ohne Stift. Naja, tragen wir uns beim nächsten Gipfel ein.

1/3 Spiegelkogel

Von hier sah der Grat, der noch vor uns lag, weit aus. Viel weiter als gestern von der Hütte. Aber machbar – guter Fels vorausgesetzt. Der Abstieg entpuppte sich auch als deutlich gutmütiger als gedacht, die meisten Griffe blieben dort, wo wir sie vorfanden. Unten kam, was wir befürchten hatten: Wir wurden langsamer, immer wieder waren lose Blöcke unter den Sohlen, die uns vorsichtiger gehen ließen. Aber alles noch im Rahmen!

Endlich ging es hinauf zum nächsten Gipfel. Der Fels wurde einen Tick schlechter, aber für Allgäuer Verhältnisse noch immer gut. Die Gipfelbuchbox der Firmisanschneide bot erfreulicherweise gleich zwei Stifte, dafür aber ein vollends aufgeweichtes Gipfelbuch. Okey, dann halt am nächsten Gipfel!

2/3 Firmisanschneide

Drei Stunden waren wir inzwischen unterwegs, der Blick zurück überraschte uns – von hier sah es richtig weit aus. Aber auch der Blick nach vorne wirkte nicht viel besser. Wir schätzten zwei Stunden bis zum nächsten Kreuz und waren damit fast zu optimistisch.

Langsam wurde der Fels tatsächlich brüchig – aber die gute Art von Bruch, bei der man einfach etwas behutsamer zupackt, ohne die Angst haben zu müssen, gleich den halben Berg in Bewegung zu setzen.

Diese Form der Brüchigkeit erwartete uns erst auf den letzten Felsmetern hinauf zum Schalfkogel. Silberne Felsbrocken in silbernem Matsch, nichts so richtig verbunden. Wir wechselten auf die bereits aufgeweichten Firnschneide und stapften schnaufend hinauf.

Wolkentupfen

Die Wolken am Hauptkamm sahen trotz der Mittagszeit noch gutmütig aus, nur langsam bildeten sich auf unserer Seite erste Thermikwölkchen. Noch nicht bedrohlich, da waren wir uns einig.

Endlich – wir waren  nun bald sechs Stunden unterwegs – erreichten wir die Schulter des Schalfkogels. Mit reduziertem Gepäck ging es hinauf. Müde, hungrig, immer noch mit einem unguten Gefühl, was den Abstieg anging. Und trotzdem mit der Gewissheit im inzwischen doch ganz zuversichtlichen Herz: Wir wollen gerade nirgends anders sein. Es ist genial! Bisher hatte alles viel besser geklappt, als befürchtet!

3/3! Schalfkogel!

Wirklich glücklich fielen wir uns am letzten Gipfel für heute in die Arme. Der Blick frei hinüber zu einem – meiner Meinung nach – schönsten Gipfel überhaupt: Die Hintere Schwärze. Die restliche Prominenz von Fineilspitze, Weißkugel, Wildspitze und Hochwilde stand Spalier. Herrlich. Und wieder die Erkenntnis: Das Problem an Hochtouren ist einfach jedes Mal, dass man sich wie Bolle auf den Gipfel freut, ihn stundenlang herbeisehnt und dann, wenn man oben ist, eigentlich nur noch runter will. Eine Tour ist erst geschafft, wenn man wieder im Tal steht.

Mit unseren verbleibenden Unwägbarkeiten was den Abstieg anbelangte, blieb uns einfach keine Ruhe. Wir aßen kurz etwas, freuten uns und staunten über den Weg, den wir heute zurückgelegt hatten: Von hier sah es lang aus. So richtig – richtig – lang. Poah.

 

Die Tour auf alpenvereinaktiv.com:

Abstiegsunwägbarkeitismus

Wenig später banden wir uns ins Seil und folgten alten Spuren durch die teilweise steile Ostflanke des Schalfkogels. Dank eines eingezeichneten Wegs in unserer Karte trafen wir zielsicher am untersten Rand des Schnees auf ein Steinmännchen. Und noch eines. Wir jubelten – hier waren zumindest schon mal Menschen gewesen!

Danach war dann aber Schluss mit Zeichen. Etwas ratlos standen wir im Schutt und folgten in Ermangelung an Alternativen der Nase. Querten, hofften und suchten angespannt nach einer weiteren Markierung. Suchten. Liefen. Suchten weiter.

Und rumpelten fast in einen mächtigen Steinmann: Wir hatten ihn wegen seiner Größe glatt übersehen! Neben ihm leuchtete eine riesige weiß-rote Markierung. Dahinter noch eine, »da unten noch eine! Da noch eine!!«. Die Anspannung fiel ab, wir hüpften den Markierungen erleichtert hinterher.

Gruselfinale

Sie führten uns geschickt durch das Geröll und leiteten direkt auf ein vielversprechendes Band aus glatt geschliffenen Platten. Gerade, als wir drei mächtige Bäche erreichten, war der Gletscher nicht mehr weit.

Ein altes Seil baumelte in einer Sanduhr, das Ende hing etwas oberhalb des unterspülten Gletschers. Da war sie nun also, die letzte ungute Unwägbarkeit.

Wir hangelten uns über mittelgutes Gelände hinunter, hatten beide großen Respekt vor der dünnen Schneebrücke. Gesichert hüpfte Lena über die Spalte und rutschte prompt einige Meter hinunter.

Der Schnee hielt. Auch mich. Gott sei Dank, erst kürzlich waren bei uns im Allgäu bei genau so einer Aktion zwei Bergsteiger ums Leben gekommen. Erleichtert schlugen wir uns in die Hände, stapften einmal quer über den dahinschmelzenden Gletscher und mobilisierten die Kräfte für den Gegenanstieg.

Happyhappyultrahappy End

Nach all den Unwägbarkeiten dieses Tages blieb nun nur noch eine: Die Hütte. Wird sie offen sein? Wird sie ausreichend ausgestattet sein? Ein paar hundert Höhenmeter später erreichten wir die kleine Fidelitashütte im Schatten des wunderschönen Hochwildehauses. Bangend drückte ich die Klinge runter. Die Tür klemmte einen Moment und sprang knarzend auf.

Ein kurzer Blick hinein: Alles da! Decken, Kochgeschirr, Feuer – es sah unheimlich gemütlich aus. Die letzten Sorgen fielen von uns ab, wir fielen uns in die Arme. Wie haben wir uns das verdient? Der Tag lief rundum perfekt – die Tour, das Wetter, die Kondition, die Bedingungen, die Hütte… Mächtige Zufriedenheit machte sich breit.

Wir lagen in der Sonne, aßen das erste Mal seit zehn Stunden etwas anderes als Riegel, tranken Tee nach Tee und genossen das Leben in vollen Zügen. Was für ein Tag. Was für ein perfekter Tag.

 

Alle Infos zur Tour gibt es auf alpenvereinaktiv.com.

Ein paar mehr Bilder:

 

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9 Comments

  • Reply Rebecca Juli 28, 2019 at 8:34 pm

    Wie immer tolle Bilder und eine schöne Geschichte dazu! Das mit den Unwägbarkeiten und das dazugehörige Gefühl der Anspannung kenne ich gut – ist nicht immer leicht, damit umzugehen. Aber wenn dann alles gut klappt, dann ist die Freude umso größer 🙂 Glückwunsch zur gelungenen Tour, kommt gleich auf meine To-Do-Liste!

    Viele Grüße

    Rebecca

  • Reply Alexander Juli Juli 30, 2019 at 6:05 pm

    Toll geschrieben. Aber das der Abstieg vom Schalfkogel zum Gurgler Ferner so arg ist. Vor 15 Jahre habe ich da eine Gruppe der Uni Konstanz hoch und wieder runter geführt. Der Schalfkogel war damals ein völlig problemloser Gipfel. Geschlafen haben wir damals auch in der Fidelitashütte. Die ist wunderbar ursprünglich. Auch wenn es nur 90min zur Langtalereckhütte sind.

    • Reply ulligunde August 2, 2019 at 10:44 am

      Hi Alex,
      ein anderer Leser hat auch ein Bild vom Schalfkogel von 2011 geschickt – da sah er noch komplett anders aus. Gletscher bis fast ganz hoch! Ich denke, dass der Übergang zum Gurgler Ferner mit 10 Meter mehr überhaupt kein Problem wäre – deshalb hat der Hüttenwirt vielleicht auch nichts explizit darüber gewusst – einfach weil es früher überhaupt nicht kritisch war. Bei unserer Venter Runde im Winter haben wir diese Stelle auch nicht besonders wahrgenommen. Times change!
      LG!
      Erika

  • Reply Milla Juli 30, 2019 at 9:46 pm

    Ja, der slowakische Pächter (ich weiß gar nicht, ob das wirklich so ist) auf dem Ramolhaus ist ne Nummer. Wir, 3 Mädels, hatten damals den Yakuzi im 5. Stock auf der Dachterasse von ihm empfohlen bekommen (war nicht ganz ernst gemeint). Cooler Typ. Coole Gegend. Leckerer Zirbenschnaps. Self made. Und nicht zu vergessen: Die Berge. Ein Traum.

    • Reply ulligunde August 2, 2019 at 10:41 am

      Haha, von einem Jakuzi hat er zumindest bei uns nichts gesagt! Frechheit =) Was habt ihr denn von dort aus unternommmen? Die Ramolkögel?
      LG!
      Erika

  • Reply Anita und Claudia von aktiv-durch-das-leben.de August 1, 2019 at 1:01 am

    Ouh, da wäre uns Mittelgebirglern gewiss noch mehr das Herz in die Hose gerutscht als euch.
    Herzlichen Glückwunsch zu der tollen Tour und dem schönen Bericht.
    Liebe Grüße aus dem Hunsrück
    Claudia

    • Reply ulligunde August 2, 2019 at 10:40 am

      Dafür bleibt bei Mittelgebirgstouren mehr Zeit zum in-Ruhe-Genießen und der Rucksack ist auch leichter. Es hat alles seine Vorzüge =)
      LG!
      Erika

  • Reply roman Februar 17, 2020 at 9:03 am

    hi erika,
    bin zufällig auf der suche nach dem zirmkogel mit gleitschirm auf deine seite gestoßen, jetzt weiß ich schon mal das da ein start möglich ist 🙂 bin vor einigen jahren mal vom hinteren seelenkogel gestartet, auch ne tolle tour.
    wow sehr informative berichte schreibst du hier, unglaublich lesenswert.
    eine frage hätte ich noch, kannst du dir vorstellen vom schalfkogel unter dem gipfel, aus der ostflanke mit dem gleitschirm zu starten?
    vg roman

    • Reply ulligunde Februar 21, 2020 at 6:37 am

      Hi Roman!
      Merci vielmals für die lieben Worte. Ich versuche mich gerade an den Schalfkogel zu erinnern. Es kommt natürlich auf die Schneelage an, aber einerseits erinnere ich mich glaube ich auf ein recht flaches Stück oben am Gratrücken (bevor es dann final in den Fels geht), von dem man evtl bei etwas Wind direkt dort rauskönnte. Unten in der Flanke ist es meiner Erinnerung nach etwas steil – nicht sehr steil, aber der Schirm wird evtl. davonrutschen. Idealer wäre es wahrscheinlich aus der Scharte, die zur Martin-Busch-Hütte führt. Da wird ja im Winter Skidepot gemacht und allzu weit war es von dort aus nicht mehr zum Gipfel. Wenn ich mich wiederum richtig erinnere 😉
      LG!
      Erika

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