Gelassen altern (Daumen Fünffingerspitze)

Juni 27, 2018

Das Älter-Werden hat seine Schattenseiten, keine Frage, aber es hat auch viele Vorteile! Die Freiheit, sich Chips kaufen zu können, wann immer einem danach ist, zum Beispiel. Oder – ähnlich essenziell  – die Erkenntnis, dass Berge in den meisten Fällen noch länger stehen. Auch die Fünffingerspitze.

Tupilak Mountain EquipmentK-k-k-alt. Teufelsgratkalt, zumindest fast. Nachdem wir vor gut 14 Stunden das letzte Mal hier waren, stehen wir wieder an der Gipfelstation der Langkofelbahn. Diesmal allerdings nicht wegen des Königs Langkofel, sondern wegen seines zackigen Nachbarns, der Fünffingerspitze. Die Überschreitung hatten wir uns eigentlich überlegt, aber zumindest meine Motivation verflog bereits temporär am Einstieg im pfeifenden Wind.

Team Bibbergunde voll am Start

Daumenkante Fünffingerspitze Alpinklettern Dolomiten

Bibbernd wechselte ich im Schneefeld von Turn- auf Kletterschuhe, ebenso bibbernd krabbelte ich dolomitengetreu ohne irgendeine Sicherungsmöglichkeit auszumachen einfach mal in die graue Wand. Ein Haken tat sich auf, ein hübsches Köpfl etwas später, danach gar ein perfekter 0.3er-Schlitz. Schwer war’s nicht, aber sausteil und nach so einem Kaltstart war es mir irgendwie nach Sicherheit. Generell gut gedacht, das Problem bei sowas ist nur: Sicherungen basteln dauert eben und sich lange an tiefgekühltem Fels festkrallen sorgt in erster Linie für eines: Noch mehr bibbern.

Alpinklettern DolomitenFünffingerspitze in Zustiegsschuhen

Er stand ebenfalls bibbernd, aber geduldig wie eh und je unten auf dem Schneefeld und kam, als ich endlich den Stand erreicht hatte, in guter alter Michimanier in wenigen Augenblicken hinterhergeschlappt. Kletterschuhe hat er keine an, ich glaube ja, er hatte sie nicht mal mit dabei.

Mal Kopf, mal Kopf

Ich hingegen musste fast lachen, wie ich mich so über das folgende Schotter- und II-Gelände krabbeln sah. Gestern noch selbstbewusst und sicher, heute wieder Wackelgunde vor dem Herrn. Dieser Kopf! Naja, egal, Hauptsache die Sonne würde es bald um die dicke Schulter des Langkofels schaffen.

Diese Ausrüstung war mit dabei:

Höfats dolomiti

Ab hier war der Wegverlauf klar: Eine scharfe, höfats-eske Schneide führte empor, nur selten breiter als ein halber Meter aber im Gegensatz zum Allgäuer Vorbild durchgehend mit bombenfestem Fels. Und vor allem: Unfassbar steil. Die Kletterei war ebenso unfassbar ausgesetzt und vor allem unfassbar henkellös. Haken gab es eher wenige, ob man zwischen die herausstehenden Riesenhenkel wirklich Friends stecken will, ist eine andere Sache. Zumindest war der leichteste Weg dank des ansetzenden Specks gut zu erkennen.

 

Folgt dem Kühlschrank!

Gipfel Daumen Fünffingerspitze

Während die Sonne die östliche Kante beschien, verlief der leichteste Weg konsequent auf der westlichen Seite, die damit nicht nur im kalten Schatten lag, sondern auch voll dem eiskalten Wind ausgesetzt war. Während wir gestern noch schwitzend mit warmer Hose und einigen Schichten (im Rucksack) unterwegs waren, hatten wir beide heute eher auf warm und genüsslich gesetzt. Bedeutet: Wir verlegten bibbernd die Standplätze wenn irgend möglich auf die Sonnenseite, oder zumindest in den Windschatten und versuchten ein bisschen Gas zu geben. Das gelang uns insofern, als dass wir (er) die Hälfte der vorhandenen Standplätze ausließ und wir notfalls teilweise ein paar Meter simultan kletterten.

Fotograf fotografiert Fotograf

Zum Frühstück nen Daumen

Und so saßen wir, während die Hotelgäste unten in den Tälern wohl gerade langsam in die Dusche schlurften, auf dem Gipfel des gleichermaßen aussichtsreichen wie wild geformten Daumens, begutachteten etwas skeptisch die gegenüberliegende, mächtig bröselig wirkende Wand, die uns zum Zeigefinger führen würde und beschlossen kurzerhand, uns mit dieser Henkeltour zufrieden zu geben.

Kleine Welt

Mit zweimal abseilen standen wir in der Scharte, zwei weitere Abseiler brachten uns über verkapptes Plattengehgelände hinunter und während wir uns gerade zur finalen Abseilfahrt direkt in die Gipfelstation fertig machten, kam ein Kletterer hinauf. Flink, optisch eindeutig Kategorie ‚Bergführer‘. »Du bist doch die Ulligunde!« Am Ende entpuppte er sich als jener Tourenautor, der die perfekte Beschreibung des Teufelsgrat gemacht hatte und uns damals damit die Routenfindung extrem vereinfachte. Ein schöner Zufall und mal wieder die Erkenntnis, dass die Welt tatsächlich so klein ist, dass man selbst im Mittelgeschoss einer Klettertour noch bekannte Gesichter trifft. Verrückt!

Coole Socke, dieses älter werden.

Langkofel Sonnenaufgang DolomitenWir hingegen genossen diesmal den Abstieg in den leichten Schuhen, standen müde vom Bibbern und vom frühen Aufstehen wieder am Auto und zelebrierten genau das, was wir am Tag zuvor schon zelebriert hatten: Kaffee, Essen, Bett, die Aussicht, die Sonne… Und das angenehme Gefühl, dass wir uns nichts mehr beweisen müssen, sondern einfach Touren machen oder eben auch abrechen können, wie es uns eben gerade ist. Ganz sicher eine der besonders schönen Seiten dieses »Älter werdens«!

 

Facts Daumenkante / Fünffingerspitze:

Wir hatten 2x 60m Halbseile dabei, wobei zumindest die Kletterei hinauf zum Daumen sowie die Abseilfahrt ab der Scharte definitiv mit 1x60m gehen (einmal muss man notfalls in leichtem Gelände kurz simultan klettern). Ob es vom zweiten Abseilstand hinunter vom Daumen in die Scharte reicht, weiß ich nicht, es würde mich aber mächtig wundern, wenn nicht. Ansonsten ein paar Exen, ein paar Schlingen, ggf. ein paar Friends und eine warme Jacke, wenn der Wind über die Kante pfeift. Uns hat neben der netten Beschreibung von Ralf Gantzhorn (Bildband HIMMELSLEITERN) vor allem jene von alpenvereinaktiv geholfen.

 

 

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8 Comments

  • Reply Markus Juni 27, 2018 at 9:46 pm

    „Die schönste, luftigste Felskante der Grödner Dolomiten. Bei Wind und niedrigen Temperaturen nicht ratsam“ Zitat Mauro Bernardi/ Klettern in Gröden und Umgebung (Übrigens top Führer die Bücher von Bernardi…)

    • Reply ulligunde Juli 10, 2018 at 6:28 am

      Ist die Frage, wann in dieser Düse kein Wind herrscht 😉

  • Reply Stefan Juni 28, 2018 at 4:42 pm

    Ich suche den Standplatz, biege um die Ecke und bin überrascht, dass um diese Zeit schon schnelle Kletterer vom Daumen auf dem Weg nach unten sind. Freundlich wird mir der Ring gezeigt. Logisch, dass ich viel Luft unter den Sohlen habe wenn ich diese langjährige FB-Freundin zum ersten Mal treffe! War echt witzig und hat mich sehr gefreut, dass wir uns an der Fünffingerspitze über den Weg gelaufen sind!  Gestärkt durch leckeres Frühstück in der Pension (in etwa zu der Zeit als ihr eingestiegen seid…) sind wir bis auf die Fünffingerspitze. Am Gipfel war es windstill, sonnig, angenehm!  Die Fünffingerspitze ist steil, henkelig, ausgesetzt, alpin, GEIL!

    • Reply ulligunde Juli 10, 2018 at 6:31 am

      Hi Stefan, die Freude ist ganz meinerseits! Freut mich, dass Ihr bis auf den Hauptgipfel gekommen seid. Vor allem nach so vielen Klettertagen in den Knochen – das ist Motivation =)
      Ich bin gespannt, wo wir uns das nächste Mal über den Weg laufen.
      LG!
      Erika

  • Reply Oliver Juli 9, 2018 at 11:42 am

    Wow das sieht ja ziemlich Luftig aus da oben. Aber auch unglaublich cool. 🙂 Wo bist du eigentlich deine erste „richtige“ Klettertour gegangen?

    • Reply ulligunde Juli 10, 2018 at 6:29 am

      Hi Oliver, meine allererste MSL war ganz klassisch am Aggenstein, die nächste am Gimpel ;-). Classic!

      • Reply Oliver Juli 10, 2018 at 7:38 pm

        Wow okay und hast du davor Kurse besucht, bei denen du das alles gelernt hast (Haken setzen,Knoten usw.) oder haben dir das Freunde und bekannte beigebracht?

        • Reply ulligunde Juli 12, 2018 at 11:33 am

          Hi Oliver,
          ich hab das alles von meinem damaligen Freund gelernt, wobei man ja bei uns im Tannheimer Tal meist keine Sicherungen selbst legen muss, da ist vieles sehr gut eingebohrt. Und Knoten kannte ich ja vom Sportklettern, also no worries, war nicht von 0 auf 100 🙂
          LG!

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