Mies trifft cool (The Show Must Go On & Spiel der Geister, Klettern Trettachspitze)

August 1, 2017

Klettern bedeutet ja im Normalfall, sich an Fels hinaufzuziehen. Klettern in Robert Jaspers »Show Must Go On« bedeutet hingegen, vorsichtig zu schieben, bloß nicht ziehen und vor allem äußerst gewissenhaft Abzuklopfen. Nimmt man dann den anschließenden Gipfelaufbau noch mit, ist man erst perplex, dann erleichtert und am Ende schwer begeistert. Bombenfester Fels! Ein Fest! Zumindest für Könner. (Klettern Trettachspitze, Sommer 2017)

Er war schon auf der ganzen Welt unterwegs. In Pakistan, in Patagonien, kürzlich in Alaska. Die Dolomiten kennt er wie seine Westentasche und die Eiger Nordwand fand er „nett“. Unsere Heimat ist für ihn hingegen Neuland. Völlig unbekanntes Terrain. Als vor ein paar Wochen mal sämtliche Planungen schief gingen, war es Zeit für eine Tour im Allgäu.

Trad & Sport & Grat!

Ich hatte da auch direkt eine ganz famose Idee: Tradkletterei bis 6-, gebohrte Stände, laut Topo eine »völlig logische Linie«. Wahlweise dann oben raus noch 200 Meter fünfer- oder siebener-Kletterei und nach ein bisschen Grat als Belohnung glatt noch einen der markantesten Gipfel des Allgäus. Und insgesamt dann doch irgendwas in Richtung 800 Meter Fels, das könnte ihm doch womöglich gefallen. Er willigte überraschend ein und so wanderten wir an einem vermeintlich sonnigen Morgen bei recht eindeutigem Sturm die drei Stunden über Wiesen und Geröll zum Einstieg.

Finde den Haken!

Laut Topo sollte der Wandfuß nach oben links ziehen, in Wirklichkeit zog er nach oben rechts und wir zogen, krabbelnd mit dem Seil auf dem Rücken, durch mittelschweres Gelände irgendwo hoch.

Obwohl der Wind hier kaum noch blies, waren wir dennoch kurz davor umzudrehen, denn wie soll man mit schlechtem Topo eine Tour finden, die nicht gebohrt ist? Gerade als wir die Sache an den Nagel – viel mehr an den Haken, hihi – hängen wollten, tauchte doch noch ein Klebehaken auf. Ein Zeichen, zumindest vor irgendwas zu stehen.

 

Ach was is das schön

Eine 6- laut Topo, in Anbetracht der ganz schön schweren letzten Meter und der eher nicht vorhandenen Absicherung eine sportliche Bewertung.Ich zögernd vor, 4+, so schwer kann das doch nicht sein. Die ersten Meter mit Friends und Keilen zunagelnd, danach klassisch allgäutesk den Rest der Seillänge durch Gras und Schrofen schmoddernd. Halleluja, wäre die Tour zum Abseilen eingerichtet, ich hätte für einen Rückzug plädiert. Aber gut, manchmal muss man Dingen auch eine Chance geben…?!

Miese Absicherung, mieser Fels

Er wieder, diesmal mit weniger Absicherung, fairerweise dafür auch mit brüchigerem Fels. Ein Verhältnis, das die folgenden Seillängen negativ zunahm. Ich entwickelte eine für mich ganz neue Klettertechnik, die weniger mit Ziehen, als viel mehr mit vorsichtigem Schieben und exzessivem Abgeklopfe zu tun hatte. Und mit widerwilligem Vertrauen in eher mittelmäßige Placements. Na, da hab ich uns ja eine Perle ausgesucht.

Prädikat: Beschissen!

Nach einer ernsthaft schweren Verschneidung, die zumindest für mich nichts mehr mit 5 zu tun hatte und die einigermaßen blindes Vertrauen in riesige Blöcke erforderte, konterte er mein entnervtes Gemotze mit »Kann man schon so sagen! Prädikat: beschissen!«. Immerhin die Aussicht war ganz nett. Eine Seillänge später standen wir am Ende der Tour. Chacka. Blieb nur noch ein Problem.

Point of Umkehren?!

Hier nun warteten mehrere Wahlmöglichkeiten. Entweder ein Rückzug über das schottrige Band zurück zum Einstieg. Jetzt wieder zurück!? Irgendwie eine blöde Sache, auch wenn die Lust auf weitere Kletterei eher nicht vorhanden war. Aber jetzt hier einfach wieder Absteigen?! Den Gipfel nicht mal versuchen? Alternativ wartete entweder der »Schwarze Riss« mit Schwierigkeiten bis 5+ und wieder vorwiegend zum Selbstabsichern oder aber die zwei Grad schwerere, dafür bohrhakengesicherte »Spiel der Geister«. Er sprach sich für die schwere Route aus, durchaus in der Hoffnung, auf zumindest etwas besseren Fels zu stoßen. »Fünf mal 25 Meter!? Da machen wir drei draus, dann sind wir ganz schnell oben«.

Vorsicht, Vorsicht!

Ich hatte die Hoffnung auf festen Fels an diesem Klapfen ja schon fast aufgegeben, wurde aber direkt äußerst positiv überrascht. Die erste Seillänge war eine richtig hübsche Verschneidungskletterei, super absicherbar und in bombenfesten Fels. Ja wo sind wir denn jetzt gelandet? Ab da folgten allerdings nicht nur viele, teils seltsam gesetzte Bohrhaken, die mit dem Verlauf im Topo wiedermal herzlich wenig zu tun hatten, sondern auch ein sensationeller, fester Fels, wie ich ihn noch selten erleben durfte. Rau, irgendwie rund, aber strukturiert und griffig. Ein Fest! Zumindest für jene, die den Grad voll drauf haben, denn Fliegen will man zwischen dem ein oder anderen Bohrhaken eher nicht. Zudem hat die Hakendichte nicht unbedingt etwas mit den schwierigen Stellen zu tun. Eben von oben eingebohrt.

Schatz, machst du?

Der Rest war sein Part. Vollständig, denn mir war nach der ersten schweren Seillänge vollends die Lust an Vorstieg vergangen. Für mich folgte also eine lupenreine A0-Mimimimi-Begehung, während er den Fels feierte und die Wolken im Hintergrund seltsame Formen annahmen. Nicht wirklich bedrohlich, aber mit einem komischen Wind. Und Donnergrollen. Weil die Sache aber in keiner Richtung dramatisch aussah, versuchten wir nach dem Ende dieses zweiten Aktes noch halbherzig den Gipfel. Auf der Schulter war dann klar: Der Gipfel ist noch echt weit weg, die graue Front plötzlich erstaunlich nah und wir machen für heute mal besser Schluss.

Gemütlich runter…

Füße also in die Hand. Abmarsch! Immer noch sah es nicht so bedrohlich aus, für einen entspannten Müsliriegel in der Sonne war noch gut Zeit. Seile und Klimbim weg, im zügigen Trott runter in Richtung Wanderweg. Status graue Front: Größer werdend. Näher kommend.

Von Trab zu schnellem Trab und wenig später in einen immer sportlicheren Dauerlauf. Die ersten Blitze zuckten am Horizont, während wir den grasigen Grat entlang stürmten. Vorbei an drei seelenruhigen Männern, die beladen mit Kletterzeug gelassen nach oben wanderten. Sind wir grad falsch oder die? Egal. Runter. Pünktlich mit dem ersten Regenguss erwischten wir den Wald, den zweiten Schauer bekamen wir genau mit dem Erreichen einer überdachten Bank bei unseren Rädern serviert.

Nächstes Mal wieder Dolomiten

Zwei, drei kräftige Gewitter später ging’s per Bike zurück zum Auto, wo auch schon das nächste Gewitter wartete. Perfektes Timing also. Und wie eigentlich bisher bei all meinen Touren im Allgäu: Ein richtig langer Tag und eine richtig müde Gunde. Haben wir das also auch mal gesehen. Nächstes Mal dann gerne wieder Dolomiten 😉

 

Diese Ausrüstung war dabei:
(Die ganze Übersicht gibt’s hier)

 

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4 Comments

  • Reply Joe August 1, 2017 at 10:54 pm

    Hehe das klingt nach Gunde Tour. Bissel ekliges klettern im brüchigen Fels und dann doch noch Genuss 😜.
    Cool 😎.

  • Reply AJ August 17, 2017 at 11:12 am

    Aloooha,

    wir machen jetzt dann auc bald Urlaub in den Bergen – denkst du so eine Tour ist auch als Anfänger möglich?

    Toller Beitrag 🙂

    Beste Grüße

  • Reply Hannes Blumberg August 27, 2017 at 6:25 pm

    Liebe Ulligunde,

    man merkt, dass du einen sehr großen Erfahrungsschatz besitzt, was Outdoor-Abenteuer anbetrifft. Das spiegelt sich in deinen interessanten Beiträgen wider.

    Wenn ich mir die Kletter-Bilder anschauen, wackeln mir aber ehrlich gesagt die Knie :’D Aber das ist vermutlich eine Erfahrungssache.

    Auf jeden Fall freue ich mich sehr darüber, dass du immer so vielseitige Beiträge veröffentlichst. Vielen Dank dafür! Hier findet man immer etwas interessantes zu lesen.

    Liebe Grüße,
    Hannes Blumberg

    • Reply ulligunde August 27, 2017 at 8:39 pm

      Lieber Hannes,
      merci vielmals für die vielen lieben Worte! Dann werde ich mal alles daran setzen noch ein paar mehr solcher Geschichten zu „liefern“ 😉
      LG!
      Erika

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