Angst beim Klettern – Interview mit Babsi Zangerl

Mai 3, 2016

Barbara – Babsi – Zangerl gehört spätestens seit ihren Begehungen von Prinzip Hoffnung (VIDEO!!), Bellavista (VIDEO!!!!!) und der Unendlichen Geschichte zu den wildesten Wilden in der Alpinkletterszene – und das, wo sie früher überhaupt nichts mit Seilen am Hut hatte, sondern nur boulderte.

Ein Bandscheibenvorfall trieb sie zum Sport- und schnell auch zum Alpinklettern. „Glücklicherweise“ will man fast sagen, denn mit dieser starken Tirolerin hat die Szene (oder zumindest meine Welt) eine der größten weiblichen Inspirationen überhaupt. Und jetzt klettert die Lady nicht nur auf höchstem Niveau, sondern ist noch dazu so richtig sympathisch und hat mir sämtliche Fragen geduldig beantwortet. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal. Und jetzt: Groupie-Modus off. Hier kommt das Interview:

Hi Babsi,
merci, dass Du Dir die Zeit nimmst, mir ein paar „Angst“fragen zu beantworten! Du bist für mich eine der inspirierendsten Mädels in der Kletterszene, denn Du hast den Sprung vom Boulderer zur wilden Alpinkletterlady geschafft und mit Bellavista, Silbergeier und auch der Prinzip Hoffnung bewiesen, dass Du Deinen Kopf im Griff hast – du Glückliche 😉 Hattest Du am Anfang am Seil eigentlich Angst?

© Jan Novak PhotographySicher hatte ich Angst am Anfang. Gerade weil ich ja früher nur gebouldert bin war der Einstieg ins Seil klettern ziemlich spannend. Natürlich habe ich früher auch hohe Boulder geklettert, wo man oft weiter auf den Boden fällt als manchmal beim Seilklettern ins Seil. Aber trotzdem ist es eine Umstellung gerade, wenn man weiß, dass man es evtl. nicht mehr bis zum nächsten Haken schafft, weil man gepumpt ist. Da stellte sich mir schon oft die Frage, soll ich jetzt nochmal sitzen und rasten oder durchbeißen und stürzen…

Und heute? Ist „Angst“ für Dich noch ein großes Thema oder eher selten?

Auch heute habe ich oft Angst. Beim Sportklettern eigentlich nicht sehr viel. Aber wenn ich eine alpine Tour oder eine Tradroute versuche oder auch oft beim alpinen Sportklettern, wo man oft sehr weit über dem Haken steht und einfach nicht mehr loslassen will…. da hab ich dann schon Angst. Oder wenn ich dem Fels oder den Sicherungen nicht vertraue. Meistens sind die ersten Versuche mental die größte Herausforderung in so einer Tour. Danach, wenn man die Route gut kennt, relativiert sich das Ganze und man traut sich oft auch mehr zu riskieren…

© Thomas Senf

Wann hast Du dich denn das letzte Mal wirklich gefürchtet?

Bei meinen ersten Versuchen in Bellavista. Eigentlich an den vermeintlich leichteren ersten Längen. Die Sicherungen waren eher schlecht und ich hatte noch nicht viel Erfahrung mit diesem brüchigen Fels und den rostigen Absicherungen. Teilweise war es einfach nass, dadurch fühlte ich mich noch unsicherer und hatte Angst plötzlich abzurutschen…


Wie hast Du die Angst zumindest in den Grundzügen, sagen wir mal beim Sportklettern, losbekommen? Gab es etwas, das Dir dabei geholfen hat?

© Beat KammerlanderImmer wieder so weit klettern bis man nicht mehr kann — aufs Klettern konzentrieren und nicht aufs Stürzen …UND STÜRZEN, VIEL STÜRZEN. Man kann das üben, indem man absichtlich immer wieder abspringt; einmal weniger weit überm Haken und dann weiter. Aber natürlich kommt es auch sehr drauf an wie gut dein Sicherer sichert. Man sollte da schon Seil geben, damit der Sturz auch sehr weich wird. Ansonsten bewirkt das Sturztraining das Gegenteil. Wer will schon hoch motiviert weit überm Haken abspringen und dann volle Kanne an den Fels knallen. Vertrauen ist eine wichtige Sache. Wenn ich dem Sicherer nicht vertraue, kann ich persönlich nicht an meinem Limit klettern.

Du hast schwerste Alpintouren durchgestiegen. Weite Stürze sind dabei unausweichlich, man verbringt Tage nur damit, die Seillängen auszubouldern – hast Du beim Zustieg zu so schweren Touren Bammel? Wie gehst Du damit um?

Wenn ich die Tour kenne, habe ich meistens keine Angst mehr vor dem Stürzen. Eher die Aufregung, dass man es irgendwie schaffen will. Das macht nervös.

Wenn man weiß, dass es an diesem Tag alles zusammen spielen muss, damit es mit dem Durchstieg klappt, ist der Wille und die Motivation viel größer. Dann ist man damit beschäftigt, sich alle Kletterpassagen zu merken und ist völlig konzentriert beim Klettern. Kommt da die Angst, dann sitzt man meistens ganz schnell im Seil.

Ich fürchte mich an vielen Tagen auch beim Sportklettern und merke, dass mich der Kopf häufig limitiert. Ich weiß, dass der Sturz absolut ungefährlich wäre oder ich weiß, dass ich diesen Zug eigentlich kann – aber mache ihn viel entspannter, wenn ich die Exe vorher eingehängt habe. Das ist bescheuert! Was rätst Du anderen Mädels, die vom Kopf limitiert werden?

Sturztraining in der Bellavista. ©Thomas Senf

Viel zu Stürzen, immer wieder versuchen, sich zu überwinden weiter zu klettern bis man dann unkontrolliert fällt. Es kann echt hart sein, wenn man sich nicht sicher fühlt dabei. Aber es hilft enorm viel und danach macht das Klettern auch viel mehr Spaß, weil man sich nicht so sehr fürchten muss… Und meistens klettert man besser, weil man schon weiß wie es sich anfühlt, wenn man an dieser Stelle fällt.

Was tust Du, wenn du merkst, dass sich die Angst einschleicht? Hast Du einen Trick, das Gefühl „abzuschalten“?

Manchmal ist es besser und an manchen Tagen schlechter. Bei mir ist es oft so, dass an Tagen, an denen ich mich nicht wohl fühle, an denen ich Angst habe oder an denen viele Situationen sind bei denen ich weiß, dass ich nicht mehr stürzen darf, dann ist bei mir die mentale Kraft genauso aufgebraucht wie die physische. Da kann es dann schon sein, dass nach ein, zwei Stunden Anspannung gar nichts mehr geht und nicht mal mehr leichtes Gelände angstfrei klettern kann. Aber das kommt sehr auf die Tagesverfassung an.

Und entscheidende Punkte sind sicher, ob man eine Route kennt, wie sie abgesichert ist, ob man kraftmäßig drüber steht und so. Wenn man eine Route kennt, weiß man, was einem erwartet, man kann die Kraft einteilen und hat weniger (oder keine) Angst mehr. Wenn das Gefühl Angst erstmal da ist, ist es schwer es auszublenden. Ich versuche mich dann aufs Klettern zu konzentrieren. Manchmal funktioniert es und in manchen Situationen ist es mir dann auch zu viel Risiko.

Genug vom Thema. Hast Du eigentlich Vorbilder oder Menschen, denen Du „nacheiferst“?

Mich inspirieren Leute die neue Routen erschließen in einem guten Stil! Wo man eben auch mental gefordert ist. Ich mag es nicht, wenn Leute versuchen, diesen Sport immer sicherer zu machen. Jeder sollte selber entscheiden können, ob er das Risiko eingehen will oder nicht. Und wenn man es dann doch schafft seinen inneren Schweinehund zu überwinden, hat man mit Garantie das bessere Erlebnis gehabt als in einer Route, in der man nicht weiß, ob man den unteren Haken oder den oberen zuerst klippen soll.
Konkret also: Lynn Hill, Hansjörg Auer, Silvia Vidal, Jacopo Larcher 🙂 Alex Huber, Bernd Zangerl, Fred Nicole, Beat Kammerlander und die ganzen starken Jungen :-)…..ah da gibt es so viele starke inspirierende Kletterer… ohne Ende 🙂

Und noch ein anderes Mädelsthema: Du bist alpin sowohl mit Jungs als auch mit Mädels unterwegs. Was ist der Unterschied zwischen Mädels- und gemischter Seilschaft?

© Robert BöschEs ist cool mit Mädels unterwegs zu sein, weil man da oft mehr Ähnlichkeiten zueinander findet. Außerdem kann man sich sehr gut gegenseitig pushen und auch Männergespräche führen… 🙂
Aber ansonsten bin ich öfter mit Jungs unterwegs. Nicht weil ich das bevorzuge, aber es gibt einfach mehr, die an Mehrseillängenrouten interessiert sind. Und für mich ist es wichtig, dass die Chemie stimmt – egal ob Mann oder Frau. Und wenn das der Fall ist, wird es ohnehin ein cooles Erlebnis. Am besten ist es, wenn beide gleich motiviert sind und das gleiche Ziel verfolgen. Dann kann man nur gewinnen, egal ob man es am Schluss schafft oder nicht. Der Weg bis zum Durchstieg und die Erlebnisse sind mir am wichtigsten. Der Rest ist nur mehr das i-Tüpfelchen.

Mehr über Babsi Zangerl gibt es auf Facebook oder auf ihrer Website.

Fotos: © Thomas Senf und © Robert Bösch und © Beat Kammerlander

Und an den folgenden Videos führt sowieso kein Weg vorbei. Hinsetzen. Angucken. Bewundern!

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1 Comment

  • Reply Sabrina Mai 4, 2016 at 8:19 am

    Tolles Interview! Beim Video zum Prinzip Hoffnung wird mir einfach nur schlecht. Unglaubliche Leistung! Und wie weit die einfach stürzt – ok, wahrscheinlich gibt es da noch viel weitere Stürze, aber das ist so weit. :/

    So jetzt muss ich meinen nervösen Magen mal beruhigen gehen! Wahnsinn.

    LG Sabrina

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