Momente: Verloren im Nebel

April 15, 2014

Woche 3, Les Gralles, Montblanc
Wieder dieser unglaublich starke Regen, dessen Intensität über Stunden anhält. Wir haben uns mit dem höchsten Scheibenwischerintervall durch das halbe Gebirge geschlichten und stehen nun in einer matschigen Straßenbucht, vertreiben uns die Zeit mit essen, lesen und auf die Sonne warten. Laut Prognose soll sie morgen kommen. Oder eben übermorgen, so genau weiß man das hier nicht. Das Klettergebiet, weshalb wir hier sind, liegt irgendwo in dieser hügeligen Landschaft. Bei trockenen Verhältnissen kann man scheinbar direkt hinfahren, aber im Führer wird die Straße als „extremely rough“ und anspruchsvoll beschrieben. Aber es sind nur sechs Kilometer, die können wir auch laufen. Am Nachmittag haben wir genug vom Bushocken und werfen uns mal wieder in die Regenklamotten. Einfach ein bisschen Richtung Klettergebiet laufen. Durch inzwischen nicht mehr ganz so starken Regen, dafür aber dichten Nebel wandern wir auf den breiten Waldwegen. Wir biegen ohne groß darüber nachzudenken auf einen Pfad ab, der zum Gebiet führen muss. Irgendwann aber stimmt etwas nicht mehr. Wir müssten schon längst da sein. Nach einer Stunde, in der wir über zahlreiche neu entstandene Flüsse springen und große Seen auf dem Weg durchs Dickicht umgehen mussten, ist klar: wir sind irgendwie falsch. Die Skizze im Kletterführer hilft nicht mehr, wir könnten überall sein. Hämisch kommt mir der Satz der Einleitung in den Sinn, dass man hier aufpassen solle, weil man sich wegen der vielen Wege schnell verlaufen könne. Hoppla.
Sammy kommt die rettende Idee – ich hatte mir noch vor der Reise Offline-Karten von Spanien auf dem Handy gespeichert. Per GPS und diesen Karten können wir unseren Standort lokalisieren und schlagen den kürzesten Weg zurück ein. Hoffentlich stimmen die Karten – sicherer wäre es wohl gewesen, den gelaufenen Weg zurück zu gehen. Das hätte aber viele zusätzliche Kilometer bedeutet. Wir joggen den schmalen, steilen Waldpfad zurück, der Bach, der sich in dem Weg gebildet hat, interessiert nicht mehr, die nassen Äste, die uns entgegenschlagen, auch nicht mehr. Wir sind ohnehin schon komplett durchnässt. Viel schwerwiegender ist wohl, dass es in ca. einer Stunde dämmert und der Akku meines Handys fast alle ist. Die Stirnlampen liegen natürlich im Auto – wir wollten ja nur kurz etwas spazieren. Nach einem handfesten Trailrun stehen wir mit der einsetzenden Dämmerung wieder am Bus. Zwei Prozent hat der Handy-Akku noch. Ein erleichtertes Ausatmen. Ein Kopfschütteln. Ein ungläubiges Auflachen, als wir eine Notfallstirnlampe in die Kameratasche packen. Wir Alpenkinder verlaufen uns in den Hügeln des Prades-Gebirges! Eine kuriose Geschichte. Aber nur im Nachhinein.

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2 Comments

  • Reply Rebecca April 15, 2014 at 1:17 pm

    Genial geschrieben – mal wieder! Drücke euch die Daumen für gutes Wetter!

  • Reply Gerhard April 15, 2014 at 3:21 pm

    …-passiert auch älteren Leuten, man lernt nie aus, muss sich aber IMMER überlegen, was man mitnimmt. Sorry, ist eine abgedroschene Bemerkung

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