Ortovox ABS Tour 30+7 im Test (Lawinenrucksack für Skitouren)

Februar 18, 2014

Dieses Produkt wurde regulär im Laden gekauft.

Lawinenrucksack oder nicht? Diese Diskussion soll in diesem Testbericht keine Rolle spielen. Ob man ihn nun gut oder schlecht findet, pünktlich zu Weihnachten lag ein LVS-Rucksack in meinem Zimmer – zum Teil gespendet von jemandem, dem mein Leben natürlich einiges Wert ist. Meinem Vater.

Ortovox Freeride oder Tour?

OLYMPUS DIGITAL CAMERA„26 Liter müsste eigentlich gut passen“,  dachte ich mir noch. Im Laden stellte sich allerdings schnell heraus: Der Freerider von Ortovox an sich besitzt womöglich 26 Liter, aber mit der kompletten Lawineneinheit bleiben geschätzt noch zehn oder zwölf Liter – genug also für eine warme Jacke, einen Apfel und die Felle. Dieser Rucksack wäre bei mir also selbst für gewöhnliche Freeride-Unternehmungen zu klein – denn bei heiklen Abfahrten möchte auch die Kamera (sonst immer außen in der Kameratasche) mit in den Rucksack schlupfen.

Der größere Rucksack, „Tour“ besitzt standardmäßig 30, in ausgefaltetem Zustand 37 Liter. Er ist speziell für Skitouren ausgelegt, nicht nur wegen der Größe, sondern auch mit seinen zahlreichen zusätzlichen Features. Letztendlich habe ich mich für den universelleren Rucksack entschieden. Eine goldrichtige Entscheidung.

Der erste Eindruck

TB 19Klar, fällt mir als Frau natürlich als allererstes auf: Er ist unglaublich bunt. Schön bunt! Zwar wird die farbliche Kombi meiner Skitourenausrüstung (dunkelgrüne Schuhe, hellgrüne Hose, lila Jacke und jetzt auch noch einen grell-pink-blauen Rucksack) langsam auf die Probe gestellt, aber es gibt farbtechnisch keine Alternative bei diesem Rucksack. Schon ok, ich mags bunt. Und so wird man umso schneller entdeckt, denn pinke Steine gibt es weniger als schwarz-graue.

Die Verarbeitung ist absolut einwandfrei. Auch jetzt, nach fast sechs Wochen Einsatz zeigen sich noch keine Abnutzungserscheinungen. Die Reißverschlüsse sind breit genug, um auch rabiates Öffnen zu verkraften, der Stoff ist robust.
LVS-FachDie Aufteilung der Fächer ist absolut durchdacht. Zunächst gibt es ein Fach, das ganz der Lawine gewidmet ist. Neben Airbagsystem gibt es in diesem Fach ausreichend Platz für komplette LVS-Ausrüstung. Ein zusätzliches Netzfach bietet Platz für LVS-Gerät, 1st Aid-Kit und Ersatzbatterien. Alles wichtige, was schnell zur Hand sein muss, passt hier herein. Einziger Wermutstropfen: Die Kodiak-Lawinenschaufel passt um wenige Zentimeter nicht mit dem Griff nach oben rein. Man muss also den Rucksack komplett aufklappen und den Stiel dann von unten hereinschieben – so ist der Griff nach unten gerichtet. Das ist nicht 100 % perfekt, denn es benötigt eine Sekunde mehr, um die Schaufel in der Hand zu halten. Komisch, ist die Schaufel doch vom gleichen Hersteller und in Fachzeitschriften wie z.B. auch der bergundsteigen hoch gelobt.

Das zweite große Fach ist als Packsack gedacht. Im komprimierten Zustand ist es gut für Tagestouren, wobei ich hin und wieder selbst bei den schon einmal den Reißverschluss aufgemacht habe, um den Packsack zu vergrößern. Auf diese Weise erhählt man geschätzt etwa drei oder vier zusätzliche Liter im Hauptfach.

Der Rucksack in "ausgefahrenem" Zustand.

Zusätzlich gibt es oben ein großes Fach, das endlich auch mal so groß ist, dass ernsthaft etwas reinpasst – und nicht nur ein Knoppers. Da findet von Sonnenbrille, über Snacks, Apfel, Sonnencreme, Messer, Geldbeutel und dünnen Handschuhen alles Platz. Im kleinen Frontfach gibt es zusätzlich noch Stauraum, der entweder für Kleinigkeiten oder für die Karte ideal ist. Unten am Rucksack gibt’s dann noch ein Fach für Steigeisen oder Felle, wobei das dafür eigentlich einen Tick zu klein ist. Zumindest bei meinen breiten Fellen. Das liegt daran, dass sich in diesem Fach noch eine weitere Überraschung verbirgt: Ein Sack, den man nach unten herausziehen kann und vom LVS-Fach aus noch weiter befüllen kann. Weiterer Stauraum also, obwohl das definitiv zulasten der Praktikabilität und Optik geht. Abschließend ist an der Hüftflosse noch eine kleine Tasche für Labello und Auslöseeinheit des Systems.

Installation der Airbageinheit

Das T-Stück durch die Miniöse - ich habs trotz kleiner Finger und viel Engagement nicht hinbekommen alle vier Punkte zu fixieren.Die Installation der Airbageinheit ist hervorragend beschrieben. Natürlich hat man ein mulmiges Gefühl, so etwas selbst zusammen zu bauen (man will weder etwas falsch machen noch den Airbag aus Versehen auslösen), aber bis zu den Punkt, an dem man das System mit dem Rucksack fest verbindet, läuft alles ganz easy. Allerdings muss man die ganze Einheit (geschätzt 12 Liter) anschließend an allen vier Ecken am Rucksack fixieren – das ist so unpraktisch gelöst, dass ich es selbst nicht hinbekommen habe – und das mit meinen kleinen Fingern! Man muss ein kleines T-Stück in eine Öse friemeln, die aber so dermaßen eng bemessen ist, dass spätestens an der dritten Ecke Schluss war. Mein Freund hat es dann nach rund zwanzig Minuten hinbekommen. Seit dem sind für mich die Ösen tabu, ich werde auf gar keinen Fall die Einheit noch einmal ausbauen. Das ist schade, sonst könnte man den Rucksack auch so mal verwenden, denn seine Funktionen wären z. B. auch auf einer Sommerhochtour  richtig praktisch!

Im Gebrauch

  • Die Fächeraufteilung bewährt sich im Gelände enorm. Einziger Wermutstropfen ist das minimal zu kleine Fach für Felle oder Steigeisen.
  • Die Auslöseeinheit kann man sowohl links, als auch rechts in den Träger montieren. Je nachdem, wo man es haben möchte, bleibt im anderen Träger ein isolierter Raum, durch den der Camelbak perfekt passiert. Genial!
  • Der Rucksack ist eindeutig auf TOUREN ausgelegt – das macht ihn so praktisch. Es sind die Kleinigkeiten, die man sich an einem richtigen Tourenrucksack wünscht. Zahlreiche Fixierungsmöglichkeiten, ein Helmnetz, das man bei Bedarf zusätzlich ranklippt, eine ordentliche Pickehalterung und eine variable Skifixierung. Entweder französisch (beide Ski zusammen und schräg montiert oder als großes X mit den Skiunterseiten direkt am Rucksack, was laut Ortovox auch schonender für das Material ist. Hintergrund für diese neue Halterungsmöglichkeit „x-skifix“ ist, dass die Ski nicht seitlich montiert werden können, weil dort die Airbags im Falle einer Auslösung herauskommen. Das „neue“ System ist auf breiten Graten ok, beim Klettern aber definitiv nicht praktisch. Mal davon abgesehen, dass man mit breiten Latten womöglich ein noch größerer Windfang ist.
  • Der Tragekomfort ist auch bei großem Gewicht einwandfrei. Einzig negative ist, dass die Trageschlaufe des Rucksacks manchmal zwischen Rücken und Rucksack rutscht und man dann erst mal lustige Dehnübungen machen kann, um die Schlaufe rauszubekommen.
  • Das Volumen ist wie oben bereits beschrieben ausreichend. Für einen viertägigen Skitouren-Hütten-Aufenthalt haben nicht nur Klamotten, sondern auch noch etwas an Essen reingepasst – ohne etwas außen montiert zu haben. Durch das Pink ist der Innenraum einigermaßen hell, allerdings sieht man sowieso nicht allzu weit rein, weil der Stauraum eher schlauchförmig ist.
  • Ein wichtiges Kriterium bei Rucksäcken ist natürlich bei mir immer die Möglichkeit, die Kameratasche direkt am Rucksack zu fixieren. Da es bei dem ABS-System keine seitlichen Schlaufen für die Ski mehr gibt (weil da ja die Airbags rauskommen, siehe oben), hängt die Kamera jetzt an der Hüftflosse. Das ist ok, aber nicht so perfekt, wie bei anderen Rucksäcken. Die Tasche stört vor allem beim Laufen, weil man ständig mit dem Arm anstößt. Ist aber sicher ein sehr spezifisches Ulligunde/Fotografenproblem.
  • Hat man den Rucksack einmal abgelegt, passiert es häufig, dass sich im  Hüftflossen-Verschluss Schnee ansammelt. Es braucht nicht viel, damit man die beiden Seiten nicht mehr ordentlich verbinden kann. Mit etwas Gewalt oder einem starken Puster ist meistens alles ok, aber bis dahin sind die Kollegen halt schon den halben Hang  unten.
  • Der Tour 30+7 du 32+7 (Männervariante) war betroffen von einer vorsorglichen Nachrüstaktion (kein Rückruf). Bei wenigen Malen war es wohl der Fall, dass der Reißverschluss an der Seite sich nicht geöffnet hat und der Airbag daher „nach innen“ aufging. Um diese Sicherheitslücke zu schließen, kann bei Ortovox kostenlos ein kleines „ABS DOOR OPENER KIT“ bestellt und kinderleicht fixiert werden. Es besteht aus kleinen, ca zwei Zentimeter großen Klettstücken, die direkt in den Reißverschluss geklebt werden. An dieser Stelle hält der Verschluss nicht mehr zusammen und sorgt so dafür, dass sich die Öffnung bei einer Airbag-Auslösung sofort öffnet.
  • Das Gewicht ist wirklich happig. Schaffe ich 500 Höhenmeter normalerweise deutlich in unter einer Stunde, machen sich die vier Kilo deutlich sichtbar.

 

Die Vor- und Nachteile:

Vorteile:

  • Volumen und Helligkeit im Packsack
  • Vergrößerbar – also auch für normale Touren nicht zu sperrig
  • Optik
  • Verarbeitung, Robustheit
  • Funktionen
  • Fächeraufteilung
  • Isolierte Träger
  • Tragekomfort
  • Separate Tasche im LVS-Fach für LVS-Gerät, 1st Aid und andere Kleinigkeiten
  • Kleine Tasche am Hüftgurt
  • Schnallen zur Skifixierung lassen sich tatsächlich auch mit Handschuhen bedienen

 

Nachteile:

  • Preis
  • Gewicht
  • Fixierung der Lawinenheit extrem umständlich (T-Stück in zu kleine Öse)
  • Steigeisen/Felle passen nicht wirklich in das dafür konzipierte Fach.
  • Kodiak-Schaufelstiel passt nur mit Griff nach unten rein
  • Keine seitliche Skifixierung (kann man nix machen, wegen der Airbags. Trotzdem unpraktisch)
  • Schließmechanismus von Hüftgurt nervt, wenn mal Schnee drin ist.
  • 37l werden erst erreicht, wenn seltsamer Packsack unten auch noch dazugenommen wird.

Fazit

Zunächst: Ich hätte mir den Rucksack wohl nicht geleistet, wenn ich ihn komplett selbst zahlen hätte müssen. So sehe ich ihn als zusätzliches Plus an Sicherheit bei bestimmten Touren. Ein Airbagsystem ist natürlich keine Allzweckwaffe, mit der man nun mehr riskieren kann, aber in bestimmten Situationen könnte er helfen. Und wenn ich ihn nie brauchen werde, war es wenigstens gutes Training. Unter diesem Aspekt war es definitiv die richtige Entscheidung, den vielseitigen, wirklich exzellent durchdachten Tour 30+7 zu kaufen. Abgesehen vom Preis und einigen Kleinigkeiten überzeugt er auf voller Linie.

 

 

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6 Comments

  • Reply Bernd | KritzelKraxel.net Februar 19, 2014 at 7:46 pm

    Ah, sehr schön diesen Bericht zu lesen: danke Erika!
    Die Männerversion habe ich beriete im Auge, ohne mir Details oder vergleichbare Produkte angeschaut zu haben. Sehr guter Tipp mit dem Fach für Steigeisen, das werde ich mir merken!
    Eine Frage habe ich aber noch: „Was hat das LVS Gerät im Rucksack zu suchen?“
    Mir ist immer gesagt worden, dass das LVS-Gerät an den Mann bzw. Frau kommt über die erste Schicht kommt und nirgend woanders hin. Denn man will ja selbst gefunden werden, nicht der Rucksack. (Ok, der soll natürlich wegen dem Airbag System nicht vom Körper getrennt werden!)
    Viele Grüße – trotz Frage, Bernd

    • Reply ulligunde Februar 20, 2014 at 8:38 am

      Hi Bernd,

      gern geschehen mit dem Artikel 😉

      Zur Lagerung oder auch beim Transport zur Skitour/Hütte habe ich gerne immer alles an einem Ort. Wenn die Tour dann losgeht, muss ich nur noch schnell in bestimmte Taschen greifen, um eben z.B. das LVS rauszuholen. Selbstverständlich muss das LVS während einer Tour direkt am Körper getragen (Tasche mit Reißverschluss, am Torso, möglichst weit weg vom Handy), da hat das LVS nichts im Rucksack zu suchen, auch wenn der mit ABS natürlich nach Möglichkeit am „Mann“ bleiben sollte 😉

      Ich hoffe, das hilft zur Entwirrung? 😉

      Liebe Grüße,

      Erika

      PS: Mario vom Alpin-Blog hat kürzlich auch einen Lawinenrucksack getestet.

      • Reply Bernd | KritzelKraxel.net Februar 20, 2014 at 7:50 pm

        Hallo Erika,
        klaro, ich war nur etwas irritiert, kann mit Deiner Argumentation aber gut Leben.
        Schöne Skitour!
        Und danke für den Link zu einem weiteren Test. 🙂
        Bernd

  • Reply Testbericht – Ortovox Tour 30+7 Women: Geräumiger Lawinenairbag speziell für die weibliche Freeride und Skitourenfraktion | airFreshing.com Dezember 10, 2015 at 10:18 am

    […] Das Tragesystem des Skitourenrucksacks ist passend zur weiblichen Anatomie etwas kürzer gehalten, verteilt die Last aber dennoch optimal am Rücken (sofern das Hauptfach nicht erweitert wird) und sorgt dank der Belüftungsfeatures zuverlässig für ein angenehmes Körperklima. Hervorhebenswert ist auch das im Handumdrehen fixierte Helmnetz, die beidseitig isolierten Trinkschlauchführungen an den Trägern sowie die besonders robusten Haken aus bruchfestem Alu zum Befestigen der Ski bzw. des Snowboards. Auch das herausnehmbare ABS-System konnte uns überzeugen, da es bei Bedarf in kürzester Zeit entfernt werden und bspw. bei Fahrten auf gesicherten Skipisten ganz einfach daheim gelassen werden kann. Dadurch kommt der Rucksack durchaus auch einmal beim (Winter-)Wandern oder im Alltag zum Einsatz. Gut zu wissen: Der Airbag kann problemlos auch mit anderen Ortovox Lawinenrucksäcken benutzt werden. Auch ulligunde.com hat die Damenversion des Lawinenairbags getestet, den Testbericht gibt’s hier. […]

  • Reply Kurt Dezember 22, 2016 at 10:10 am

    Hallo, ein interessanter Artikel.
    Leider hat Ortovox inzwischen keine ABS mehr verbaut sondern ein eigenes System entwickelt. Würde sich ja evtl. anbieten den Artikel zu akutalisieren?

    • Reply ulligunde Dezember 23, 2016 at 11:07 am

      Hi Kurt,
      vielen Dank für den Hinweis. Da ich seitdem keinen neueren Airbag-Rucksack besessen habe, kann ich auch nichts zu neueren Systemen schreiben. Aber du hast Recht, der Artikel ist schon recht alt. Man könnte ihn eigentlich auch offline nehmen.
      LG
      Erika

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