Falsch gedacht! (I Droc, Eisklettern Langental)

Januar 27, 2018

Jedes Jahr gibt es Eiskletter-Touren, die laut Facebook besonders beliebt sind. Letztes Jahr waren es der Schrammacher, der Lüsener Fernerkogel, die Mayerlrampe am Glockner und vielleicht noch der Wildgall, dieses Jahr zum Beispiel die I Droc im Langental.  Nachdem unsere eigentlichen Pläne im Nachbartal im vielen Schnee versunken waren, fiel die Wahl spontan auf die I Droc. Die war nämlich ausreichend steil für viel Schnee, dennoch einigermaßen lawinensicher und schön lang. Und hey, an einem Montag wird schon nicht viel los sein!

Langkofel im Sonnenaufgang50 Minuten Zustieg stand im Führer. Ja sind wir denn im Urlaub? Völlig euphorisch stellten wir den Wecker auf 7 Uhr. Ausschlafen und trotzdem was Langes im Eis machen, das klang ja schon fast paradiesisch. Während wir noch im Schlafsack lümmelten, schlugen draußen die ersten Autotüren. „Die werden doch nicht etwa…?“ Ein Blick nach draußen zeigte drei hochgewachsene, sportliche Männer in nahezu identischer Klamotte. Professionell sahen sie aus. Bergführer? »Gut, die werden ja sicher nicht…«.

Julbo Eyewear beim Eisklettern

Eisklettern Langental? Da kennen wir uns aus! Nicht?

Wenig später wieder Autotüren. Wieder drei Männer, weniger bunt, aber flink unterwegs. Irgendwann purzelten dann auch wir mal aus dem gefrorenen Auto und schlenderten in die Richtung, wo wir die Tour vermuteten. Lagen natürlich falsch, bekamen dafür eine hübsche Wühlerei durch den Wald und immerhin mal wieder neue Aussichten auf unser zweites zu Hause. Wie oft waren wir wohl nun schon hier?

Ins Seil einbinden beim Eisklettern

Wir haben’s nicht eilig

Am Einstieg dann die Gewissheit: Die drei Unbunten waren wohl doch nicht so schnell unterwegs, sie machten sich erst gerade bereit. Naja, macht nichts, wir reihen uns hinten ein. Eile haben wir ja nicht.

Nach dem professionell gespurten Zustieg (Danke Hochzwei.media 😉 ) zum eigentlichen Fall dann doch etwas große Augen: Neben den drei unbunten Männern fingen doch tatsächlich gerade die drei vermeintlichen Bergführer an zu pickeln. Wie lang haben die für den Zustieg gebraucht!? Womöglich doch keine Bergführer…

 

Diese Ausrüstung war mit dabei:
(Zur ganzen Übersicht »Ausrüstung beim Eisklettern«)

 

Frau im Vorstieg beim Eisklettern

Soll ich vielleicht?

Hm, naja. Egal, die werden schon schnell sein. Und Eisschlag hatten wir wegen der vielen Stufen jedenfalls kaum zu befürchten.

Team Unbunt war cleverer, setzte sofort auf der leichteren Seite der Kerze zum Überholen an und ward erst am Ende des Tages wieder gesehen. Wir hingegen lümmelten herum, schauten zu, wie Team Bunt sich langsam am anspruchsvollen Teil der Kerze hocharbeitete.

Wir hatten es nicht eilig und wollten keinen Stress, also warteten wir. Und während wir so zuschauten, wuchs ein Gedanke im Kopf. Es ist steil. Aber nicht so steil. Und nicht so lang. Und überhaupt! Soll ich vielleicht?  »Probier’s einfach. Klar schaffst du das!«, sein Kommentar.

Ich probier das mal!

I Droc, Eisklettern im Langental, erste SeillängeNochmal kurzes Nachfühlen: Was sagt der Bauch?  Der hatte Lust und die hatte er noch nie bei so einem Schwierigkeitsgrad. Also los! Und schon hing ich da, die Füße auf perfekt ausgetretenen Podesten, die Geräte tief versenkt in riesigen Löchern. Je mehr Leute einen Fall klettern, desto einfacher wird er. Von dem angeblichen Wi5+ war daher nicht mehr viel übrig, dick wurden die Arme trotzdem. Aber der Mut war da!

Gefühlt setzte ich so alle 25 Meter eine Eisschraube. Vielleicht waren es auch alle 20. Unendlich weit und professionell effizient war ich auf jeden Fall unterwegs. Ganz bestimmt. Und so schnell! Als dann nach vielleicht 30 Klettermetern am Stand nur noch zwei der zwölf Schrauben am Gurt hingen, kam mir die Sache zwar etwas spanisch vor, aber okey… Egal! Oben! Obeeeen!

Mut zum Mut

Nach der ersten Seillänge der I Droc, LangentalStolz wie Püppi stand ich da und grinste breit in mich hinein. Genaugenommen aber eigentlich nicht wegen der geschafften Seillänge (immerhin die schwerste meines kleinen Lebens), sondern viel mehr über die Entscheidung, es überhaupt zu probieren.

Mal wieder die Erkenntnis: Der erste – womöglich wichtigste – Schritt für einen erfolgreichen Vorstieg ist der Mut, es zu überhaupt zu probieren. Chackawacka, wo ist die Weltherrschaft!

Portable Badewanne

Winter in SüdtirolEr kam nach, verschwand, ich kam nach, verschwand… Neben uns immer Team Bunt, das leider weder deutsch noch englisch sprach. Jedes Mal teilten wir uns die Stände, es reichte aber nie, um ernsthaft zu überholen. Einfach mal warten ging auch nicht, nach uns rückten bereits neue Verfolger an. Der Spaßfaktor sank. Eingekeilt zwischen Seilschaften ist sch***, ganz speziell beim Eisklettern.

In den losgetretenen Schneeduschen ging es weiter, der Nacken füllte sich gemächlich mit langsam schmelzenden Schnee, die warme Sonne tat ihr Übriges und durchnässt von Handschuh bis Hose krabbelten wir die kommenden Stufen empor. Der Spaßfaktor setzte zum Sinkflug an.

Spaßfaktor? Touchdown.

Eisklettern im Langental, Südtirol

Immerhin hatten die nachfolgenden Typen gute Stimmung, zumindest bis ein Eisbrocken den Schenkel des Kollegen traf und er nur noch stöhnend zusammensackte. Spaßfaktor? Touchdown. Noch eine Seillänge und dann nichts wie weg. Links rum sah irgendwie richtiger aus, andererseits auch ausgewaschen durch einen Schneerutsch. Dann also doch rechts, wo die anderen kletterten.

Seilreibungsgunde bei der Arbeit

Eisklettern in der I Droc, Langental

Nach einer meisterlichen Seilreibungsmaximierung robbte ich mal wieder zerrend über die Kante. Geht das eigentlich nur mir so oder verschleiern andere Kletterer Seilreibung nur besser?

Eine wirklich letzte Seillänge noch, ein »Stand!« und ein paar »Grau zieht!«, »Orange zieht!«, »Was zieht?« später standen wir wieder am Einstieg. Einigermaßen staunend, denn so sonnig hatten wir das Langental noch nie erlebt – so früh waren wir einfach noch nie wieder unten! Cool!

Düsteres Deja-Vu

Seilschaft und Paar in einemWie bereits unsere Tour an der Fußsteinkante hat auch diese Tour einen Nachgeschmack, der mir die Tränen in die Augen jagt. Nur zwei Tage später waren zwei Freunde von uns in der Nachbartour, wie damals im Valsertal kreiste auch diesmal der Helikopter, auch diesmal die Nachricht: Einer kam ums Leben. Mit 22.

Unfälle sind immer schlimm, wenn man die Leute kennt, umso mehr und wenn ich jetzt unsere Bilder sehe – ausgelassen, bis ins Herz glücklich, in routinierter Zweisamkeit – nur wenige Tage zuvor – fragt man sich: Ist es das Wert? In einem Moment noch vollkommen fröhlich, im nächsten? Was wäre, wenn von einem Augenblick zum anderen der Michi weggespült und erst nach Tagen unter drei Metern Schnee gefunden wird? Noch selten hat mich ein Unfall so dermaßen erschüttert.

 

>> Zur Übersicht: Alpines Eisklettern <<

 

Abseilen beim Eisklettern

Facts Il Droc |
Eisklettern im Langental

 

Zustieg: Auf dem gespurten Tal-Spazierweg vorbei an der Kapelle, über eine Brücke und dort, wo man wieder auf die Loipe trifft, gerade aus hoch in Richtung Wand. Am besten schon dort umziehen, wo die Rinne beginnt, es warten ein paar kurze Eisstellen. Abseilen an eingerichteten Ständen. Gemäß Führer biegt man eigentlich nach der zweiten steilen Seillänge links ab, rechts geht aber auch, steht angeblich häufig besser da und ist leichter. Linksrum ist ggf. aber lawinengefährdeter (Gut möglich, dass wir den Schneerutsch, der von dort kam, ohnehin abbekommen haben. Bei uns kein großes Volumen).

 

 

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