Im Traumland: Hochalmspitze Südpfeiler

September 19, 2016

„An dem Pfeiler oben hättest Du auch gerade aus hochgehen können! Aber na, gut habts ers gmacht!“. Groß und blond steht er in der Küche, die Muskeln spannen das T-Shirt, die schulterlangen Haare hängen im Mittelscheitel ins lachende Gesicht. Nicht allzu oft passiert es, dass sich Hüttenwarte gerade bei so einem Andrang so viel Zeit nehmen, aber Othmar plaudert über die alten Zeiten, die Lawine damals, die alles zerstörte, über den Großvater, der schon die Hütte bewirtete, die Hochalmspitze… „Du musst zum Eisklettern herkommen! Keine Lawinengefahr, tolle Linien!“ schwärmt er, während er seine Telefonnummer aufkritzelt. „Mixed, Eis, schwer, leicht… Kommts vorbei!“.

Unverkennbar: Der Südpfeiler zur Hochalmspitze.Nach etwas mehr als einer Stunde kam die Hütte schon in Sicht. Der Zustieg malerisch, eine sensationelle Gegend. Allein schon die Anfahrt durch das schmale Tal war eine Reise in das entlegene Norwegen. Tannen, hohe Wiesen, dazwischen ein wilder Bach… Dann irgendwann die Baumgrenze und kurz danach der erste Blick auf unser Ziel: Die Hochalmspitze. Markant fällt die Linie ins Auge, der Grat, der im Gletscher beginnt und direkt zum Gipfel zieht. So lange stand diese Tour auf meiner Wunschliste. Nachdem vorgestern der Grundschartner-Traum erfüllt wurde, sollte es heute der Südpfeiler werden. Das Wetter war zu perfekt, um diese Chance nicht zu nutzen.

Urige Hütte

Noch ein kurzer Crashkurs im Standplatzbau mit mobilen Sicherungsmitteln.Die Hütte war klein, urig, quirlig. Ein bisschen zu individuell für eine echte DAV-Hütte nach Lehrmeinung. Handgemalte Hinweisschilder, die Betten knarzten, eine Speisekarte? Fehlanzeige. Es gibt, was da ist. Und was da ist, das erklärt der junge Hiwi, wenn er denn mal Zeit hat. Aber alles okey, so groß ist die Hütte nicht, als das man nicht irgendwann was zu essen bekommt. Neben uns einige Slowenen, was die mehrsprachigen Hinweise erklärt. Aber klar, die Grenze ist hier nicht mehr weit weg. Mein östlichster Gipfel wird das morgen, fällt mir auf.

Ganz allein

Zustieg zur Hochalmspitze im ersten Tageslicht.Unser Wecker klingelte um fünf, eine halbe Stunde später starteten wir mit dem ersten Licht. Nach dem großen Andrang am Grundschartner wollten wir auf Nummer sicher gehen, außerdem sollte es heute Nachmittag gewittern. Doppelt falsche Befürchtung, stellte sich im Nachhinein heraus. Aber lieber zu früh als zu spät.

Wir wanderten still über die von Opa Baier liebevoll verlegte Platten, querten Bäche, genossen die ersten Atemzüge dieses neuen Tages. Das Gelände wurde gerölliger, es wurde mühsamer zu gehen. Der Gletscher ist inzwischen sehr weit oben, anseilen lohnt sich schon fast nicht mehr. Wir taten’s trotzdem, denn es lag immer noch Schnee drauf und auf einigen Fotos waren unverkennbar Spalten zu sehen. Vorsichtgunde.

Das muss lila sein.

Pause am ersten Standplatz, der wie gemacht für zwei Personen ist.Es wurde hell, es wurde warm. Den ersten Standplatz kletterten wir mit Steigeisen an, machten Pause, genossen. Was für eine herrliche Landschaft. Ich schreibe das oft, meine das auch immer so, aber diese Gegend hier, die ist wirklich traumhaft schön. Die Bergschuhe wanderten in den Rucksack, wir tauschten gegen Friends und Kletterschuhe. Das Ding wird häufig mit Bergschuhen gemacht, eine Sekunde hatte ich auch darüber nachgedacht. Aber schon auf den ersten paar Metern freute ich mich über die Patschen, stand auf Reibung, klemmte die Hand im Riss und versenkte den ersten Friend. Kurzer Blick. Lila, da müsste lila passen. Tat es und ich war etwas stolz auf all das, was ich in diesem Jahr in Cadarese gelernt hatte.

Hochalmspitze cruisen

Cruising!Carmen kam nach, hatte ähnlich wie ich erste Anlaufschwierigkeiten, denn auch wenn das Gelände vermeintlich leicht war, zerrte der schwere Rucksack doch nach unten. Dann begannen wir zu cruisen, versenkten viele Friends und kaum Keile und wunderten uns immer wieder, wie schwer einem Vierergelände vorkommen kann. Es war natürlich nicht wirklich schwer, die Henkel waren riesig, aber trotzdem will die ein oder andere Platte gestanden werden und daran muss man sich immer gewöhnen. Noch dazu wollte man in diesem Gelände sicher nicht stürzen.

Carmen in der letzten Seillänge, bevor es leichter wird.Ich musste immer wieder daran denken, dass mir bei meiner DAV-Fortbildung eine Ausbildung zum Bergführer ans Herz gelegt wurde. Bergführer tänzeln hier mit Bergschuhen ganz easy hoch, während uns der ein oder andere Puster entfleuchte. Irgendwie enttäuschend, ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals diese Fähigkeit besitzen werde. Aber andererseits: Wir machen das zum Spaß, man soll sich nicht mit anderen messen. Andere jagen Schwierigkeitsgraden und Onsights hinterher, wir cruisen eben und genießen die Landschaft, das Wetter und die Abwechslung, die so eine alpine Tour bietet. Vergleiche Dich nicht mit anderen, höchstens mit Dir selbst, Frau Ulligunde. Hauptsache es bereitet Freude und Erfüllung.

Happy!

Im leichten Gelände kurz vor dem Gipfel der Hochalmspitze.Und die bereitete es. Die Kletterei war abwechslungsreich. Mal durch eine Verschneidung, mal durch Risse. Die Schlüssellänge war plötzlich mal richtig steil, aber mit dem richtig gefundenen Henkel doch gutmütig. Der Aufsteher in der folgenden Seillänge dafür vergleichbar schwer. Und danach: Orientierungsloses hochgetänzel, immer die Wahl zwischen dem großen und dem ganz großen Henkel. Zur Mittagszeit standen wir am Gipfel, wurden gespannt beäugt, denn weder gab es hier noch andere Alpinkletterer, noch weitere Mädelsseilschaften. Wir waren happy, auch wenn zwischenzeitlich dunkle Wolken über uns waberten.

Stonehopper

Kurz Kraxeln...Sicherheitshalber blieben wir nicht allzu lange, tauschten Kletterpatschen wieder gegen die dicken Bergschuhe und begannen den Abstieg. Zunächst Steinehüpfen, dann leichtes Klettern, wieder Steinehüpfen, dann kurze drahtseilversicherte Stellen. Geröll, endloses, grobes Geröll. Hüpf. Hüpf. Hüpf.

Es zog sich. Der Gletscher reichte schon lange nicht mehr bis zum Joch, ein Klettersteig war eingerichtet, all die Aspiranten, die den Detmolder Grat (ebenfalls ein Klettersteig) gemacht hatten, klinkten sich vorbildlich mit ihren Sets ein. Wir hatten sowas nicht, es war für uns nach all den Metern im Granit auch wirklich nicht nötig (wenn ich sowas mal sag!) und so versuchten wir möglichst ohne zu stören an den Menschen vorbei zu huschen. Gelang nur mittelmäßig, den ein oder anderen Kommentar bekamen wir ab. Aber für 20 Meter Fels eine halbe Stunde zu brauchen, das kam für uns nicht in Frage.

Deshalb machen wir das

Endloses Geröll!Das letzte Stück seilten wir ab, huschen über die verbliebenen paar Meter Gletscher und fanden uns wieder in: Geröll. Yibiaiejo. Über Platten und Geröll, Geröll und Platten oder wahlweise nur Geröll ging es hinab. Hüpf. Hüüüüpf. Gefühlt stundenlang, in echt wohl nicht ganz so lang. Es war anstrengend, es war heiß und einige der Menschen hier machten keinen allzu geländegängigen Eindruck (mehr). Wir schalteten um in den Modus „stoisches Weitergehen“ und gingen einfach nur. Gingen. Gingen.

Langer Abstieg.Und siehe da, irgendwann wechselte das Geröll tatsächlich in Gras, wir dankten bei jeder Platte in dem unteren Geröllfeld dem Opa Baier, der die hier verlegt hatte. Zieleinlauf. Bier. Kuchen. Liegestuhl. Sonnenschein. Schuhe aus! Wegen diesem Moment macht man das doch alles. „An dem Pfeiler oben hättest Du auch gerade aus hochgehen können! Aber na, gut habts ers gmacht!“ grinst uns der Othmar an und schiebt mir seine Nummer zu. „Kommts zum Eisklettern vorbei, das wird Euch taugen!“

 

Facts Hochalmspitze Südpfeiler

Topos zum Südpfeiler und zum ebenso schön aussehenden, benachbarten „Traumfänger“ (6a, gebohrt) gibt’s im Kletterführer Maltatal. Überhaupt ist das Tal definitiv eine Reise wert! Im Tal gibt’s von Sport- über Alpinklettern bis zum Eisklettern alles.
Ich würde die Tour eher im Frühjahr angehen, wenn die Geröllfelder noch schneebedeckt sind.
Ganz oben sind wir irgendwann links in Richtung Gipfelkreuz ausgequert, man kann aber auch einfach direkt am Grat bleiben. Festerer Fels.
Ein Set Friends bis blau (3) oder zumindest gelb (2) sind hilfreich. Keine Borhaken, insgesamt etwa fünf Normalhaken in verschiedenstem Verwitterungszustand. Spalten im Gletscher definitiv vorhanden. Erster Stand easy mit Steigeisen ankletterbar. Alternativ kann zum zweiten Stand von rechts reingequert werden.

 


Welche Ausrüstung ich bei solchen Touren derzeit dabei habe:
(Die ganze Übersicht gibt’s hier)



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6 Comments

  • Reply Dani September 20, 2016 at 11:06 am

    Sehr feine Tour, die haben wir auch auf die „irgendwannmal Liste“ gesetzt. 😉
    Ich kenn‘ da so eine junge Frau, die mir bzgl. Traumfänger schon mal in den Ohren lag, nur äh… falls die Klettergunde mal wieder in die Gegend will… 😉

    • Reply ulligunde September 21, 2016 at 6:13 am

      Oooh? Wie? Die junge Frau ist nicht zufällig blond und hat zwei Zwerge daheim? Für die Tour wäre ich jederzeit zu haben, sah gut aus!

      LG =)
      Erika

      • Reply Dani September 23, 2016 at 9:39 am

        Jepp! Die junge Frau. 😉
        Nur so als Hint… 😉
        Lg
        Dani

  • Reply Rebecca September 21, 2016 at 8:13 pm

    Super geniale Beschreibung und Bilder, danke dafür! Die Tour möchte ich auch irgendwann mal machen, wenn ich etwas geübter mit mobilen Sicherungen bin. Wir hatten ein paar Wochen vorher den Detmolder Grat als Aufstieg auserkoren, doch leider war das Wetter zu schlecht (Bericht siehe Blog)… Der Abstieg über die Steinernen Mandlen zieht sich, das kann ich aber zumindest bestätigen – den haben wir nämlich einen Tag vorher beim Hüttenübergang schon gemacht. Trotzdem ist’s eine beeindruckend schöne Umgebung dort!

    Liebe Grüße

    Rebecca

  • Reply Sabrina September 22, 2016 at 8:26 am

    Sooooooo schöner Bericht – an solche Touren sollte ich mich unbedingt auch mal trauen….das muss schon drin sein! Und Deine Bilder sind wie immer genial!

    LG und bis bald, Sabrina

  • Reply Markus Oktober 18, 2016 at 9:08 pm

    Sehr schöner Bericht und vor allem tolle Bilder. Die Bilder finde ich fast noch besser als alles andere. Gerade wenn man in den Bergen ist und von oben herabschaut. Ich bin eher der Fahrradfahrer.

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