Ungewolltes Abenteuer: Sea Breeze (Alpinklettern Lofoten)

September 30, 2014

Reine, Lofoten

Die Seile sind triefnass. Die Klamotten auch. die Hände sind durchgeweicht, die Kraft im Körper schwindet. Es sollte eine gemütliche Tour zum Morgen werden, gegen Mittag wollten wir zurück sein – stattdessen befanden wir uns um zwölf immer noch mitten in der inzwischen schattigen Wand, noch nicht ahnend, dass der Abstieg eine ganz eigene Tortur werden würde.

Wer braucht schon Sicherungen...Lofoten life: Der Zustieg dauerte ganze 30 Sekunden. Einmal die ausgediente Küstenstraße überqueren und schon standen wir am Einstieg. Die Morgensonne schien warm, es ging kaum Wind. Der Himmel war strahlend blau. Ein guter Tag – und morgen sollte es sogar noch besser werden. Dieses Wetterglück morgen wollten wir für die wohl herausragendste Tour unserer Zeit auf den Lofoten nutzen. Den Nordryggen am Vagakallen, angeblich eine der schönsten Touren überhaupt.  12 Seillängen, technisch nicht allzu schwer, aber viele hundert Meter lang und stetig ausgesetzt. Am 900 Meter hohen Gipfel würde nicht nur ein garantiert einmaliges Panorama warten, sondern auch noch ein ungewisser, anspruchsvoller Abstieg durch steilen, ausgesetzten Fels. Es klang spannend und nach einem echten, außergewöhnlichen Abenteuer. Allerdings eines, für das ich meinen gesamten Mut brauchen würde, um einigermaßen zügig voranzukommen.

Vermeintlich leicht

...und wer braucht vertrauenswürdige Stände!?Die Tour heute war nur als eine kleine Unternehmung geplant. Einfach ein bisschen raus und eine weitere „Top-50“-Tour erkunden. 8 Seillängen, 5 (norwegische Skala), Blick aufs Meer. Klang gut. Entspannt. Aber schon die erste Seillänge, eigentlich 4+ und damit vermeintlich leicht, forderte schon ziemlich. Die Kletterei war kaum abzusichern und irgendwie gar nicht so einfach wie erwartet. Die folgende Seillänge war ähnlich. Erst die schwere, darauffolgende lies für wenige Meter Klettergenuss aufkommen, bevor wir in einer nassen und später enorm grasigen Risskante landeten. Was ist an dieser Tour bitte „Top-50“!?

An einem wenig vertrauenserweckenden Schuppengeflecht machten wir Stand. Umdrehen kam kaum in Frage, die „Abseilpiste“ wurde bereits im Führer als alt und wenig empfehlenswert erwähnt und bevor wir an jeweils einem einzigen, verrosteten Borhaken abseilen würden, wählten wir lieber die Flucht nach vorn.

Flucht nach vorn

OBEN!! Oh Mann, endlich... Jetzt nur noch irgendwie runter!Ein verpasster Stand, eine kaum abzusichernde, gruselige Platten-4+, ein bösartiger Seilsalat (passiert ja auch nur in solchen Routen) und abermals nasse Stellen ließen langsam die Nerven blank liegen. Bloß raus. Einfach raus. Ich machte mir schon gar keine Mühe mehr, mich zu ärgern und versuchte einfach, möglichst schnell voranzukommen. Nur in einer schmierigen Quarzader in der vorletzten Seillänge entfuhr mir ein kurzer Fluch. Vagakallen, morgen!? NO WAY! Wenn wir hier unten sind, kaufen wir erstmal den Supermarkt leer, suchen uns einen schönen, SONNIGEN Strand und gehen nie mehr klettern!! Inzwischen war die Sonne natürlich schon längst hinter dem Berg verschwunden, es war kalt und schattig. Ringsum herrschte noch herrlichstes Herbstwetter, die Sonne schien, der Himmel war klar. Und wir hampelten hier im kalten Schatten rum. Oh man.

Endlich oben.

AbseilabenteuerFür das wunderschöne Panorama mit türkisfarbenen Meer, kleinen Inselchen und goldenem Herbstlicht hatte ich wenig Aufmerksamkeit. Lieber schnell runter – außer einer Nektarine und einem Apfel hatten wir nichts im Rucksack, dementsprechend knurrten die Mägen. Im Führer stand irgendwas davon, dass man bloß nicht den ersten Gully, sondern den zweiten erwischen und an Bäumen und Steinen viermal abseilen solle. Mit etwas Glück fände man bunte Bandschlingen. Wir suchten, waren nicht sicher, welcher von den drei Gullys nun der zweite sein solle und fanden erst nach einer halben Ewigkeit ziemlich weit unten eine Bandschlinge. Puh. Wenigstens das. Hier war schon mal jemand. Wir seilten in einen schmalen Schacht ab und landeten direkt im Bach. In einem steilen, rutschigen Bach. Die Rinne war an den schmalsten Stellen vielleicht noch zwei Meter breit, die Füße fanden beim Abseilen auf dem moosigen, schmierigen Felswänden kaum Halt, die Seile waren bereits nach der ersten Länge triefnass. Immerhin fanden wir weitere Bandschlingen. Ziemlich windige Konstruktionen – eine an einem größeren Felsbrocken direkt an einer Kante, die andere an einem kleineren Stück Fels mitten im plätschernden Bach. Immer wieder ging es über kleine Stufen hinunter – lauter potenzielle schmale Kanten, in denen sich das Seil beim Abziehen perfekt festfressen könnte. Würde das passieren, hätten wir ein echtes Problem, denn Hochklettern ging hier einfach nicht. Alles war nass, moosig und die Stufen fast alle kurz überhängend. Ein Alptraum.

Eiskalt durchnässt

Aufgeweicht. Ich glaub ich werd kein Fan von Rafting...Das Wasser, das beim Abseilen aus den Seilen gepresst wurde, war eiskalt und durchnässte innerhalb kürzester Zeit Klamotten und Schuhe. Das also war Canyoning! Hab ich das wenigstens auch mal erlebt. Nach einigen Stunden erreichten wir endlich, endlich die untere Öffnung des Gullys. Nun folgte nur noch ein einigermaßen wilder Abstieg durch hohes Farn, durch dessen Erdgeschoss immer noch irgendwo der Bach floss. Aber egal, die Klamotten waren eh schon nass und der Freddy nun schon fast zum Greifen nah. Und irgendwann standen wir bei ihm. Am Meer. In Sicherheit. Es war vorbei.

Alles egal

Geschafft! Zurück am Bus!!Nach einer echten Siegerumarmung wechselten wir die Klamotten, schmissen die klatschnassen Seile ins Auto und brausten zum nächsten Supermarkt. Leckereien im Wert von 500 Kronen, das muss man erst mal nachmachen. Aber jetzt war alles egal. Den Vagakallen morgen würden wir garantiert nicht machen und überhaupt muss man manchmal auch einfach das Leben feiern. Wir fuhren noch ein kurzes Stück weiter an einen Sandstrand, legten alles zum Trocknen aus und machten uns einen großen Haufen Frikadellen mit Kartoffelpüree und Gurkensalat. Als Vorspeise gabs Schokolade und Fruchtmilch, zum Trinken außerdem Fruchtsaft und Magnesium, als Nachspeise Kaffee mit Brownies, Fruchtjoghurt und natürlich noch mehr Schokolade.

Wenn man es halt vorher wüsst’…

Rückgeblickt.Immerhin schenkten uns die Lofoten noch einen wunderschönen Sonnenuntergang und eine sternklare Nacht. Und selbst Nordlichter bekamen wir noch kurz zu sehen, bevor wir in einen langen, tiefen Schlaf fielen. Was für ein Tag. Was für ein Abenteuer. Viel lieber hätte ich all den Mut auf der Vagakallen-Tour verbraucht, es wäre ein echtes Gipfelerlebnis und ein kleines Testpiece für mich gewesen. Aber wer hätte es denn wissen können. Nun war es so und der Vagakallen würde bis zu unserem nächsten Besuch warten müssen, denn solch ein Wetterglück versprach die Prognose nicht mehr. Aber letztendlich ist es nicht schlimm, denn Wiederkommen werden wir garantiert noch einmal. Die Lofoten sind schließlich einfach das Paradies – für Fotografen, für Bergsteiger, für VW-Busse, für Kletterer, für Nordlichtfans. Und ganz offensichtlich auch für Abenteurer.

 

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2 Comments

  • Reply Christian Oktober 5, 2014 at 9:22 am

    Au wei oh wei … da hat‘ ich ja schon beim Lesen ein ganz mulmiges Gefühl und traute mich gar nicht mehr nach unten gucken (am Schreibtisch!) 😉

  • Reply Klettern in Norwegen (Lofoten, Setesdal, Nissedal, Trondheim, Flatanger) | ulligunde.com März 15, 2016 at 10:06 am

    […] Noch weiter in Richtung „A“, dem westlichsten Dorf auf den Lofoten wartet noch die Sea Breeze, die man wirklich nicht gemacht haben muss. Bescheidene Absicherung, die Haken zum Abseilen wurden […]

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