Die letzten „mobilen“ Tage, eine außergewöhnliche Bekanntschaft und eine neblige Traumwelt

Oktober 12, 2010

Es gibt in jedem Reiseland immer die sogenannten „Geheimtipps“ – geheim sind mit der Erwähnung im Lonely Planet zwar nicht mehr, aber sie werden unter Reisenden  doch oft noch als solche bezeichnet. Als einer der ganz großen gilt hier in Tasmanien die „Bay of Fire„. Die großen, rundgeschliffenen Steine sind von Flechten in sämtlichen Rottönen bewachsen und scheinen besonders während des Sonnenauf- und untergangs teilweise wirklich fast zu brennen.

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Geplant war, am Freitagmorgen gemütlich nach Norden bis nach St. Helens / Bay of Fire zu fahren, dort eine Nacht direkt am Meer zu verbringen und am nächsten Morgen sehr früh Richtung „Walls of Jerusalem“ aufzubrechen: Einem Gebirgszug im Nordwesten Tasmaniens, ganz in der Nähe des berühmten Overland-Tracks, um dort einen Zwei-Tages-Track zu laufen. Wie üblich kam alles anders:

An der Bay of Fire gibt es einige kostenlose Campingplätze, einer schöner als der andere. Nach einer entspannten Erkundungstour bei bestem Wetter, trafen wir auf einen etwas extravagant aufgebockten Kleinbus. Großes Solar-Panel, Ofen, Surfbrett, Kajak, Tauchzeug und unzählige andere spannende Dinge lagen um den Bus herum, inklusive einem abenteuerlich anmutenden Kauz mit langem Bart, verfilzten Haaren und unbeschreiblich blauen Augen. Stefan, ein Deutscher, zog seit einem Jahr auf diese Weise durch Tasmanien und blieb vor mehreren Monaten an diesem malerischen Ort hängen. Australier sind ja bekannt für ihre Freundlichkeit – ich kann es bestätigen – aber dieser Deutsche ist der gastfreundlichste Mensch, dem ich jemals begegnete. Er lud uns sofort auf eine Tasse Tee ein, wir diskutierten über Alexander dem Großen, den Mayakalender und dessen Auswirkungen auf 2012, über Religion, Schulpflicht und Nächstenliebe. Zwar teilten Christian und ich seine Ansichten nicht immer, dennoch war es ein spannendes Gespräch mit diesem außergewöhnlichen Charakter. Natürlich stand sofort fest, dass wir die Nacht an diesem Platz verbringen würden – wussten aber nicht, dass das Highlight noch bevorstand: Als wir zwei gerade beim Sonnenuntergang auf den roten großen Steinen saßen, kam Stefan mit einer knallgelben Tasche und meinte nur: „Ich war ein bisschen Einkaufen“. Einkaufen bedeutet bei ihm, der sich viel von Fisch und anderem Meeresgetier ernährt, dass er etwas am Ufer spazieren gegangen war und nach Essbarem gesucht hatte – erfolgreich, wie sich herausstellte: Er zückte zwei Abalones und eine andere Meeres-Schnecke, alles etwa so groß wie meine Hand. Abalones (dt. Seeohren, gehören zu Schnecken, haben aber dicke Schale, ähnlich wie Austern) sind besonders in Japan Delikatessen und die Preise halten gut mit denen von Hummern mit. Und Stefan sammelt sie einfach direkt vor seiner „Haustür“ und läd uns zum Essen ein!

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Wir verbrachten bei Lagerfeuer, Bier, Schokolade und spaßigen Anekdoten aus Stefans „früherem“ Leben einen unvergesslichen Abend und hatten über all dem Gelächter die Abalones ganz vergessen. Eingeladen ist aber nun mal eingeladen, also bestellte er uns zum Frühstück abermals her, um Rührei mit Zwiebeln und den feingeschnitten Abalones zu kredenzen. Zum Frühstück Schnecken  – eine ganze Pfanne voll – mag sich eklig anhören, aber dieses Essen, bei angenehmen Temperaturen und aufgehender Sonne…? Wir genossen die Zeit mit diesem außergewöhnlichen Menschen so sehr, dass wir unsere 2-Tages-Tour in den Walls of Jerusalem gerne um einen Tag verkürzten und erst mittags den magischen Ort verließen.

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Mit schwerem Herzen – vor allem mit dem Wissen, dass Stefan nun wieder alleine an seinem selbstgebauten Steintisch sitzen würde, schlängelten wir uns die endlos kurvigen Bergstraßen Richtung Westen hinauf. Wir trösteten uns mit der Tatsache, dass dieser gespräche Mann sicher bereits schon die nächsten Besucher hatte – oder wenn nicht, dass er vielleicht gerade mit Walen oder Rochen schwimmen würde. Die Fahrt bis in den Nationalpark stellte sich als viel länger als erwartet heraus und erst gegen Abend erreichten wir den Ausgangspunkt der Tour. Christian hat das bemerkenswerte Talent, immer wieder kleine Überraschungen aus der Tasche zu ziehen – die Massen an Schokolade, die er ständig dabei zu haben scheint, mögen an seiner Schweizer Herkunft liegen, aber plötzlich meine Lieblings-Mud-Cookies (die ganz dunklen!), ein ganzes Rindersteak (!!!!), frische Pilze oder nach der langen Freycinet-Wanderung eine reife Orange zu offenbaren, das ist eine Fähigkeit, die mich jedes Mal wieder sprachlos macht.

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Überhaupt scheine ich hier vom Glück verfolgt zu sein (man solls ja nicht verschreien …) – das Wetter hat bisher wirklich nahezu perfekt mitgespielt, mit dem Auto und der Gesundheit lief alles gut und als besonderes Schmankerl nun noch einen so unkomplizierten und angenehmen Reisepartner, der direkt auf der selben Wellenlänge zu schwimmen scheint, ist mehr als ich mir erhofft habe.

Der Track zum Mt. Jerusalem ist offiziell als 2-Tages-Tour deklariert, aber da wir am Dienstag morgen um 10Uhr den Wagen in Hobart abgeben mussten, blieb nur noch der Montag für eine eintätige Tour. Also brachen wir früh morgens mit leichtem Gepäck auf. Christians Wetterfrosch-Uhr und auch die offizielle Vorhersage sagten gutes Wetter voraus, also waren wir auch als wir die ersten Stunden in dichtem Nebel liefen, noch guter Hoffnung. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – aber eben irgendwann doch. Wir durchwanderten eine unbeschreibliche Landschaft, sehr alpin, durchsetzt mit zahlreichen kleinen und großen Seen, Flüssen und Bächen und wenigen Bäumen, dazu noch wirklich unzählige Wallabies – „meine“ Landschaft!

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Die schlechte Sicht machte diese Stimmung aber in keinster Weise kaputt, untermahlte die mystische Szenerie eher noch zusätzlich. Nach vier Stunden erreichten wir den Gipfel, was wir nur daran merkten, dass der Weg endete. Sicht gab es in keinster Weise, dafür aber kalten, starken Wind, der die Wassertropfen auf unsere Regenklamotten peitschte.

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Wir verzogen uns in den Windschatten eines großen Steins und genossen eine gemütliche Brotzeit auf 1600 Höhenmetern. Murphy’s Law scheint aber auch hier zu regieren und der Nebel lichtete sich erst nachdem wir die Hälfte des Abstiegs bereits hinter uns hatten. Plötzlich auftauchende, steile Felsen, große Seen und atemberaubende Landschaftsformen ließen uns erahnen, weshalb diese Tour normalerwiese für 2 Tage gedacht ist: Bei Sonne und guter Sicht braucht man sicher doppelt so lang für die Strecke, weil man aus dem Staunen gar nicht mehr rauskommt!

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Am Campingplatz gab es eine finale Brotback-Session, die Deluxe-Version: Christian machte mit Hefe, Butter, Milch, Mehl und Salz einen echten Schweizer Zopf – nicht ganz echt nach Originalrezept, aber er diente als leckeres Abendessen und zog anerkennende Blicke von zwei jungen Deutsch-Australiern auf sich. Noch eine weitere Woche und wir backen erstklassiges, deutsch-schweizerisches Brot 🙂

Um den Wagen am nächsten Morgen um 10 allerdings in Hobart abgeben zu können wurde es eine kurze Nacht; wir verließen dieses atemberaubende Gebiet morgens um sechs Uhr – beim Sonnenaufgang lagen die weiten Seen, die zahlreichen zutraulichen Wallabies und auch der traurige Anblick des Stausees, aus dem die toten Bäume wie Grabsteine herausragen, schon weit hinter uns. Mit schwerem Herzen lenkten wir das Auto wieder Richtung Hobart – weg von dieser fast schon hörbaren Stille, dieser unbeschreiblich friedlichen Szenerie, dieser unberührten Natur – zurück Richtung Zivilisation.

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1 Comment

  • Reply eossegeltoern Oktober 18, 2010 at 1:13 pm

    Erika, wann gibt´s was Neues im Posterous?Mama + Papa

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