Mädchen-Ausflug zum Hoch Ducan (Stapfetenstraße, Sertig)

Dezember 17, 2016

Dieses Bild. Dickes, kompaktes Eis, mehrere hundert Meter lang. Laut Erstbegeher nicht schwererer als WI3. Ich hatte dem Mann das Foto völlig entzückt gezeigt und erntete einen zögerlichen, etwas entsetzten Blick. Okey, der fällt dafür schon mal raus. Jemand anderes muss her.

Wenn es mal wieder um Inspiration fürs Eisklettern geht, ist die Seite von Marcel Dettling immer ein guter Anlaufpunkt. Die „Stapfetenstraße“ (oder „Stapfenstraße“) hatte er 2012 erstbegangen – Anfang Dezember, wohlgemerkt! Genau das richtige für die jetzige, frühe Jahreszeit. Alle abgeklapperten Kumpels waren unter der Woche verhindert. Gnrrr…. Aber das Wetter ist so gut!

Ladies only

Also Suchradius ausgeweitet und siehe da: Die fitte Charly, mit der ich den Fachübungsleiterkurs gemacht hatte, war nicht nur konditionell gut am Start, flink und klettertechnisch erfahren, sondern noch dazu Studentin – für lohnenswerte Touren also jederzeit zu haben. Offensichtlich auch für ihre erste Tour im Eis.

Die wichtigsten Rahmenbedingungen kurz geklärt (wer kümmert sich um’s Essen?) trafen wir uns mitten in der Nacht an der Schweizer Autobahn. Zur unorthodoxen Uhrzeit 0.30 liefen wir am Ziel ein, nur um den Wecker auf eine noch unorthodoxere Uhrzeit zu stellen: 5 Uhr. Wir sind ja noch jung…

Fehler sind zum Lernen da

Knapp zwei Stunden später standen wir mit der ersten Lehre am Einstieg: Quer durch den Hang zu spuren, bloß weil’s unten so schön hartgefroren war, während wo anders bereits Spuren gewesen wären, ist nur mittelschlau. Wussten wir natürlich vorher, wollten ja eh nur die Kondition trainieren.

 

Charly vor!

Noch kurz ein Crashkurs im Eisklettern vermittelt und ab ging die Post. Die ersten Meter übernahm sie. Als Sportstudentin stellte sie sich natürlich auch prompt super an und ich schlurfte wenig später die ersten, noch flachen 60 Meter hinterher. Auf die Frage, ob sie noch eine Länge vorsteigen wolle, gab’s ein eindeutiges Kopfschütteln 🙂

Los geht’s

Also Eisschrauben her und einfach mal schauen! Obwohl die ganze Verantwortung bei mir lag, war da nur echte Vorfreude. Seltsam! Normalerweise ist bei solchen Unternehmungen schon ein wenig Bammel dabei,  immerhin war es mein erstes wirklich eigenständiges Mal im Eis. Aber ich fühlte mich der Tour gut gewachsen und hatte mich so sehr darauf gefreut. Also einfach mal los.

Genuss pur

Und wie easy es ging! Nach etlichen Metern platzierte ich die erste Eisschraube in einem bereits fertig gebohrten Loch, schaute noch einmal zurück und war doch ein klein wenig stolz. Das ist doch cool! Schon immer hatte Eisklettern eine tiefe Faszination auf mich ausgeübt und doch bekam ich erst vor einem knappen Jahr die erste Chance, es selbst auszuprobieren. Und jetzt waren wir hier, zu zweit, als entspannte Mädelsseilschaft ganz ohne Druck – und vor allem: ganz ohne Angst. Wenn ich mich hier irgendwo unwohl fühlen würde, würden wir einfach umdrehen. Keiner musste etwas beweisen.  Aber bisher lief es super und nach genau 60 Metern wartete eine fertige Eissanduhr. Genussklettern, wirklich.

Naturtalentchen

Während sich unten eine Verfolgerseilschaft fertig machte, kam Charly flink hinterher. Es sah souverän aus, sie vertraute erstaunlicherweise ihren Geräten sofort und nützte fertige Löcher (äh, ja, „Hooks“ mein ich doch…) , als wäre es selbstverständlich. Ein paar tiefe Schnaufer später war sie auch schon am Stand. Wir freuten uns wie Königspingus, zusammen hier zu sein, schnackten, blödelten und genossen die hübsche Aussicht.

Plötzlich steil

Ein kurzer Aufschwung versperrte die Sicht auf den weiteren Verlauf – ganz gut, denn nach abermals ein paar Metern Stapfschnee wartete eine ganz schön steile Wand für WI3. Meiner Wahrnehmung nach genau senkrecht, aber auch nur ein paar Meter lang.

Flucht nach vorn

Noch ein paar Mal durschnaufen, eine ordentliche Schraube drehen und los gings. Wow, steil! Ich war froh um jeden fertigen Hook. Was wohl wäre, wenn… EGAL. Flucht nach vorne! Ein paar Züge weiter wurde es wieder flacher. Und noch eine zweite Überraschung wartete: Viel weiter ging’s gar nicht mehr. Hier einen Stand bauen? Schließlich wusste ich um die unangenehme Situation, so ganz allein in einer so steilen Wand zu hängen. Aber irgendwie war’s auch affig, das Ende des Eisfalls war keine 10 Meter entfernt. Tsss, denkt schon wie die Großen…

Leicht müde

Nach einigen Minuten lugte erst ein müde hauendes Eisgerät über die Kante, ein wenig später ein weißer Helm mit ziemlich erschöpften Gesicht darunter. Leicht fertig krabbelte Charly noch die letzten Meter hoch, schnaufte arg und murmelte was von „wild“ und „steil“ und „geil“.

Alles retour

Ein kurzer Blick zum Gipfel und wir entschieden uns, dass das Abenteuer genug war. Ein paar Mal flinkes Abseilen und schon standen wir am Einstieg, einige Hatschkilometer später wieder zurück am Bus mit Glühwein, teurem Schinken vom Papa, Datteln im Speckmantel, fertig belegten Brötchen und Rohkost (Mädels…! 🙂 ). Bei der nächsten Tourenidee weiß ich jetzt, wen ich als erstes frage!

Diese Ausrüstung war dabei:

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12 Comments

  • Reply Joe Dezember 17, 2016 at 7:36 pm

    Oh das liest sich super. Macht mega Lust. Und das Vesper, mhhh 🙂 Super Mädels! Genussvoller Tag, so muss das 🙂 Ich kann’s ja bald endlich auch mal angehen. Zumal als Training für die kommende HT Saison im Dauphiné.

    • Reply ulligunde Dezember 18, 2016 at 9:42 am

      Oooooh, Dauphiné!! Auch noch so ein Ding von der Wunschliste… 🙂

  • Reply Bernd | KritzelKraxel Dezember 17, 2016 at 11:32 pm

    Ich weiß ja nicht, ohne „Erfahrung“ direkt in einen Vorstieg ins Eisklettern hinein… Das hätte ich wohl eher nicht gemacht, allerdings musstet Ihr das unter Euch ausmachen. Insofern…

    Was soll ich sonst schreiben? Flüssig und lustig geschrieben, keine Fotos geschaut. 😉

    Viele Grüße,
    Bernd

    • Reply ulligunde Dezember 18, 2016 at 9:41 am

      Hi Bernd, keine Sorge, die erste Seillänge ist bis auf zwei Meter eigentlich nur Stapfen und wird wohl von den meisten eher seilfrei gemacht… Und mit einigen 4000dern und dem FÜL im Gepäck war das noch gut innerhalb der Komfortzone ?

      LG!

      Erika

  • Reply Wiesel Dezember 19, 2016 at 10:34 am

    Hi Erika,
    die Tour kam mir gleich bekannt vor.
    Bene Ries hat die 2012 wiederholt und dabei die gegenüberliegende Route entdeckt.
    Siehe: http://beneries.de/hochducanstapfetenstrasse/
    Und hier: http://beneries.de/hoch-ducan-nordgully/
    Ist übrigens sehr schön wieder von dir zu lesen!
    Danke für deine tollen Artikel! 🙂
    Gruß, Wiesel

    • Reply ulligunde Dezember 23, 2016 at 11:05 am

      Hi Wiesel,

      ich freue mich ja immer wieder an Deinen Namen 🙂 Vielen Dank für die Links! Ich glaub die Tour setze ich mal auf die Reminder-Liste 🙂

      LG!

      Erika

  • Reply Felix Dezember 22, 2016 at 6:00 pm

    http://beneries.de/hoch-ducan-nordgully/
    Das ist die Linie an der ihr vorbei gelaufen seid. Die Schwierigkeit der ersten Seillänge ist sicherlich deutlich von Eisaufbau abhängig.

    • Reply ulligunde Dezember 23, 2016 at 11:25 am

      Hi Felix,

      vielen Dank für den Hinweis! Hast du die schon geklettert?

      LG!

      Erika

      • Reply Felix Januar 2, 2017 at 8:38 am

        Hej Erika,
        ja.
        Ich hatte das Glück beii der Erstbegehung die Bohrmaschine tragen zu dürfen.

        • Reply ulligunde Januar 2, 2017 at 9:03 am

          Haha, verstehe! In dem Fall: Vielen Dank fürs Tragen und Einrichten! Hatte ich da nicht was gelesen, dass ihr die Laschen vergessen hattet oder sowas?
          LG!

  • Reply Reiner Dezember 24, 2016 at 12:01 pm

    🙂
    die Mädls haben immer ein Lächeln auf den Lippen
    super 🙂

    • Reply ulligunde Dezember 28, 2016 at 8:06 pm

      Ja aber hallo! Sonst macht’s ja gar keinen Sinn! 🙂

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