Eisenzeit an der Zugspitze

September 8, 2016

Zwei Schritte vor, einen zurück. Loses Geröll, nichts zum Greifen. Nicht mein Terrain. Ganz eindeutig nicht mein Terrain. Während ich versuche, dieser Rutschpartie möglichst effizient zu entkommen, überlege ich mir, ob man hier wohl ernsthaft den Halt verlieren könnte. Immerhin hilft ein Seil hier auch nur mittelmäßig weiter. Genaugenommen: Gar nicht. Also Frau Ulligunde, machen se ma hier einfach kein’n Scheiß, denke ich mir und krabble erleichtert aus der Rinne auf feste(re)n Fels.

Viele alte Zeitzeugen in der "Eisenzeit" in der Zugspitz Nordwand.Der Tag begann früh und mit einer kurzen Nacht. Nachdem wir gestern noch die Nordkante des Grundschartners im Zillertal gemacht hatten, blieben nur wenige Stunden Schlaf, bevor es nach Grainau ging. Pünktlich um 6.45 kam ein Pärchen auf ihrem Motorrad angeritten – mit Schaffell auf dem Sitz, breitem Grinsen und zwei leuchtend blauen Augenpaaren, die mich durchs Helmvisier anstrahlten. Fuchsschwanz dazu und das Bild wäre perfekt. Christian und Conny, Bergführer und Fotografin, waren meine Begleiter für heute.

 

Zeitreise zu Fuß

Während wir die ersten Höhenmeter machen, leuchtet der Gipfel der Zugspitze im Morgenlicht.Als wir an der Station Riffelriß ausstiegen, glühte der Gipfel der Zugspitze im Morgenrot, die Nordwand baute sich abweisend über uns auf. Der frühe Transport mit einer der Betriebsfahrten der Zahnradbahn ist der Vorteil eines Bergführers. Jeder andere Aspirant hat hier bereits einige hundert Höhenmeter Zustieg in den Beinen. Nur wenige Minuten nach der Bahnstation sahen wir die ersten Zeugen aus einer längst vergangenen Zeit: Planierte Flächen, Lawinenverbauungen, altes Material…

Knapp 90 Jahre sind die Arbeiten jetzt her. Der Bauzeitplan für die Zahnradbahn war eng – in zwei Jahren sollte die Verbindung von Garmisch auf die Zugspitze fertiggestellt sein. Die Schienen bis nach Grainau waren schnell gebaut, problematischer war da der kilometerlange Tunnel vom Riffelriß bis hoch zum Zugspitzplatt. Um möglichst schnell voranzukommen, wurde nicht nur von oben und unten gebohrt, sondern auch von der Mitte. Sommers wie Winters.

 

Los geht’s

Anfangs ist der Weg noch gutmütig und leicht.Wir wanderten weglos durch gerölldurchsetztes Gras zu einem kleinen Schuppen. Noch war das Gelände nicht anspruchsvoll, schuttbedeckte Bänder führten gutmütig nach oben. Wir zogen sicherheitshalber bereits hier Helm und Gurt an. Christian deutete mitten in die Wand. »Siehst Du das Metallgerüst da oben? Das ist unser erstes Ziel.«. Große Wand. Groooße Wand. Metallgerüst? Ich musste lange suchen, bis ich es sah. Das Gelände bis dorthin sah nach waschechter Kletterei aus. »Wir gehen von hinten hoch, dort ist es ganz leicht« las Christian meine Gedanken. Schwer vorzustellen, wie es durch so eine Wand irgendwo »leicht« gehen sollte. Egal. Der wird’s schon wissen, er war ja schon mal hier.

Überreste des alten Steigs zu den Tunnelfenstern.Einheimische Bergführer hatten damals für die Bauarbeiten eine Art Klettersteig mit Drahtseilen und Leitern installiert, zusätzlich gab es mehrere Felslöcher, in denen geschlafen werden konnte. Insgesamt starben drei Menschen während der Arbeiten, was angesichts dieses kühnen Steigs fast schon erstaunt. Denn im Sommer mag er auch heute noch gut gangbar sein, aber im Winter? Allein das Verlegen dieser massiven Stahlseile muss damals ein Knochenjob gewesen sein. Beeindruckend, was Menschen früher leisteten.

Klettersteig, Modell „Antik“

Nicht mehr ganz vertrauenswürdig! Eisenzeit, Zugspitze.Auf einem markanten Grasband kamen bald die ersten Überreste des damaligen Weges in den Blick: Alte, raue Stahlseile, die wenig vertrauenswürdig wirkten. Das Metall wurde damals teils mit Holz in den Bohrlöchern fixiert, das inzwischen völlig morsch war. Die meisten der Grampen baumelten lose vom Seil. Schrauben am Boden, ein poröser Druckluftschlauch, ein riesiger Schraubenschlüssel, ein abgebrochener Bohrer… Wie muss es gewesen sein, hier hoch oben am Berg zu arbeiten?

Das Gelände wurde steiler, immer häufiger kamen die Hände zur Hilfe. Die Wegführung war hier noch einigermaßen einfach, meist wiesen Stahlseile den Weg. Das Metallgerüst thronte immer noch über uns, kam aber immer näher. Und tatsächlich, die Kletterei war bis hier her noch nicht allzu schwierig. Auch nicht wirklich ausgesetzt. Sehr gut.

Let’s climb!

Das Gerüst mit Baustrahlern mitten in der Zugspitz-Nordwand.Kurz nach dem Gerüst ging es das erste Mal zur Sache. Eine wirklich wacklige Leiter sicherten wir, ebenso wie eine kurze, ziemlich bröselige Kletterstelle weiter oben. Nicht lang, aber dafür kurz steil. Oben wartete ein Bohrhaken zum Nachsichern. Und schon fanden wir uns in den Tunnellöchern, von wo aus die Röhre für die Zahnradbahn gebohrt wurde. Massive Löcher samt Materialseilbahn und sensationeller Aussicht. Eine unscheinbare Türe führt hinein in den Berg. Bisher immer unverschlossen, wird sie wohl bei zunehmender Beliebtheit dieses Steigs aus Sicherheitsgründen bald abgesperrt sein.

 

Stilbruch

Im Tunnelfenster in der Nordwand der Zugspitze. ©bergführer.comFür uns markierten diese Tunnelfenster das Ende des ersten, entspannteren Teils. Der »versicherte« Steig führte nur bis hier her, ab jetzt waren wir auf uns allein gestellt. Der Fels wurde insgesamt etwas fester, die Navigation ohne jegliche Orientierungshilfe dafür umso schwieriger. Immer wieder verführen Bänder zu Verhauern, nur ganz vereinzelte Bohrhaken verraten, dass man richtig ist.
Finden muss man sie allerdings erstmal.

Christian, der diesen Steig im Frühjahr einmal gegangen war, führte zielsicher von Haken zu Haken, sicherte uns ausgesetzte Passagen hinterher und sorgte für ein angenehmes Tempo. Seil raus, Seil rein – weite Teile der Kletterei waren besser seilfrei zu gehen, allein schon, weil das Finden eines zuverlässigen Fixpunktes in diesem Gelände eher schwierig war. Für mich Seil-Fan nur mittelmäßig geeignetes Gelände, denn wer hier dem falschen Griff vertraut, der segelt vor den Augen der nahen Seilbahn-Insassen die Wand hinunter.

Christian von bergführer.com mit gutem Gespür für den richtigen Weg.Abstürze sind allerdings bis jetzt noch das kleinere Problem, es sind eher hoffnungslose Verhauer, die in diesem Gelände ganz schnell passieren. Die Bergrettung hat zumindest gerade Hochkonjunktur in dieser Route. Auch, weil der Steig als „Klettersteig“ missverstanden wird oder die geringe Kletterschwierigkeit über die komplizierte Wegfindung hinwegtäuscht.

 

Echter Alpinismus

Schmodderquerung in der Eisenzeit, Zugspitze. Immerhin mit hübscher Aussicht. ©bergführer.comWährend eine Gondel nach der anderen an uns vorbeisurrte, gewannen wir nur wenig an Höhe. Und das, obwohl die Gipfelstation während der ganzen Tour zum Greifen nah scheint. Die Kletterei war abwechslungsreich – ein angenehm anspruchsvoller – sogar richtig gut abgesicherter – Kamin, bröselige Bänder, leichte Wandkletterei, bodenloses Geröll – alles war dabei. Immer wieder wechselten wir ganz unvermittelt die Richtung, kein Bohrhaken bestätigte die Richtigkeit der Entscheidung. Ich war aber ohnehin damit beschäftigt, mich auf die Kletterei zu konzentrieren. Wie gesagt, seilfrei und so 🙂

Riffelgrat!

Am Riffelgrat noch ein Blick zurück zur Eisenzeit.Und dann plötzlich wurde es merklich heller. Leichte, endlich richtig feste Kletterei ließ noch einem Freude aufkommen, bevor unvermittelt die Sonne in unser Gesicht schien. Wow, das also war die Nordwand! Ein letzter Blick hinab auf jene Aussicht, die uns die vergangenen Stunden begleitet hatte: Das Panorama von Lechtal bis zur Hochplatte, der leuchtende Eibsee mit seinen vielen Inseln, im Augenwinkel immer die Stahlseile der Zugspitzgondel…. Und jetzt plötzlich: Der Blick auf den Jubiläumsgrat, hinunter ins Höllental und da oben! Da oben tatsächlich das Gipfelkreuz. Es wirkte nah, gefühlt hundert, zweihundert Höhenmeter. Da sind wir ja gleich!

 

Denkste

Baustelle, Gipfelkreuz und Bandwurm. (Menschenmenge am Höllentalsteig, Zugspitze)Weit gefehlt, denn im gleichen Moment glitt mein Blick auf den Weg dorthin. Genauer hinsehen. Augen schließen. Nochmal genauer hinsehen. WTF?! Ein wahrer Bandwurm schlängelte sich den Weg hinauf. Schwarze, kleine Punkte, ordentlich aufgereiht auf eine straff gespannte Stahl-Schnur. Der Höllental-Klettersteig war bevölkert von hunderten Aspiranten, die alle im nahezu gleichen Tempo hinauf robbten. Oida leck. »Also das ist um die Uhrzeit ganz normal.« erklärte Christian ganz ungerührt und kümmerte sich um unsere Abseilstelle.

Baustelle! Eltern haften für ihre Kinder

50 Meter unterhalb des Riffelgrates gelangten wir auf den Klettersteig, der ein wahres Kontrastprogramm zu vorher darstellte: Nagelneue, straff gespannte Stahlseile, ordentlich verankert, absolut vertrauenswürdig. Wir huschten möglichst ohne zu stören um die Klettersteigler und standen wenig später unterhalb des Gipfelkreuzes.

Gas hatten wir bis hier her gegeben, ich war mit Atmen und effizientem Ausweichen beschäftigt, als mich ein neuerlicher Blick aus den Gedanken riss: Unten das Bisschen Rest-Gletscher, einige Gebäude und dann: die riesige Baustelle an der Gipfelstation. Kräne, Bauarbeiter, Gerüste, Bauzäune – dazwischen hunderte wuselnde Menschen, manche mit Gurt und Helm, manche mit Flipflops und Sommerkleid, fast alle mit Smartphone in der Hand. Wow. Warum hier hoch klettern, wenn ich das doch in jeder Stadt auch haben kann? Achso, ja, die Aussicht. Die war gut, stimmt. Wenn sich nicht gerade ein Mensch mit Selfiestick davordrängte.

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Leben und leben lassen

Trotz des Andrangs schienen die Menschen hier glücklich. Sie waren begeistert ob der Aussicht, stolz auf ihre Leistung oder vielleicht auch einfach happy, weil sie dieses Foto von hier oben schon lange posten wollten. Der Grund ist unerheblich, was zählt ist, dass diese Besucherplattform den Leuten scheinbar Freude bringt, das ist an sich gut. Und niemand steigt auf die Zugspitze, um die Ruhe eines „echten“ Gipfels zu erleben.

 

Fazit

Gipfelfoto an der Zugspitze. ©bergführer.comFür mich selbst mindert das dennoch das Gesamterlebnis. Der Grundschartner gestern zum Beispiel war durchaus auch wegen der Stunde am Gipfel ein besonderes Erlebnis. In Ruhe und Stille die Kletterei Revue passieren lassen, die Aussicht genießen. Die intime Zweisamkeit einer Seilschaft, das Genießen unserer herrlichen Natur. Dieser Faktor leidet bei der Eisenzeit.

Und dennoch ist es eine spannende Tour – zumindest für wahre Alpinisten, die sich gerne im dritten, vierten Grad auf die Suche nach dem richtigen Weg machen. Die Aussicht ist stets fantastisch, der Stolz beim Ausstieg am Grat groß. Die Tour ist nie wirklich ausgesetzt, kann aber schnell ernst werden, wenn man nur einmal falsch abbiegt. Wer sich dieses Gespür aber zutraut und Erfahrung darin hat, der wird in dieser großen Wand einen spannenden Tag erleben!

 

Behind the scenes

Übrigens war das ein besonderer Tag für mich. Es war das erste Mal, dass ich fürs Berggehen bezahlt wurde. Die Zugspitz Region hatte eine Reportage beauftragt und zahlte nicht nur ein Honorar, sondern stellte mir auch noch einen Bergführer. Einen Bergführer!? In dieser Tour im Nachhinein gar nicht schlecht, denn obwohl die Kletterei nicht schwer war, ist es die Wegfindung allemal. Hier geht’s zu Christians Website. Vielen Dank an die Zugspitz Region für diesen großartigen Auftrag!

 

Die Ausrüstung, die ich bei dieser Tour dabei hatte:

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8 Comments

  • Reply Joachim September 8, 2016 at 9:09 pm

    Spannende Tour, durch den Geschichtsbezug! Hab bei den Bildern zuerst gedacht Ihr wärt irgendwo im geschichtsträchtigen Teil der Dolomiten unterwegs gewesen. Die aktuellen Bauarbeiten sind übrigens auch eine Herausforderung. Die Bilder der Wabcams können beeindrucken: https://www.foto-webcam.eu/webcam/bzb-gipfel/#/2016/02/06/1340

    • Reply ulligunde September 19, 2016 at 6:06 am

      Es gibt auch ein Bautagebuch. Das ist abgefahren und ne ziemlich coole Idee! Verrückte Logistik, wobei die ja für Dich fast schon normal ist 😉

      LG!

      Erika

  • Reply Mileena September 9, 2016 at 12:36 pm

    Klingt nach einer absoluten Tour für uns! Hey, wer bezahlt uns, dass wir da hochgehen? Freiwillige vor! 😛

    Hach den Jubi-Grat sollten wir uns auch mal anschauen, bisher haben uns auch immer die Menschenmassen abgehalten.
    Irgendwie mutet die Tour ähnlich wie die Watzmann Ostwand an: schwere Wegfindung, leichtes Gelände, viele Bergrettungseinsätze und Menschenmassen am Gipfel. Nur dass der Watzi gottseidank keine Seilbahn hat. *aufholzklopf*

    Lg
    Dani

    • Reply ulligunde September 19, 2016 at 6:08 am

      Haha, NOCH nicht? 😉 Laut dem Naturpark-Typ von unserem FÜL-Ausbilbungskurs hat der Watzmann nur nen aggressiven Einwanderer in Form eines österreichischen Steinbocks, der schon hin und wieder mal Wanderer anpöbelt 😀 Lieber das als die Gipfelstation 😉
      LG!

      Erika

  • Reply Schwarzfuchs September 18, 2016 at 8:22 am

    Hi Ulligunde,

    Glückwunsch, ein sehr spannender Artikel mit tollen Bildern. Würde ich klettern, wäre es für kommendes Jahr mein Ziel. Wenn ich mich recht erinnere, warst Du vorher noch nie dort?

    Liebe Grüße,
    Der Schwarzfuchs

    • Reply ulligunde September 19, 2016 at 6:12 am

      Hi Du!

      Richtig erinnert, ich war noch nie dort. Hat mich auch – genau wegen des Andrangs und des Klettersteigs – nie sonderlich gereizt. Liegt aber eher daran, dass ich die Wunschgipfel eher nach der Route oder Ästhetik als nach dem Bergnamens aussuche. Aber andererseits sollte man Zugspitze und Watzmann nach Meinung vieler halt einfach mal gesehen haben… Check. Jetzt brauch ich nur noch jemand, der mich für den Watzmann bezahlt 😀

      LG!

      Erika

  • Reply Felix Dezember 7, 2017 at 12:13 pm

    Sehr schöne Bilder hast du da gemacht 🙂 Das erinnert mich an mein Abenteuer dort. Wer die Zugspitze in Einsamkeit erleben möchte der sollte sich eine Winterbegehung mal durch den Kopf gehen lassen.
    Grade auch die Geröll Passagen in der Eisenzeit sind bei guten Bedingungen schön mit Firn überzogen.
    Wer es sich zutraut ein tolles Winter Erlebnis 🙂 Allerdings sollte man sich überlegen ein Biwak in den Höhlen zu machen zwecks der Winterzeit.

    LG

    • Reply ulligunde Dezember 7, 2017 at 5:40 pm

      Für Könner bestimmt cool und einigermaßen einsam – wobei die ja letztes Jahr ziemlich oft gemacht wurde… Ich stelle mir da die Wegfindung im mittleren Teil oberhalb der Stollenlöcher ganz schön schwer vor!
      LG,
      Erika

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