Hinter’m Limit: Wildenverschneidung, Kleiner Wilder

Oktober 4, 2013

„Wenn so *Extremklassiker* aussehen, brauch ich sowas nicht nochmal“, geht es mir durch den Kopf, während wir über geröllbedeckte Platten klettern – mit sauber im Rucksack verstauten Seilen. Den ersten Stand finden wir nicht, nehmen wir also den zweiten. Warum genau wollten wir nochmal diese Route machen?!

Allgäu. Der letzte schöne Tag bevor es wieder anfängt zu regnen. Ein Tag vor meinem Geburtstag. Da muss noch was gehn.

„Ein Extremklassiker, der denen in den Dolomiten in nichts nachsteht“, stand im Führer. Bei „Klassiker“ muss ich persönlich ja an weite Hakenabstände, völlig untertriebene Schwierigkeitsbewertungen und antiquarische Absicherung denken, bei „Extremklassiker“ dann also… Naja, lassen wir das. So sind wir wenigstens wieder Quitt. Ich wollte unbedingt auf den Schneck, er unbedingt die Wildenverschneidung, Also Wildenverschneidung (VIII). Chacka.

Ausschlafen!

Erste Etappe per BikeAber erst einmal: Ausschlafen, wir hatten schließlich Feiertag. Also lümmelten wir bis halb acht im Bett, frühstückten gemütlich und waren gegen neun in Oberstdorf mit den Bikes startbereit. Die Straße fuhren wir nun innerhalb weniger Wochen zum vierten Mal, langsam nervte sie. Aber dass wir den Kurvenverlauf schier auswendig kannten, würde uns heute Abend noch zu Gute kommen.

Alles dauerte gefühlt eine Ewigkeit, die Teerstraße zur Käseralpe zog sich grausam und ich sah schon Sternchen, der Aufstieg zum Geröllfeld war nicht besser. Ich war an dem Tag nicht fit, so viel stand fest. Aber nochmal wollte ich diese bescheuerte Straße auch nicht fahren, also Zähne zusammenbeißen. Der Weg durch das Geröllfeld war nicht so schlimm wie angenommen, die seilfreie Kletterei bis zum ersten Stand schon eher.

 

Klassiker eben

Klassiker bedeutet, wie gesagt, meiner Erfahrung nach wenig Absicherung – oder in diesem Fall: erstmal gar keine. Seilfrei ging es über eine noch gut kletterbare 3er-Stelle, anschließend wurde es zwar flacher, aber dafür griffloser und geröllbedeckt. Ein Rutscher wäre wohl nicht tödlich, schmerzhaft aber schon. Irgendwann auf Höhe des angeblich ersten Standes zogen wir dann eben doch die Seile raus und kletterten mit einem Friend und irgendwann einem rostigen Stichborhaken zwischen uns zum ersten Stand, den wir finden konnten. (Bzw. den zweiten der Tour. Den ersten haben wir beide nicht gesehen, aber haben dann auch nicht mehr groß darauf geachtet.)

Los geht’s

Die folgende Seillänge sollte irgendwas im unteren sechsten Grad sein, kam uns aber schwerer vor. Die Absicherung war erwartungsgemäß recht moralisch, die Vielfalt an verwendeten Haken museumstauglich. Anschließend folgte eine Seillänge, die im Topo von Panico mit VIII bewertet war, bei Walter Hölzler nur mit VII. Super, also einfach mal drauflos klettern. Letztendlich lag Panico falsch und wir genossen eine wunderschöne 7er-Länge. Nach der folgenden Schlüsselseillänge erwartete uns ein herrlich gemütlicher Stand auf einem kleinen Vorsprung – freier Blick auf Höfats, Trettach und Raueck. Schönes Allgäu…

Auf den Zähnen nach oben

Die letzten drei Seillängen waren relativ leicht bewertet und machten richtig Spaß, auch wenn die Power langsam schwand und die Füße schmerzten wie Sau. Der Vorstieg der letzten Seillänge hatte ich als leicht erwartet, schließlich dachte ich bei III irgendwie an gemütlich flaches, übersichtliches Rausgekletter. Aber selbst die Dreier waren hier steil. Noch ein paar Mal zupacken, Zähne zusammenbeißen und nicht an die Füße denken. Langsam mussten wir uns ohnehin sputen, irgendwie hing die Sonne doch schon tiefer als erwartet. Um 17.40 Uhr gab’s das Gipfel-High-Five und einen halben Müsliriegel später das „Wo ist die Abseilpiste?“. Keine Zeit verlieren, wer weiß, was uns beim Abseilen noch alles erwartet.

Runter, runter, ruuuunteeeer

Die Abseilpiste war gut und wir flott wieder unten. „Unten“ traf es leider nicht, denn es war halt einfach das Seil mitten im Geröll-Fels-Gemisch zu Ende. Wie auf Eiern krabbelte ich zurück in Richtung Rucksack, bloß die Füße nicht belasten. Warum genau hab ich nochmal die Zustiegsschuhe nicht mitgenommen? Beim Seilabziehen traf mich ganz klassisch auch noch ein Stein, so reihte sich ein schmerzendes Ohr zu den Schürfwunden an Ellbogen, Knie und Finger. Warum geh ich eigentlich nicht wie alle anderen Mädels zum Shoppen, Feiern und Kaffee trinken?!

Ich. Kann. Nicht. Mehr.

Nach gefühlt 20 Stunden erreichten wir die Rucksäcke, gönnten uns aber keine Pause, denn es dämmerte bereits. Irgendwie hatte sich die Sonne gegen uns verschworen und ging heute eine Stunde früher unter als sonst. Das Geröllfeld war einigermaßen gutmütig und ließ uns immer wieder große Strecken nach unten surfen. Als wir mit dem letzten Tageslicht den Wanderweg erreichten, fiel die Anspannung von uns ab – heil und bei Licht am Weg ankommen, das war das Ziel des Tages.

Von der Sonne in den Regen

Mit Stirnlampen humpelten wir zurück zu den Bikes, gönnten uns an der Käseralpe unter sternklarem Himmel noch eine Johannisbeerenschorle (vor der Käseralpe steht immer ein Kasten mit Getränken und einem Einmachglas mit Wechselgeld. Was für ein Service!!) und rollten zurück in Richtung Tal. Wohlgemerkt – an der Käseralpe war es sternklar, kaum eine Wolke am Himmel. Nach wenigen Kilometern per Bike wunderten wir uns zunächst noch über die nasse Straße und über die seltsam kurze Sichtweite. Und wenige Sekunden später über die ersten Tropfen. „Solang es nur tröpfelt!“ rief mein Partner mir noch durch den Fahrtwind zu. Hat wohl noch jemand anderes gehört, denn eine Minute später schiffte es. Unsere Stirnlampen reichten nur noch wenige Meter, wir heizten aber trotzdem die Straße in Richtung Oberstdorf – wir kannten den Straßenverlauf inzwischen ja ;-).

Persönliches Fazit

Anstrengend war’s. Obwohl der Zustieg geringfügig kürzer ist, die Schlüsselstelle weniger lang, die Seillängen weniger steil und der Fels weniger rau (weniger Schürfwunden 😉 ), reichte es dennoch für eine größere Komplettzerstörung als am Grauen Element am Schneck. Nicht nur die vielen Schürfwunden, sondern auch der Fehler, keine extra Schuhe für’s Abseilen mitgenommen zu haben, hatten mir zugesetzt. Klettertechnisch eine schöne Tour, die ein Sammelsurium an sämtlichen Sicherungsmitteln vereint – vom modernen Borhaken bis hin zu einer Reihe alter, verwitterter Holzkeile.

Facts

  • Wildenverschneidung (VIII), Kleiner Wilder, Allgäu
  • Rund drei Begehungen jährlich, Erstbegehung 1955
  • Schlüsselstelle ca. 4 Meter, Absicherung in den schweren Seillängen gut, in den leichteren recht moralisch.
  • Weg zum ersten Stand (haben wir nicht gefunden) waschechte Kletterei, teilweise III und plattige, geröllbedeckte Platten. Eher schlecht selbst abzusichern. Mit keinem Wort im Führer erwähnt. Abstieg nach Abseilen den gleichen Weg zurück.
  • Schöner Bericht bei Walter Hölzler

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2 Comments

  • Reply Kommunist September 17, 2018 at 2:25 pm

    Klasse Bericht! Toll geschrieben! Lese ich immer wieder gerne. Wobei ich die Einschätzung „ein Rutscher (auf dem geröllbedeckten Vorbau) wäre wohl nicht tödlich, schmerzhaft aber schon“, etwas kritischer sehe, als du. Wer hier die Kontrolle verliert und Schwung aufnimmt, wird wohl nur mit großem Glück vor einem weiteren Absturz wieder zum Stehen kommen. Die Gefahr eines vorzeitigen Ablebens in diesem Falle dürfte hier durchaus gegeben sein.
    Das Absurdeste an der ganzen Geschichte finde ich durchaus noch ergänzenswert: Was müssen das im Jahre 1955 für absurd krasse Typen gewesen sein, die sich mit ein paar Zeltheringen und antiker Kletterausrüstung bewaffnet dort hinaufgenagelt haben? Das ist schon irgendwie außerirdisch.

    • Reply ulligunde Oktober 17, 2018 at 3:34 pm

      Hi,
      die Frage, was das für wilde Hunde früher waren, stelle ich mir auch immer wieder. Wahnsinn!
      Dass ich damals „nicht tödlich“ geschrieben habe, kann sehr gut auch daran gelegen haben, dass ich mir es da oben in der Situation schön reden wollte 😉 Danke jedenfalls für Deine Richtigstellung!
      LG 🙂
      Erika

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