Der Weg durch den Wacholder (Sei Prophet, Taufenkopf/Zillertal)

April 12, 2016

Mmmhhh, der Duft von Wacholder! Ein paar Grashalme im Gesicht, eine störrische Latsche, die sich in den Friends verfängt, dicke Wurzeln in den Händen. Dazwischen ein Stück Fels, das ich beim ersten vorsichtigen Griff gleich wieder ebenso vorsichtig zurückschiebe. Nicht fest, war ja klar. Also doch die Wurzel. 

Zumindest eine wirklich abwechslungsreiche Seillänge gibts!„Großartige Kletterei, fester Granit, perfekt absicherbar“, da denke ich persönlich an unsere herrliche Tour am Zervreilahorn oder am Furkapass. Fester Granit, kaum Botanik, perfekte Möglichkeiten für bombenfeste Friends, fast jede Seillänge ein Schmaus.

Der geneigte Zillertaler scheint deutlich toleranter zu sein, was das Verhältnis „richtig gute Seillängen vs. Botanik“ angeht, denn ganz offensichtlich wird in dem Bergvolk das Verhältnis 2:7 noch als absolut lohnenswert empfunden. Ich dachte das können nur die Allgäuer mit ihren Grasbergen!

Los geht’s

Der Einstieg der "Sei Prophet" im Zillertal sieht irgendwie besser aus als er ist...Auf geht’s. Sechser-Gelände, das ist eigentlich Genuss pur, speziell bei einer Verschneidung! Denkste! Die erste Seillänge will gleich mal richtig gepackt werden und raubte mir prompt das Selbstvertrauen. Alter Schwede, wie sind denn die Zillertaler drauf!

Ich versenkte drei Friends zwischen geschichteten Steinen, die wohl eher nicht gehalten hätten. Finale in übler Botanik, wo es nicht mal festes Allgäu-Gras zum Festkrallen gibt, ein schmodderiges Fixseil hilft ein wenig. Sehr sehr vorsichtiges Geschiebe bis zum gebohrten Stand.

Ich gebe spontan nach der ersten Seillänge auf, obwohl ich die ersten beiden Längen eigentlich zusammenhängen wollte. 40 Meter, im Granit ja eigentlich kein Problem – mag man meinen. Wenn das da aber gerade Sechser-Gelände war, will ich nicht im Vorstieg ausprobieren, wie schwer dann 7- ist. Das darf der Meister machen.

Wacholder-Gekrabbel erster Güte

Der Meister auf dem Weg zum ersten Stand.Er tänzelt vorsichtig und irgendwie ungewohnt holprig durch die kurze Verschneidung, lässt vorsichtshalber die hohl klingenden Schuppen aus, verschwindet und hängt gleich den folgenden Quergang noch dran. Sehr gut.

Ich hinterher, die „Crux“ der Länge löst sich mit etwas Kraft angenehm auf und gibt ein wenig vom Selbstvertrauen zurück. Hätte ich wohl auch geschafft, Mist. Das Finale findet in noch ausgewachsenerer Botanik statt, die Querung ist ein Wacholder-Gekrabbel erster Güte. Die paar Steine, die rausstehen, machen irgendwie einen mittelmäßig festen Eindruck. Quergänge ohne Sicherung in Schmodder. Hoffentlich wird die Tour bald gut…

„Jubel-Verschneidung“

Die "Jubel-Verschneidung" in der "Sei Prophet"Die vierte SL würde in einem Dolomitenführer wahrscheinlich als „Jubel-Verschneidung“ bezeichnet werden“ steht im Topo und ja, sie ist ganz nett. Das allergelbeste vom Ei war es jetzt aber irgendwie auch nicht. Das Finale ist diesmal zur Abwechslung nicht nur botanisch, sondern feucht. Es soll ja spannend bleiben!

Weiter geht es mittels weiter Züge an Schuppen direkt in – ah! Ihr wisst es doch! – jaaaa, Botanik!! Ich finde mich irgendwie mitten im Busch wieder und schiebe nach kurzem Anfassen vorsichtig eine große Schuppe wieder zurück an ihren Platz.


Welche Ausrüstung ich bei solchen Touren derzeit dabei habe:
(Die ganze Übersicht gibt’s hier)



Durch den Kamin

Tja, wer kann der kann. Auch mit Rucksack zwischen den Beinen...Um auch mal was Positives zu sagen: Der Vorteil von dieser Art der Kletterei ist ganz klar, dass die Standplätze ausgesprochen gemütlich sind. Ich nutze das nur wenig, will lieber schnell weiter und krabbel direkt in die folgende 5-er-Seillänge. Der geneigte Alpinkletterer wird wissen: Fünfer bedeutet in den allermeisten Fällen: Botanik. Da macht die Tour hier selbstverständlich keine Ausnahme und so gibt es eine seltsame Mischung aus moosbewachsenem Fels, Wacholderbüschen und Latschen.

Inzwischen sind wir bei Länge sechs, bleiben nur noch drei, um die „großartige Kletterei“ zu offenbaren! Es geht vielversprechend los, denn der folgende Kamin mit kleinem Dach sieht spannend aus. Der Meister, der alte Valley-Fan, stemmt sich gekonnt in ein paar Zügen zum nächsten Stand und ich versuche mich ebenfalls zum ersten Mal in meinem Leben am Kaminklettern. Größte Crux dabei: Überhaupt mal reinkommen! Übrigens die erste Länge ganz ohne Wacholder. Da vermisst man ja schon fast was.

In den Wald

Der letzte Stand oder sowas...Statt Botanik gibt es in der nächsten Länge erstmal richtig viel Schmodder, was aber eher an einer falschen Wegwahl liegen dürfte. Also wieder raus aus dem Loch und außen hoch. Ausgesprochen wackliger Zug und direkt in den Wald. An Fichten und großen, eher losen Blöcken nach oben schieben.

Als die Seilreibung zu heftig wird, suche ich mir einen sonnigen Baum mit Aussicht und merke erst später, das ich da wohl gerade zwei Längen zusammengehängt habe. Jedenfalls geht’s nach oben nicht mehr weiter. Auch gut.

Beste Chancen auf Seilverhänger

Schöne Aussicht auf Ginzling im Zillertal. Blue sky!Wir vernaschen einen verdienten Chimpanzee-Riegel (Schoko-Espresso, was für eine geniale Mischung!) und wackeln in heftigem Wind zur ausgesetzten Abseilstelle. Im Topo stand irgendwas, dass man beim „zweiten Abseiler“ unbedingt den linken Stand nehmen solle, weil sich das Seil beim anderen immer im Riss verhängt. Bei dem starken Wind gibt es in dem Gelände hier ohnehin viele Möglichkeiten für Seilverhänger. Yirks, seit dem Furkapass hasse ich ehrlich gesagt Abseilpisten durch Granit.

KOMM SCHON!

Jap, so wünscht man sich das Abseilen. Nicht.

Wir interpretieren „zweiten Abseiler“ falsch (ist damit der zweite Stand oder das zweite mal Abseilen gemeint? Ersteres, jetzt wissen wir es auch) und wählen quasi die falsche Seite. Er am unteren Stand ums Eck, ich sicherheitshalber am oberen, Kommunikation wegen des Windes mittelprächtig möglich. Alleine das Seil abziehen, natürlich verhängt es sich am Baum. Komm schon. KOMM SCHON.

Kurz mal hoher Puls, ich hab hier wirklich, wirklich keine Lust, wieder so eine bescheuerte Seil-Berge-Aktion durchzuführen. Aber der Knoten löst sich mit ein bisschen Hin und Her doch noch. Tiefes Durchatmen. Wuuuusa, alles gut. Puh…

Und ab durch die Hecke

Umbauen, Seil sichern, am Meister vorbei abseilen zum wiederum nächsten Stand mitten in der Wand. Er wieder zu mir und weiter aufs breite Gras-Baum-Band. Hier würde ich den Erschließern am liebsten einen Abseilstand spendieren, damit man einfach über die Wand, anstatt über die Botanik abseilen kann. Aber egal, wir wählen den Weg durch tiefe Wacholderbüsche, ignorieren den Zwischenstand und fahren direkt bis zu unseren Rucksäcken. Wenn sichs jetzt verhakt, wirds nervig 🙂

Ich will gar nicht hinschauen, wie er das Seil abzieht, aber plötzlich taucht der Knoten auf und wenig später saust das zweite Ende Richtung Boden. Halleluja!

Kann man machen

Die Tour kann man schon machen, sofern man bei der Beschreibung nicht den Vergleich mit Furka oder Chamonix in Betracht zieht. Die Verschneidung und der Kamin sind nette Längen. Wer das Legen von Sicherungsmitteln lernen möchte, fährt aber eventuell doch lieber an den Furkapass. Trotzdem war’s ein schöner Tag mit toller Begleitung. Und darum geht es ja letztendlich.

Facts zur Tour gibts unterhalb der Bildergalerie.

Facts zur Tour „Sei Prophet“ (Täufer-Quartett) am Taufenkopf im Zillertal:

  • 9 SL, bis 7-, die meisten Stände sind gebohrt, an neuralgischen Stellen gibt es in der ganzen Tour etwa vier Borhaken.
  • Topo gibt’s hier.
  • Botanik wechselt sich mit wenigen lohnenden Kletterstellen ab, wobei das Verhältnis zwischen Bewuchs und wirklich lohnenden Kletterstellen gefühlt eher ungünstig ist.
  • Der Stand nach der „Jubel-Verschneidung“ wurde entfernt, es gibt aber Bäume (steht so auch im Topo)
  • Keile haben wir kaum verwendet, dafür aber das ganze Sortiment an Friends. Weniger ängstliche Kletterer kommen mit einem ausgedünnten Sortiment aus. Bei mir kam jede Größe mal zum Einsatz (00 bis 5, DMM, bzw 0.3-3 BD), dazu 10-12 Exen, je nach Vertrauen in die Haken.
  • Abseilen: Die erste Abseilstelle ist auf dem kleinen Fels-Steg, der in Richtung Haupttal (Westen) zeigt. Leicht zu finden. Von hier aus in Richtung Tal (West) abseilen. Hier finden sich auf dem baumbewachsenen Band zwei Stände – einer an der südlichen Kante, der andere ca. 10 Meter weiter links (Blick zur Wand). Hier evtl. besser den linken Stand nehmen oder zumindest gleich nach Westen hin abseilen! Drei Stände in der folgenden rissdurchzogenen Wand (Sei Poet), unten am Band in einem kleinen Felsstück war unser letzter Stand. Von hier aus in einem Abseiler bis zum Boden.
  • Es gibt ein Parkverbot an der eigentlichen Parkbucht. Auf dem Schild steht, dass „die Kletterfelsen wegen Steinschlag gesperrt sind“ und die „Grünwiesen nicht betreten werden dürfen – Zuwiderhandlung wird angezeigt“. Auf Nachfrage in der Tourist-Info ist hier wohl das Gebiet „Maruschkas Gartl“ gemeint, was wohl auch weniger mit Steinschlag, als mit einem genervten Grundeigentümer zu tun hat. Die Wände am Taufenkopf sind davon unberührt – vorausgesetzt man steigt links vom Graben auf, was ohnehin die logische Aufstiegslinie ist.

 

 

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3 Comments

  • Reply Sabrina April 13, 2016 at 12:19 pm

    Entdeckt, entdeckt! Schön, dass wir wieder einmal Teil Deiner Geschichte sind. Auf Deinem Helm und als „Beruhigungsspruch“ beim Seil nach ziehen… 🙂 Wusa ist eben immer überall mit dabei!

    Freue mich auf bald! LG Sabrina

  • Reply Moritz Oberrauch Oktober 14, 2018 at 9:53 pm

    Die Qualität der Tour steht diametral zur Qualität des Beitrags, aber eben Tour Top – Beitrag Flop!
    Das man in einer alpinen Tour nicht jeden Block blindlings anspringen kann, Bäume nun mal bis auf 2000 Meter Meereshöhe wachsen und Kaminklettern speziell ist, sind alles keine Gründe die Tour schlecht zu machen. Zugegeben, die 3., 6. und 9. SL sind etwas durchwachsen (pun intended). Aber ähnliche Verbindungslängen findet man in Arco, im Mello, im Orco oder in den Dolomiten auch!
    Also für alle Wiederholungs-Aspiranten: 6 coole Seillängen in alpinen Gelände, Fels viel besser als beschrieben, Abseilen bei guter Technik (und ohne Pech) kein Problem. Machmal ist das Glas eben halb voll und nicht halb leer… 😅

    • Reply ulligunde Oktober 17, 2018 at 3:30 pm

      Hi Moritz,
      merci für Deinen Kommentar! Das ist ja das Schöne in den Bergen – die einen mögens so, die anderen so. Gott sei Dank, sonst wären ja alle in den gleichen Touren :). Dir weiterhin viel Freude im Vertikalen!
      LG!
      Erika

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