Vater-Tochter-Zelt-Wanderei im Alpstein

August 15, 2013

Herz am Fels„Mit dir geh ich nicht in die Berge, du bist mir zu extrem“ hör ich in letzter Zeit immer wieder. Da kennt mein Vater nix, hat er mir doch diesen Hang zu den Bergen erst eingebrockt. Für unser gemeinsames Wochenende hatte er uns eine Tour ausgesucht, die uns in das Alpstein (Appenzell, CH) führte – ein Gebiet, von dem er – und er muss es wissen – behauptet, es sei das schönste der ganzen Alpen. Mit Zelt, einem kleinen Biervorrat und dehydrierter Nahrung von Adventure Food machten wir uns am Freitag auf.

Die geplante Tour sollte uns innerhalb von drei Tagen gemütlich vom Hohen Kasten zum Säntis führen. Meine ganze Kindheit war begleitet von diesem markanten Gipfel mit großem Spieß oben drauf: Bei Föhn ganz nah, bis tief in den Sommer noch schneebedeckt, im Herbst häufig der einzige, der aus der dichten Bodensee-Nebeldecke rausspickt… Bestiegen habe ich ihn nie, was vor allem daran liegt, dass eine Seilbahn auf den Gipfel führt. Wozu sich auf einen Gipfel kämpfen, wenn man ihn sich letztendlich mit einer Horde ballerinatragender Ladies und Männern mit gegelten Haaren teilen muss…

Gemütlicher Auftakt mit gutem Essen und warmem Bier

Blick ins Alpstein Gebiet„Ein bisschen laufen, da musst‘ ja nicht groß aufs Gewicht achten“, dachte ich mir noch beim Packen. So wanderte neben Zelt, Kocher und Schlafzeug noch zahlreiche Päckchen dehydrierter Nahrung von Adventure Food (danke an dieser Stelle), die große Kamera und natürlich zwei Halbe mit in den Rucksack. Bei den ersten Schritten vom Hohen Kasten entlang des Grates bereute ich das wenig umsichtige Packen kurz, aber was einen nicht tötet, härtet ab. Unser Tempo war gemütlich und es blieb viel Zeit, die zahllosen Felsen ringsum genauer zu begutachten. „Da muss ich nochmal herkommen“, das stand sofort fest.

Auf dem Weg in Richtung Stauberen begegneten uns nur wenige Leute, nur an der Hütte (samt Seilbahn, natürlich) war viel los. Wenige Kilometer weiter entdeckten wir einen erstklassigen Biwakplatz auf einer Rippe. Das Wetter sah gut aus, weshalb das Zelt von vorne herein gleich im Rucksack blieb. Überhaupt hatte ich noch überlegt, das Zelt einfach zu Hause zu lassen – die Wettervorhersage war einfach zu gut. Gut, dass ich es doch dabei hatte, sonst hätte ich es am nächsten Abend bitter bereut – aber dazu später. Bei einer etwas angewärmten Biwakhalbe und dem erstaunlich leckeren dehydrierten Essen von Adventure Food genossen wir den Sonnenuntergang und die sternklare Nacht.

 

Und plötzlich ward es steil

Am nächsten Morgen ging es entlang der Kreuzspitzen hoch zum Mutschensattel und gemütlich weiter zum Altmann. Während oberhalb von uns einige Kletterer die wunderschönen Touren in feinstem Kalk genossen, wanderten wir auf angenehmen Pfaden und entdeckten in einem nahen Geröllfeld endlich meine ersten Steinböcke. Trotzdem war die Wanderei in keinster Weise exponiert – mein Vater hatte aber bei der Tourenvorstellung bereits einige Male darauf hingewiesen, dass die Tour kräftig an seinem Limit wäre (er hat Höhenangst). Weit und breit konnte ich während der ganzen Tour nichts Ausgesetztes ausmachen und fragte mich schon, wie schlimm seine Höhenangst denn sein muss – als wir plötzlich am Altmannsattel standen und ich endlich verstand, was er gemeint hatte: Sowohl der Abstieg zur Rotsteinhütte schien mir erstaunlich steil, ebenso der Lisengrat zum Säntis hoch. Das ohne Seil!? Junge, Junge…

Vielleicht Gewitter, vielleicht auch nicht

In der Rotsteinhütte erkundigten wir uns noch einmal nach dem Wetter, konnten aber auch dort nichts richtig Zuverlässiges erfahren – vielleicht Gewitter, vielleicht auch nicht. Aha… Also weitergehen und hoffen, dass wir am Grat einen guten Platz zum Biwakieren finden würden? Oder sicherheitshalber unten in der Senke bleiben? Letztendlich stiegen wir doch weiter – nicht zuletzt, weil mein Vater (glaube ich 😉 ) den ausgesetzten Teil des Grates hinter sich bringen wollte.

Mit Zelt im Gewitter und Wind auf dem Lisengrat am Säntis. Der Weg war erstklassig mit straffen Stahlseilen versichert und so höchstens mental noch etwas anspruchsvoll. Gemeinsam mit einer Gruppe Norddeutscher, die wegen des Felsens und der Wege und der Aussicht und der Seile und der Tiere und der Blümchen und … lautstark völlig aus dem Häuschen waren schafften wir die ausgesetzten Stellen easy und fanden nahe der letzten Stahlseile ein einigermaßen akzeptables Biwakplätzchen. Etwas weiter wäre zwar eine gemütliche Wiese direkt am Grat gewesen, aber bei Gewitter oder starkem Wind wäre es da oben extrem unangenehm. So entschieden wir uns für den etwas ungemütlichen Felsvorsprung und genossen die letzten Stunden des Tages. Die Wanderer wurden immer weniger, die Wolken dafür immer mehr. Gegen sechs Uhr – als wir gerade anfingen, zwei Päckchen unserer Expeditionsnahrung zuzubereiten – fing es erst an zu tröpfeln, dann stärker zu regnen und letztendlich kräftig zu gewittern. Glück gehabt, dass wir nicht auf der Wiese oben waren, dort hätte es uns ziemlich auseinandergenommen. Um acht Uhr war der ganze Spuk vorbei, die Gewitterzelle zog gen Allgäu und hinterließ ein großartiges Wolke-Sonne-Spektakel mit einer folgenden sternklaren Nacht.

 

Pünktlich mit dem Regen im Tal

Den nächsten Morgen begannen wir noch vor den ersten Wandersleuten und waren wohl gemeinsam mit der ersten Gondel oben auf dem „Gipfel“. Ich weiß schon, warum ich solche Touristenberge meide – überall frierende, schön hergerichtete Menschen, die wild knipsend einen komisch anschauen, wenn man ein bisschen zerzaust und mit großem Rucksack daherkommt. Schnell machten wir uns an den Abstieg, der noch einmal mehr Stahl als Fels für die Finger und Sohlen bereit hielt. Eine komische Kletterei ist das… Wir schauten, dass wir Land gewannen und erreichten – gemeinsam mit den ersten Regentropfen – gegen Nachmittag das Tal. Per Bus und Zug ging es für meinen Vater zurück an den Bodensee – und für mich zurück ins Allgäu. Komisch war es schon. Wo ich früher beim Anblick des Bodensees immer an HEIMAT dachte, überfiel mich diesmal dieses Gefühl erst, als mein Blick auf den Grünten im Allgäu fiel. Hier ist Heimat – hier sind die Freunde, die Liebe, die Homebase – und die schönsten Berge der… naja. meiner Welt 😉

 

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3 Comments

  • Reply Gerhard September 2, 2013 at 10:33 pm

    Schöner Bericht. Heimat ändert sich .

  • Reply Sabrina September 3, 2013 at 4:12 pm

    Voll cooler Bericht! Liest sich auch immer sehr schön! Und oh ja – Heimat ändert sich ganz oft schneller als gedacht!

  • Reply Andreas September 11, 2013 at 6:24 am

    „Home is where the heart is…“

    Schöne Tour und noch schönere Bilder! Ich hoffe, ich schaffe es heuer auch nochmal zu biwakieren, nachdem ich für diese Zwecke extra ein Zelt angeschafft habe, selbiges aber erst einmal verwendet habe!

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