6 Wochen Kletter-Roadtrip durch Europa

September 22, 2012

6 Wochen kurvten wir mit unserem rostigen 3-er Golf durch die Schweiz, Frankreich und Italien. Geleitet von gutem Wetter und interessant klingenden Kletter- und Bouldergebieten, Alpintouren und schönen Fotomotiven, hatten wir eine wirklich grandiose Zeit und haben nun eine umso längere Wunschliste für spätere Urlaube. Da mein Tablet-PC sich die ganze Zeit über wehrte, seinen Akku aufzuladen, gibt es zu Anfang quasi einen „analogen“ Blog(Block)-Beitrag. Den Rest habe ich abgetippt, damit das Lesen etwas leichter fällt. Ich kam nicht allzu häufig dazu, ein paar Zeilen zu schreiben, denn dazu brauche ich Ruhe und am besten eine ordentliche Sitzmöglichkeit (Stühle oder gar einen Tisch hatten wir nicht dabei). Irgendwie war aber die Zeit zwischen Sonnenaufgang, Klettern und Sonnenuntergang so dermaßen kurz, dass ich eigentlich nur dazu kam, wenn wir einen Pausetag machten – und das kam nicht allzu häufig vor 😉 Naja. Lest selbst. Viel Spaß 😉

Für die Bildergucker: Wenn ihr mit der Maus über die Bilder fahrt (nicht klicken), erscheint die Beschreibung.
 

30. August, Provence

Ein kurzer Lagebericht von unterwegs. Das Geschriebene ist schon wieder einige Tage alt (man verliert das Gefühl für Wochentage, wenn sie unrelevant sind;)… Jedenfalls sind wir gerade etwas südlich von den wirklich beeindruckenden Felsen von Céüse. Uns hat der erste Regentag unserer Reise erwischt, deshalb versuchen wir unser Glück mit der Sonne weiter südlich. Nächster Anlaufpunkt ist ANNOT (!), ansonsten Verdon. Bis dann!

1. September 2012, Verdonschlucht

[…privat…] Jedenfalls haben wir die letzten drei Tage in Annot beim Bouldern verbracht – ein wirklich ganz fantastisches Gebiet, das (mein) Highlight unserer bisherigen Reise!! Grandioser Ausblick, super Fels, tolle Probleme… Da gehen mir fast die Adjektive aus 😉

Ebenso wie die Worte, gingen uns leider die Vorräte nach drei Tagen aus, weshalb wir zurück ins Tal und weiter in Richtung Verdonschlucht fuhren. Wir hätten so oder so einen Pausetag gebraucht, der raue Sandstein schmirgelte selbst Sammys Hornhautpranken völlig ab. Schade, dass wir dieses tolle Gebiet verlassen mussten, aber wir kommen wieder, keine Frage.

Bei Castellon füllten wir unsere Vorräte auf und kurvten die Verdonschlucht entlang. Kein Wunder, dass es hier über 3.000 Routen gibt. So weit das Auge reicht, reiht sich Felswand an Felswand. Durch Zufall fanden wir einen wirklich günstigen Campingplatz, auf dem wir den abendlichen Regen ausharrten und von einem Hannoveraner ausgiebig in die Vorzüge der Gegend eingeweiht wurden. (Nachtrag: 7,20€ für 2 Personen, ein Abend wurde gar nicht abgerechnet, der andere nur noch mit 5€, wir wissen nicht recht warum ;). Der Platz befindet sich auf dem Weg von Moustiers-Sainte-Marie nach Aguines, etwas oberhalb des Sees, linker Hand). Heute, ein Tag nach unserer Ankunft, legten wir einen entspannten Pausetag mit viel Essen, etwas Bummeln in Les Salles und Flanieren am Strand ein. Morgen geht’s dann das erste Mal an den Fels – ich bin gespannt!

10. September 2012, Mordegno, Comersee

Häufig gehen mir Sätze durch den Kopf, wie ich meinen „Tagebuch“-Eintrag beginnen würde (wenn ich mal dazu käme, ihn zu schreiben). „Boah, ist das H-O-C-H!!!!“ zum Beispiel an dem Tag, an dem wir durch die Verdonschlucht fuhren. Insgesamt waren wir vier oder fünf (so genau weiß ich das gar nicht 😉 )Tage dort, ständig verfolgt von Regenwolken, leider. Allerdings gefiel mir die Kletterei direkt am oberen Rand der bis zu 700m hohen Schlucht eh nicht so gut – mit Höhenangst ist es nun mal unangenehm, sich über die Kante zu schwingen und 30m unterhalb das Seil abzuziehen. Halleluja.

Nach einem heißen Tag am Strand bei Monaco und einer Nacht im Freien direkt über der Stadt (Blick bis nach Marseille!) entschieden wir, dass es einfach zu heiß ist zum Klettern. (Anmerkung zur Nacht im Freien: Wir hatten uns zufällig den Aussichtspunkt ausgesucht, den scheinbar alle Monaco-aner, Monac-iener (?) mit ihren Gästen aufsuchen. Ein etwas entsetzter Deutscher (gegelte Haare, Lacoste-Hemdchen, weiße Hose, Segelschuhe) fragte uns ungläubig, ob wir hier oben etwa übernachten wollten. Nach unserem zaghaften „ja?“ murmelte er nur noch entgeistert „mutig, mutig, mutig…“. Wir waren etwas verunsichert, ob wir vielleicht irgendetwas nicht mitbekommen haben (Bären, Sprengungsarbeiten, Hurricane), einigten uns aber dann darauf, dass er bestimmt nur das Schlafen unter freiem Himmel gemeint haben muss…).

Bei der nächsten Nacht hätten wir evtl. diese Warnung tatsächlich brauchen können, denn die Überschrift für diesen Tragebucheintrag hätte diese sein können: „Besuch eines Bären?“.

Unser nächster Anlaufpunkt war nämlich Finale Ligure, bzw. die ziemlich bekannte Klettergegend Oltrefinale (g-r-a-n-d-i-o-s!!). Sammy erinnerte sich noch an einen netten Picknickplatz hoch oben im Wald, wo man auch schlafen kann. Er war wirklich abgelegen. Nach einem ausgesprochen guten Abendessen mit Cordon Bleu, Kartoffelpüree und Gurkensalat stellten wir das Innenzelt auf dem Kiesplatz auf. Mitten in der Nacht hörte ich Schritte – laut und unvorsichtig, wie von einem Menschen, der es darauf anlegt, gehört zu werden. „Oh no, der vertreibt uns jetzt bestimmt von dem Platz…“, dachte ich noch, als die Schritte unvermittelt verstummten. Plötzlich schnüffelte es neben mir – laut, so laut wie wenn man nah an die Schnauze eines Hundes horcht. Ich weckte Sammy und wir hörten noch, wie sich das Tier verkrümelte und noch einige Minuten am Rande des Platztes im Schutt wühlte, dabei Äste zerbrach und Bäume zum Zittern brachte. „Na, wird schon kein Bär gewesen sein, wir sind ja nicht in Kanada“, dachte ich mir noch und schlief wieder ein. Am nächsten Tag erfuhren wir, dass in der Gegend anscheinend tatsächlich ein Bär ist… Hoppla.

Das Klettern in Oltrefinale war dafür  fantastisch, kleine Leisten, immer was zu stehen – genau mein Ding! Im Gebiet Emisfero entdeckte ich dann auch gleich noch die schönste Route unserer Reise. Leider sind die meisten Sektoren (zumindest die leichteren) südseitig ausgerichtet. Wir standen früh auf um mit dem Sonnenaufgang an der Wand zu sein, aber mehr als 3,4 Routen in der Sonne waren einfach nicht drin. Wir machen uns also am Sonntag Nachmittag eher spontan auf und schlugen das erste Mal eine nördliche Richtung ein. Norden! Weg vom Meer – ab nach Hause? Aber nicht ohne einen weiteren Beweis für den inzwischen etablierten Titel unserer Tour: „Zwei Dummbatze on Tour“. Kurz vor der Abfahrt entdeckten wir seltsame Ölstreifen auf unserer Motorhaube. Wir schauten unter den Deckel und entdeckten den Grund, weshalb es seit der Provence so seltsam nach Öl gerochen hat: In Ceüse hatten wir das Öl nachgefüllt und dabei den Öltankdeckel offenbar auf dem Campingplatz vergessen, denn er war nicht draufgeschraubt. 400km waren wir mit offenem Tank gefahren, die Flüssigkeit überzog den gesamten Motorraum. Klasse! Sonntag Nachmittag in einem abgelegenen italienischen Tal, gerade auf dem Sprung weitere 300km zu fahren. Egal, den Weg hier her hat der Jakob auch mit offenem Tank geschafft, dann wird er die Autobahn quer durch Norditalien auch noch schaffen…

11. September 2012, Val die Mello

Val di Mello! Eines dieser Gebiete, das ich mit zahlreichen, dicken Kringeln in meinem Boulderführer markiert habe. Wunderbare (Granit)blöcke, frei verteilt auf ebenen Almwiesen, von jedem Block aus eine fantastische Aussicht auf imposante 3000der.

Laut unserer Wettervorhersage scheint das hier auch das letzte Gebiet unseres Roadtrips zu sein:

Zeit also für einen Rückblick!

5 Wochen zu zweit, naja, zu dritt, denn unser Jakob hat schon auch einen eigenen Charakter. Kurz vor unserer Abfahrt begann er bei laufendem Motor laut und beständig an zu summen. Als wir in Kandersteg beschlossen, anstatt uns vom Jakob über die Berge fahren zu lassen, lieber den Autoverlad zu nehmen, fing er urplötzlich gefährlich an zu rumpeln, sodass die Leute schon seltsam schauten, als wir ihn auf den Zug steuerten. Aber als wollte er nur seinen Standpunkt klarmachen, schnurrte er beim Rausfahren wieder wie früher. Die Sache mit dem vergessenen Öltankdeckel nahm er uns aber scheinbar (bisher) noch nicht so übel – ein toller Kerl, dieser Jakob!

Es war eine tolle und wunderbare Zeit, wir haben neue Ecken Europas entdeckt und nicht nur einmal laut „da müssen wir nochmal herkommen!!“ gerufen (einmal auch das Gegenteil). Die unangenehmen Besuche der Höhenangst in der Verdonschlucht und am Tête de Gaulent haben wieder mal gezeigt, dass Touren in großen Höhen am Limit meines Könnens nichts für mich sind und die wirklich gute Ausdauer, die ich noch vor dem Urlaub hatte, ist bestimmt flöten gegangen. Dafür lernte ich auf den endlosen Platten in Frankreich das ordentliche Stehen. „Der [Fuß] hält schon!!“ weiß ich jetzt, auch wenn der „Tritt“ noch so klein ist. [Nachtrag: Auch wenn ich gleich nach dem Urlaub bei allen gejammert habe, dass ich garantiert soo viel schlechter geworden bin, zeigten mir die ersten Tage im Allgäuerischen Kalk und Konglomerat definitiv das Gegenteil auf. Cool! 😉 ]

Das Boulderhighlight war definitiv Annot, auch wenn Val di Mello auch sehr schön war. Aber die Probleme an diesem fantastischen Sandstein waren so kreativ, dass Italien nicht mithalten kann. Kandersteg war mit seinem ungewohnten Stein auch spannend, aber ist wettertechnisch etwas unsicher, weil der Fels so langsam trocknet. Bei Grimsel und Gotthard war bei mir persönlich der Wurm drin, sodass ich selbst an den einfachsten Routen hart zu beißen hatte. Klettertechnisch hat mir persönlich Oltrefinale (I) und Lungern (CH) am besten gefallen, aber das liegt halt an meiner Vorliebe für kleine Leisten und ordentliche Tritte.

Die schönste Aussicht hatten wir während einer Nacht am Furkapass, beim Alpinklettern hoch über Grindelwald (Alpinklettern mit Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau), in Ceüse und in der Nacht über Monaco. Ach, Moment, der Ausblick bei Chamonix war natürlich auch der absolute Hammer, allerdings war das Wetter schlecht…

Orte mit dem Prädikat „da müssen wir nochmal herkommen!!“ sind definitiv Chamonix, wobei ich dort gerne einmal den Mont-Blanc-Track machen würde, der innerhalb von 9 Tagen das gesamte Gebiet umrundet – atemberaubende Ausblicke garantiert. Ceüse wäre sicher auch nochmal einen Urlaub wert, wobei man davor wohl doch noch etwas trainieren sollte und der tägliche, 40minütige Zustieg schon nervig werden könnte. Oltrefinale im Herbst nochmal, Grimselpass mit mehr Crashpads und Spottern und Gotthard mit etwas mehr Fingerkraft und Mut. Achso, und das alles dann am liebsten mit einem VW-Bus (und einem Hund).

Zum Thema „zwei Dummbatze on Tour“ zählen vergessene Sicherungsgeräte beim Alpinklettern,  ein vergessener Öltankdeckel, ein angehauener Ellbogen, der einen Durchstiegsversuch einer 7b? vermasselte, am dritten Stand weggeworfene Sicherungsgeräte, ein vergessener Schuh nach langem Zustieg zu ner Alpinroute, ein angefahrener Zaunpfahl, ein aus Versehen gekauftes Stück Südtiroler Speck für schlappe 15 Franken, das letztendlich teilweise verschimmelte, weniger lustige Verfahraktionen im Herzen Monacos und Nizzas, eine Campingplatzübernachtung in der Schweiz, die insgesamt so viel kostete wie 5 Nächte auf französischen Campingplätzen, ein defintiv nicht auffindbares Klettergebiet in der Provence, ein wirklich überraschend miserabler Auswahlführer für Frankreich (Mistral 2, Süd-Ost-Frankreich) ein paar lustige Aktionen, weil ich schrecklich Angst vor Spinnen und Dunkelheit habe und und und…

Insgesamt also eine wirklich tolle Zeit, die  jeden von uns – inklusive Speck, Benzin, Steaks, Maut, endlos viel Süßem, Obst und Bier, ein paar Campingplatzübernachtungen usw. – nur 450€ gekostet hat. Den Strafzettel von Finale Ligure nicht mitgerechnet, den haben wir nämlich (sprachtechnisch) nicht verstanden und deshalb wohlwollend ignoriert.

Nach so einer langen Zeit fällt es erstmal etwas schwer zu akzeptieren, dass nun die Arbeit bei der Tagesplanung an erster Stelle stehen soll – bei gutem Wetter die letzten warmen Wochen nicht nützen zu können, fällt mir momentan noch schwer. Aber in wenigen Tagen wird es abends schon so früh dunkel sein, dass sich das dann auch erledigt. Plastrikgriffe olé :/ Im Notfall werde ich einfach wieder in den Bildern unseres Urlaubs stöbern oder schnell, schnell den nächsten Planen. Irgendwelche Vorschläge, wo man unbedingt noch hingehen müsste? (Herbst/wintertauglich bitte!)

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11 Comments

  • Reply Testbericht: Earlylight 2 von Marmot (2-Mann-Zelt) « ulligunde September 24, 2012 at 4:00 pm

    […] Fotografie ⟨ […]

  • Reply drahreG September 26, 2012 at 2:13 pm

    Schöner Artikel mit schönen Bilder einer schönen Reise…

  • Reply gerdi spengler September 26, 2012 at 7:39 pm

    Da freu ich mich für dich. Wunder muß man einfach suchen, dann stolpert man dauernd drüber. Sie wir beim Segeltörn. Und nicht weniger als 6 Wochen(…müssen ja nicht gleich 6 Monate wie bei uns sein :-). Unfaßbar schöne Bilder, Aussichten, Erlebnisse. Und dieser Zelt-Testbericht, also – die Firma sollte dir Geld geben für deine Prüf-Qualitäten und die Verbesserungs- und Ergänzungs-Tipps!!!
    Guten Start ins Berufsleben bei outdoor.active im schönen Allgäu. Und Erfolg bei der Bachelor-Note…:-)

  • Reply Testbericht: 90l Duffle von The North Face « ulligunde Oktober 2, 2012 at 6:19 pm

    […] wir die letzten 6 Wochen in einem dreitürigen Golf verbrachten, war es wichtig, dass wir unsere Ausrüstung übersichtlich und bestenfalls geschützt […]

  • Reply krausesarah Oktober 4, 2012 at 1:33 pm

    Der ist ein echt starker Blog. hat echt Spaß gemacht, zu lesen. Tolle Fotos auch!

    • Reply ulligunde Oktober 4, 2012 at 1:50 pm

      Vielen Dank für das Lob! Das freut mich immer wieder 🙂 Danke!

  • Reply Von Oberstdorf nach Tannheim (Via Alpina, Jubiläumsweg, Adlerweg, Saalfelder Höhenweg) « ulligunde Oktober 8, 2012 at 6:57 pm

    […] Wir haben uns beide extra die zwei Brückentage freigenommen um mit unserem Auto noch einmal einen kleinen Kletter-Roadtrip zu starten. Am Tag vor der Abreise machte unser Jakob dann völlig unvermittelt […]

  • Reply Ein Blick zurück « ulligunde Dezember 25, 2012 at 10:53 am

    […] natürlich sind große Reisen fantastisch. Unser sechswöchiger Kletter-Roadtrip war unbeschreiblich schön! Klar, dass da ein neuer Traum keimt: Wir haben 2014 theoretisch ein […]

  • Reply Träume erfüllen in den Dolomiten « ulligunde Januar 15, 2013 at 7:57 pm

    […] ja sagen – vielleicht eine der letzten großen Reisen für uns als Dreiergespann (Sammy, ich, Jakob) war. Der Traum vom VW-Bus wird womöglich sehr bald Wirklichkeit, wir müssen nur noch den […]

  • Reply Lässige Socke: Stefan Glowacz in Kempten « ulligunde Februar 6, 2013 at 8:36 pm

    […] deren Leben man gerne hätte. Es sind eher Charaktere, die anders sind, Träume haben und diese verwirklichen. Leute, die Ideale verfolgen und Außergewöhnliches leisten. Wenn mich bisher jemand fragte, […]

  • Reply Komm, wir machen eine Kehrtwende. « ulligunde April 13, 2013 at 9:05 pm

    […] chronisch kaputtem Auspuff […] und nach einem kleinen Unfall etwas verschobenem Lichtkegel durch halb Europa. Erst nach unserer Reise machte er einmal komplett schlapp, aber auch das war nicht allzu […]

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