4200 Höhenmeter in 26 Stunden: Hoher Ifen und Entschenkopf

Mai 8, 2011

Eine Seminararbeit bis Ende Mai, dazugehörige Präsentation Anfang Juni, eine Fallstudie inkl. Präsentation, ebenfalls Ende Mai, eine Best-Practice-Studie Anfang Juni, eine Forschungsstudie zum Thema Personalentwicklung morgen, eine anstehende AdA-Prüfung Anfang Juni…

Was man in so einem Fall tut?

In die Berge gehen.

Endlich hat sich die Schneegrenze so weit zurückgezogen, dass auch „richtige“ Gipfel wieder ohne größeres Risiko erreichbar sind. Nach einer wunderbaren Geburtstagsfeier eines besonderen Freundes bekam ich ganze 2 Stunden Schlaf, bevor mein Vater mich um 5.45Uhr weckte: Aufstehen! Eltern zum Bahnhof fahren – bei den beiden beginnt heute nämlich ihr sechsmonatiger Segeltörn auf dem Mittelmeer – zum dritten Mal in Folge.

Nach einem kurzen Vormittagsnickerchen um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, ging es ans Packen. Recht übermüdet stellte sich dieser Teil als größere Herausforderung dar, weil in diesem Zustand alles irre lang dauerte. Macht nichts, um 2 kam ich tatsächlich los und um vier stand ich auf dem Parkplatz der Auenhütte – dem Einstieg meiner Tour.

Die Wolken schauten bedrohlich dunkel aus, also legte ich von Anfang an einen Zahn zu. Noch hatte ich keine feste Entscheidung getroffen, wo ich mein Zelt aufschlagen würde – verlockend wäre natürlich der Hohe Ifen selbst, aber er ist auch gut 200m höher als alle anderen Berge in der Gegend. Da ich so spät losgekommen war, zweifelte ich insgeheim an der Durchsetzbarkeit des Planes. Trotz des Zeitdruckes ließ ich es mir nicht nehmen, den längeren Weg zu wählen und einen Abstecher zur Schwarzwasserhütte zu machen, in der ich noch vor wenigen Monaten auf Skitour übernachtet hatte.

Bis zum Ifen („nur für Geübte“) sagte der Wegweiser 2.45h voraus – es war bereits halb sechs. Sollte die Angabe wirklich stimmen, würde ich erst kurz vor Sonnenuntergang am Gipfel ankommen – aber was wäre die Alternative? Nach zäher Abwägerei riss ich mich am Riemen: „Komm, gibs doch zu, dass du dir den Ifen in den Kopf gesetzt hast – mit jedem andern Berg würdest du dich doch gar nicht zufrieden geben! Und außerdem: Wenn du jetzt noch länger herumgrübelst, kannst du dein Zelt auch gleich hier  aufschlagen“. No Risk, No Fun also.  Ich spurtete weiter, die dicken Wolken hatten sich inzwischen verzogen und als ich nach 25min an der Ifersguntalpe ankam die mit 50m Gehzeit angegeben war, wuchs die Zuversicht, es doch noch zu schaffen.

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Durch den Umweg über die Schwarzwasserhütte kam ich erst kurz nach sechs am eigentlichen Einstieg zum Ifen an. Fast bedrohlich zogen sich im Abendrot die endlosen Geröllfelder unterhalb der massigen Felswände entlang. Anfangs versperrten Schneefelder immer wieder die Sicht auf den Weg, die Suche danach nahm teilweise viel Zeit in Anspruch. An den Geröllfeldern angekommen ging es recht zügig – solange man nicht stolpert… Um die Sache etwas zu erschweren ging es bald an Stahlseilen und -stufen am Fels empor. Ohne einmal nach unten zu schauen versuchte ich so schnell wie möglich diesen Teil hinter mich zu bringen, was mit 17kg auf dem Rücken gar nicht so leicht ist. Besonders wenn ich alleine unterwegs bin, habe ich immer wieder Bammel vor solchen Abschnitten.

Als plötzlich eine Gestalt vor mir erschien, blieb mir das Herz für eine Sekunde stehen: Eine andere Frau – ebenfalls allein wandernd – kam gerade nach unten und schaute mich ebenso verdutzt an: „Ich hab nicht damit gerechnet, heute noch jemandem zu begegnen!“ Ihr Schlafsack lag reinschlüpfbereit an der Ifersguntalpe. Verrückt – so eine abgelegene Gegend und dann gleich zwei Frauen, die unabhängig voneinander dort schlafen wollten – allein! Ich bin vielleicht doch gar nicht so außerirdisch mit meiner Vorliebe?!

Der Aufstieg zog sich noch lange – der Rucksack wurde von Minute zu Minute schwerer, ich musste immer mehr Pausen machen. Der Gipfel kam partout nicht näher, dafür taten sich immer neue Kletterstellen auf. Endlich auf dem Plateau angekommen, ging es weiterhin steil und nicht enden wollend weiter. Ich kämpfte – aber Umdrehen, eine Pause oder das Zelt gar hier irgendwo aufzuschlagen, kam nicht in Frage. So weit wirds schon nicht mehr sein, zefix!

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Um halb acht – also nach 45min weniger als auf dem Wegweiser angegeben war -erreichte ich endlich den Gipfel. Es blieb nicht mehr allzu viel Zeit bis zum Sonnenuntergang, also schlug ich schnell das Zelt auf, wusch mich, zog mich um und verbrachte die restliche Zeit bis zum Sonnenuntergang damit, diesen legendären Zeltplatz zu fotografieren.

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Während des Sonnenuntergangs und einem recht frischen Wind köchelte mein Zitronen-Couscous, verfeinert mit einer echten Limette und einer Karotte während der Pfefferminztee die müden Muskeln wärmte. Ich konnte mich gar nicht entscheiden was wichtiger war – das Essen (ich hatte solch einen Hunger!) oder das Fotografieren. Der Sonnenuntergang – das Wetter generell – war einfach zu schön.

Als sich auch die letzten rosa Streifen vom Himmel verzogen hatten kroch ich in meinem Schlafsack – der Schlafentzug der letzten Nacht hatte sich schon lange bemerkbar gemacht. Es war eine wunderschöne Nacht, sternklar, nicht allzu kalt – nur hin und wieder frischte der Wind auf, was mich mehrmals dezent in Panik versetzte, schließlich stand mein Zelt gefährlich nahe am tiefen Abgrund…

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Morgens um sechs Uhr krümelte ich mich pünktlich zum Sonnenaufgang aus dem gemütlichen Schlafsack – und wurde mit einem unbeschreiblichen Spektakel belohnt:

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Ich hatte mich am Sonntag Morgen mit Christian – meinem Seilpartner – in Reichenbach verabredet um noch auf den 2000m hohen Entschenkopf zu steigen. Um rechtzeitig anzukommen, brach ich um halb acht auf und wählte die nordseitige Abstiegsroute. Hier machte ich die mit Abstand gefährlichste und dümmste Aktion, die ich jemals riskiert habe. Im Nachhinein schäme ich mich für den Irrsinn, den Leichtsinn mit dem ich mein Leben aufs Spiel gesetzt habe, daher möchte ich es hier nicht weiter beschreiben. Ich werde aber sicherlich daraus lernen.

Nach dem überwundenen Schock erreichte ich endlich das Auto und fuhr nach einem kurzen Bad im nahen Bergbach „rüber“ nach Reichenbach/Oberstdorf um Christian nicht noch länger warten zu lassen. Nach einer etwas unkoordinierten Umpackaktion starteten wir um halb elf den 1000m hohen Aufstieg. Der Entschenkopf ist mit 2043m etwa 100m höher als sein berühmte Nachbar Rubihorn – und auch der weit weniger besuchte, was die Wahl des Gipfels leicht machte. Das Wetter war wieder wunderschön und ich freute mich, zu zweit unterwegs zu sein.

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Die ersten zwei Stunden gingen locker, auch wenn ich die 2000hm Auf- und Abstieg vom Ifen in den Knochen spürte. Die letzte Stunde ging es steil über endlose Geröllfelder und recht grenzwertige Kletterstellen aber oben angekommen, belohnte die atemberaubende Rundumsicht bei diesem Wetter wie gewohnt alles. Das Gipfelbier, der Wasabi-Käse und das Überraschungs-Überraschungsei schmeckten ausgezeichnet und verliehen neue Kräfte: So waren wir nach nicht mal einer Stunde bereits wieder auf dem Abstieg.

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Der Weg führte weniger herausfordernd über den Südgrat Richtung Gaisalpsee – das mächtige Nebel- und Rubihorn immer im Blick. Die Sonne wärmte so gemütlich, dass wir eine ausgedehnte Pause am See einlegten – was trieb uns denn schon nach Hause!?

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Und weil sechs Uhr immernoch viel zu früh ist um ans Auto zurückzukehren, legten wir auch noch ein Geburtstags-Radler in der Alpe ein.

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Es war ein wunderschönes Wochenende. Allein die Fotos vom Sonnenaufgang am Hohen Ifen und die grandiose Tour am Entschenkopf entschädigen jeglichen Zeitdruck, den ich die letzten Tage durch die Bergaktionen hatte.

So ist viel Kraft für die kommende Woche getankt!

Seminararbeit: Ich komme!!

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4 Comments

  • Reply Was geht? (Furgler/Tirol) « ulligunde März 29, 2012 at 8:37 pm

    […] mündet. Egal, Vernunft siegt und irgendwie roch die ganze Sache ein wenig zu sehr nach der Erfahrung am Hohen Ifen im vergangenen Frühling, bei der ich eher leichtsinnig mein Leben für den kürzeren Weg […]

  • Reply Skitour: Frühlingserwachen (Schnippenkopf/Allgäu) « ulligunde März 29, 2012 at 8:37 pm

    […] – versteckten ihre schönen Gipfel in den Wolken. Schade, im Sommer stand ich sowohl auf dem Entschenkopf als auch auf dem Schnippenkopf, jeweils bei herrlichstem Sonnenschein! See the full […]

  • Reply Flucht nach vorn. (Kühgundrücken, Allgäu) « ulligunde Juli 28, 2012 at 9:52 pm

    […] zu laufen, bis ich vielleicht irgendwann nicht mehr ohne Gefahr umkehren kann. So ist es mir am Hohen Ifen gegangen und ich wäre deshalb fast über eine Felswand abgestürzt. Das ist ein Fehler, den ich […]

  • Reply Lisa August 28, 2012 at 4:20 pm

    Ist schon komisch, wie unterschiedlich man die Berge wahrnimmt. Entschenkopf ist mein Hausberg und ich finde den südseitigen Anstieg schwieriger als den nordseitigen, daher laufe ich die Runde lieber andersrum 🙂

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