Ich bin nicht gut mit Entscheidungen. Es ist nicht so, dass ich nicht entscheidungslustig bin, aber ich entscheide grundsätzlich aus dem Bauch heraus, ohne groß darüber nachzudenken. Beim Autokauf bin ich also die denkbar ungünstigste Person, mal ganz davon abgesehen, dass mein Hauptkriterium bei solchen Dingen die Farbe ist. Und wenn ich dann plötzlich die Idee habe, mein Leben mal schnell auf den Kopf zu stellen und da niemand ist, der mich sofort auf den Boden der Tatsachen holt und mich mit anderen Dingen beschäftigt hält, passiert, was jetzt passiert ist: Wir wohnen auf dem Land, besitzen einen VW-Bus und haben plötzlich eine gemeinsame Bude. Klingt als würde ich es bereuen? Keineswegs!
Kurz zur Vorgeschichte: Bis vor zwei Monaten hatte ich eigentlich ein ganz gewöhnliches Leben. Ich wohnte in einer großartigen Studenten-WG in Kempten und pendelte jeden Tag mit dem Auto oder dem Zug nach Immenstadt, wo ich für Europas coolstes Tourenplanungs-Portal outdooractive.com arbeite. Mein Freund und ich reizen die Freizeit so gut es eben geht aus, waren letzten Sommer sechs Wochen auf Kletter-Roadtrip mit unserem kleinen rostigen 3er Golf und sind so etwa drei bis fünf Mal die Woche beim Klettern irgendwo in der Gegend um Sonthofen, Hindelang oder Oberstdorf. Im März 2014 wird er fertig mit dem Bachelor und bevor der Master beginnt, haben wir sieben Monate Europa-Roadtrip geplant. Und genau damit fing eigentlich alles an…
Von Jakob und Freddy

Unser Golf – der Jakob – war ein treuer Gefährte. Er tuckerte uns trotz piepsender Benzinansaugpumpe, verlorenem Öltankdeckel, chronisch kaputtem Auspuff [...] und nach einem kleinen Unfall etwas verschobenem Lichtkegel durch halb Europa. Erst nach unserer Reise machte er einmal komplett schlapp, aber auch das war nicht allzu teuer.
Sechs Wochen zu zweit auf gefühlten zwei Quadratmetern geht also schon mal, aber für sieben Monate ist das irgendwie nichts. Tja, ein Bus wäre toll… Ein Bus? Ein Bus! Mit 3.000 Euro Budget aber leider ein nicht erreichbarer Traum. Schon gar nicht, wenn man gerne so einen hätte mit fertigem Innenausbau, Dachzelt, drehbaren Fahrer- & Beifahrersitz, Standheizung und… und…
Aber irgendwie ging es doch. Durch eine völlig unverhoffte Finanzspritze steht seit Mitte Februar also ein blauer Luxusbus (für unsere Verhältnisse) vor unserer Türe. Mit Wasser- und Abwassertank, Gasherd, Spüle, insgesamt vier Schlafplätzen, 1,80 m Stehhöhe bei aufgestelltem Dach, Standheizung und das Beste: mit „nur“ 7 Litern im Verbrauch. Das ist so unvorstellbarer Luxus, dass wir auch jetzt immer wieder im Bus sitzen, uns ungläubig anschauen und uns gegenseitig erinnern müssen: Wir haben einen Bus! Unfassbar.
So ganz ohne hausgemachten Stress geht’s ja auch nicht
Keine zwei Monate später kam mir eine neue Idee, wie wir uns ausgiebig beschäftigt halten könnten. Umziehen. Das wär doch was. Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, vielleicht sogar zum Klettern. Das Auto schonen, den Geldbeutel bestenfalls sogar auch. Eher zum Spaß durchforstete ich einmal die Anzeigen. Fest mit einer Absage rechnend rief ich einen Vermieter einer kleinen 2-Zimmer Wohnung 5 km entfernt von Immenstadt an. Als er meinte, ich könne auch jetzt gleich mal vorbeikommen, um sie anzuschauen, dachte ich noch: Naja, einfach mal schauen, die erste Wohnung nimmt man ja eh nicht. Außerdem lag sie sowieso auf dem Weg zur Kletterhalle. Und der Partner zieht bei so einem völlig irren Plan eh nicht mit. Tja. Und dann kam eins zum anderen, der Partner war hellauf begeistert von der Idee und plötzlich wohnen wir jetzt hier. Nur um das klarzustellen: Die Idee hatte ich vor 8 Tagen. ACHT. Und jetzt wohnen wir hier in einem kleinen Kaff, das heißt, als würde sich Kuh und Schwein gute Nacht sagen: Agathazell. Es besteht aus etwa 14 Häusern, vorwiegend Bauernhöfen. Ein Pferdehof ist da, der Vermieter hat Kühe, im kleinen Hofladen gegenüber gibt’s frische Eier und was die Saison eben gerade so hergibt.
Willkommen im Bilderbuch
Wenn ich auf dem Balkon stehe, sehe ich eine Reihe schöner Allgäuer Bergle, wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, sehe ich sogar die ganz großen. Und wenn ich 30 Schritte aus meiner Wohnungstüre mache, dann… Dann kann ich es nicht glauben. Wir wohnen im Allgäu. Also, ich meine…. So richtig! Wir sind mit dem Fahrrad innerhalb von 6 Minuten beim nächsten Boulderfelsen, im 30 Minuten-Radius liegen gleich sechs Klettergebiete, zur Arbeit dauerts etwa 15.
Ob das jetzt gut ist? Ich muss zugeben, während wir die Kisten und paar Möbel schleppten, hatte ich Zweifel. „Scheiße, was machen wir da!?“ Keine Zugverbindung mehr, kein Supermarkt direkt gegenüber, die Freunde ganz schön weit weg, der Partner dafür in dieser kleinen Bude immer ganz nah. Mal ganz von der mittelalterlichen Internetverbindung abgesehen (ein 5 MB-Download dauert gut 10 Minuten) und davon, dass irgendwie alles ein bisschen nach Kuh riecht. Und trotzdem: Ich komme gerade von einer Runde mit dem Mountainbike und habe mich noch lange nicht satt gesehen an diesem Panorama. Die Gipfel sind zum Greifen nahe, der Heimweg quasi nicht vorhanden, denn wir wohnen einfach mittendrin.
Das “Projekt Landleben”
Und jetzt sitze ich auf dem Balkon in der Sonne, sehe grüne Wiesen, kleine Bauernhöfe, einen blauen Himmel und viele schöne Berge… Es passt schon, unser kleines, spontanes “Projekt Landleben“. Auf ein Jahr begrenzt und mit viel Potenzial, ein unvergesslicher Sommer zu werden. Ich bin gespannt!
