Man muss sich darüber freuen können, wenn etwas schlimmer hätte kommen können. So kürzlich geschehen: Wir haben uns beide extra die zwei Brückentage freigenommen um mit unserem Auto noch einmal einen kleinen Kletter-Roadtrip zu starten. Am Tag vor der Abreise machte unser Jakob dann völlig unvermittelt schlapp.
Zur Erinnerung: Unser Auto summte seit einigen Monaten hinten rechts, ein befreundeter KFZ-Mechaniker meinte, so lange es noch summe, wäre es ok, “erst wenn es aufhört, dann wird’s teuer”. Wir – chronisch am Sparen für irgendwas – ignorierten das Summen also und freuten uns tatsächlich noch etwa eine Sekunde lang, als das Summen auf der Heimfahrt vom Arbeiten plötzlich verstummte. Im nächsten Moment war der Motor aus und wir rollten nur noch leise auf den Standstreifen. Die gelben Engel kamen sofort und schleppten uns zur Werkstatt. Roadtrip ade. Trotzdem hätte der Zeitpunkt und Ort schlimmer sein können – irgendwo in der französischen Pampa, zum Beispiel.
Die Alternative? Wandern gehen!
Unser spontaner Ausweichplan war, von Oberstdorf nach Tannheim zu laufen. Ich versuchte, die Route auf Strecken zu legen, die ich noch nicht kannte. Anfangs würden wir also auf dem roten/violetten Via Alpina bis zum Prinz-Luitpold-Haus gehen, anschließend weiter über den Jubliäumsweg in Richtung Schrecksee, von dort den Saalfelder Höhenweg/Adlerweg zur Landsberger Hütte und weiter nach Tannheim. Verrückt, wie viele “Wege” es gibt, oder?! Mir fiel es jedenfalls erst während dem Gehen so richtig auf, interessiere ich mich doch maximal für den Via Alpina und suche mir sonst lieber meine eigene Route.
Lift im Sommer? Pah!
Mit dem Zug ging es nach Oberstdorf. Nach dem obligatorischen Verlaufen innerhalb des kleinen Städtchens gelangten wir bald zur Nebelhornbahn, wo die ersten Gleitschirmflieger ihre Rucksäcke packten und in die Gondel stiegen. Zugegebenermaßen flüsterte die Seilbahn verlockend und mein Blick wanderte verstohlen auf die Preistafel. Die Aussicht, die ersten 1.000 Höhenmeter auf Asphalt zurücklegen zu müssen, war irgendwie nicht so motivierend. Der Preis und auch die Tatsache, überhaupt im Sommer einen Lift zu benützen, trieb uns aber zu Fuß den Berg hinauf. Wenn schon, dann richtig! Wir kamen schnell voran und keine zwei Stunden später empfingen uns die ersten Touristenströme. Ich beobachtete die Leute und war erstaunt: Kein fragwürdiger oder verwirrter Blick in meine Richtung wie sonst, wenn ich allein mit großem Rucksack unterwegs bin. Diesmal hatte ich Begleitung dabei und nur einen kleinen Rucksack, der gut als Tagesrucksack durchging, wir fielen gar nicht auf. Angenehm!
Oberstdorf – Nebelhorn zum Warmlaufen
Was für andere eine vollwertige Tagestour ist, war für uns nur ein kleines Aufwärmerle. Mit Blick auf den Seealpsee machten wir eine kleine Rast und wanderten weiter in Richtung Schochen und Schneck. Letzterer wirkte auf uns beide besonders anziehend, mein Partner wollte unbedingt einen Blick auf eine schwere Kletterroute an der Ostwand werfen, ich wollte ihn auf seine Skitourentauglichkeit hin prüfen, da mir nun mehrmals zu Ohren kam, dass der Schneck einer der Berge sei, die man als Allgäuer einfach im Winter einmal bestiegen haben muss. Der Weg war unangenehm matschig und an zwei Stellen mit Drahtseilen versichert. Alleine hätte ich mich hier schon ziemlich überwinden müssen, vor allem eine kleine Kletterstelle war auf dem rutschigen Untergrund grenzwertig. Aber mit einer kleinen “As Rocket” von hinten kein Problem mehr ;)
Nach einem kurzen Anstieg zum Laufbacher Eck, eröffnete sich ein völlig neues Panorama – der majestätische Hochvogel direkt in der Mitte. Gut zu sehen war auch der weiterführende Weg, der zunächst etwas ernüchternd wirkte. Er führte gut 600 Meter bergab, nur um auf der anderen Seite die gleichen Höhenmeter wieder aufzusteigen. Macht nichts, die Aussicht auf ein kühles Bier im gegenüberliegenden Prinz-Luitpold-Haus ließ uns besonders schnell laufen und so gelangten wir in der Hälfte der angegebenen Zeit zur ersehnten Rast. Es war bereits halb vier als wir uns auf der Terrasse niederließen. Wir waren bereits sieben Stunden unterwegs.
Der Hochvogel – zuerst vor, jetzt neben uns
Keine 15 Minuten später verließen wir den kühlen Schattenplatz und machten uns fertig für den letzten Aufstieg: Weitere 300 Höhenmeter mussten erklommen und auf der anderen Seite wieder abgestiegen werden. Oben angekommen zeigte sich das Allgäu wieder von einer neuen Seite – der Hochvogel nun rechter Hand, vor uns ein freier Blick bis zur Zugspitze. Auf liebevoll angelegten Stufen wanderten wir das Geröllfeld hinab und motivierten uns noch für das letzte Stück: Laut Karte musste in wenigen Kilometern ein ebener Sattel sein, von dem man eine schöne Aussicht haben dürfte. Die Füße machten sich nach fast 9 Stunden Laufen doch langsam bemerkbar. Die drahtseilgesicherten Matschstellen sorgten für eine letzte kleine Herausforderung bevor wir endlich auf der “Ebene” ankamen. Eben war sie nicht wirklich, aber nach einer kleinen Erkundungstour entdeckten wir eine Stelle, die zwar feucht, aber einigermaßen waagrecht und windgeschützt war. Nach einer kurzen, kalten Brotzeit während des Sonnenuntergangs, verkrochen wir uns schnell in das warme Zelt und schliefen sofort ein.
Tag 1: 22km, 2.000Hm Aufstieg, 1.000 Abstieg. Gute Nacht…
Die Nacht zu zweit in diesem kleinen Zelt erschien uns ewig und so waren wir noch vor Sonnenaufgang bereits wieder auf dem Weg. Endspurt! Gestern hatten wir bereits stolze 22km, über 2.000 Höhnmeter im Aufstieg und 1.000 im Abstieg geschafft, am zweiten Tag waren es nur noch 17km, 600 Hm im Aufstieg, dafür 1.600 im Abstieg. Wir umrundeten immer wieder kleine Bergrücken oder erreichten Sättel, die ein ums andere Mal wieder völlig neue Aussichten preisgaben. Eigentlich war es viel spannender, als auf Gipfel zu steigen – immer wieder boten sich komplett neue Panoramen, die locker entschädigten, dass wir auf unserer gesamten Tour keinen einzigen Gipfel erklommen. Wir begegneten immer wieder großen Gruppen von Gämsen, die in atemberaubendem Tempo die Hänge hinabrannten, sobald sie uns sahen. Traumhaft, dieses Bergidyll.
Tschüss Hochvogel, hallo Gaißhorn!
Nach einem gemütlichen Frühstück mit Blick auf den Schrecksee, verließen wir den Via Alpina und zweigten auf den Saalfelder Höhenweg ab. Auch hier erwartete uns wieder eine gesicherte Stelle und immer wieder kräftige Windböen. Die Aussicht war atemberaubend, vor allem weil man weit hinten sogar noch das Nebelhorn erkennen konnte – es wirkte so dermaßen weit weg, dass ich es kaum glauben konnte, dass wir dort gestern gestartet waren. Nach einem letzten Blick zurück zu Hochvogel, Schneck und Co. schlugen wir den Weg zur Landsberger Hütte ein und hatten ab nun ständig das Gaiß- und Rauhorn im Blick. Der Weg zog sich, führte immer wieder bergab, nur um kurz später wieder bergauf zu führen. Nach einem weiteren kleinen Sattel erblickten wir plötzlich die Landsberger Hütte, die uns wenig später abermals mit einem kühlen Radler empfing.
Klettersteige – Entweihung oder Ermöglichung?
Während wir die Sonne genossen, konnten wir zahllose Leute im benachbarten Lachenspitze-Klettersteig beobachten. Ob ich es auch mal ausprobieren sollte? Lieber nicht, entschied ich ein weiteres Mal. Ein Sturz in ein Klettersteigset ist mit massiven Verletzungen verbunden und für mich persönlich einfach keine “faire” Begehung. Man raubt dem Berg seine Unbezwingbarkeit, wenn man jeden Meter Griffe und Tritte in ihn hineinbohrt. Das gleiche sagen Extrembergsteiger über Flaschensauerstoff auf Achttausendern und Profikletterer über Bolts in Kletterrouten. Es ist eine endlose Diskussion, in der jeder seinen eigenen Standpunkt selbst und individuell ausmachen muss. Während ich da aber die Menschenschlangen sich den Berg hinaufarbeiten sah, verfestigte sich meine persönliche Meinung. Nicht falsch verstehen, ich habe nichts dagegen, wenn das andere machen. Nur ich für meinen Teil ziehe andere Besteigungsformen vor.
Einmal quer durch die Sperrzone
Die Terrasse füllte sich immer mehr mit lauten Tagestouristen, die wir schnell hinter uns ließen und ins Tal abstiegen. Der Weg war gar nicht so unanspruchsvoll, wie ich es erwartet hatte und im oberen Teil eigentlich durchgehend mit Ketten versichert. Zu unserer Überraschung war die eine Seite des Vilsalpsees für Wanderer wegen “akuter Steinschlaggefahr” gesperrt. Die Aussage auf dem Warnschild, dass man den See andersherum umrunden solle und sich die Strecke dadurch nur “unerheblich” verlängern würde, war dann doch etwas untertrieben und wir riskierten eine Durchquerung. Mit offenen Augen und Ohren wanderten wir durch die Sperrzone und anschließend die letzten Kilometer zurück nach Tannheim. Gleich das zweite Auto reagierte auf unseren ausgestreckten Daumen und brachte uns direkt nach Kempten.
Schöne Herausorderung, grandiose Ausblicke. Ein gelungener Abschluss der Saison!
Insgesamt war es mal wieder eine ganz grandiose Tour durchs Allgäu mit den abwechslungsreichsten Ausblicken, die ich auf einer Mehrtagestour jemals hatte. Die Tatsache, dass sich immer wieder ein völlig neues Panorama auftut war schon sehr beeindruckend und die unberührte, alpine Landschaft mit zahllosen Gämsen tat ihr Übriges. Die Strecke von 40km, 2.500 Höhenmeter im Aufstieg und 2.300 im Abstieg war eine schöne Herausforderung, die allerdings am zweiten Tag doch recht müde Füße und Knie hinterließ. Jetzt kann der Winter gerne kommen ;)
Psst: Auf Facebook gibt es die ganze Bildergalerie etwas schneller und mit Text.
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Gratuliere zur Tour! Muss schön gewesen sein! Auf dem Schneck, glaube ich, war ich als junger Kerl im Winter. Da haben wir eine Wächte durchstoßen um weiter hoch zu kommen.
Klettersteige scheinen manchmal die Leute wie Magnete das Eisen anzuziehen. Schön, dann sind die Berge anderswo einsamer.
Wie schön du erzählst…man kann “trocknen Fußes” folgen und sich an den wunderbaren Bildern erfreuen, als wär man dabei. So begeisterst du mit deinem Artikel so manchen zum Wandern.
Tolle Tour und prima Beschreibung! Die werde ich bestimmt auch mal machen…
Wie get´s mittlerweile eurem treuen Jakob?
Hi Klaus,
naja, dem Alter entsprechend, würde ich mal sagen. Momentan fährt er noch, wenn auch mit etwas gruseligen Geräuschen ;) Du hast nicht zufällig einen ausgebauten Bus übrig? ;)
Schöner Artikel zu dieser langen Tour. Respekt – ich wäre mit der Nebelhornbahn hochgefahren. Schöne, stimmige Bilder, guter Text, kurzweilige zu lesen. Das macht deutlich: Man braucht nicht um die Welt zur reisen um schöne Erlebnisse zu haben. Du zeigst uns mit deinen Bildern, dass es auf die richtige Wahrnehmung ankommt.
Andreas