„Bin ich jetzt schon so weit, dass ich Berge hier im Allgäu ein zweites Mal besteigen muss!?“ ging es mir während des Aufstiegs durch den Kopf. Nein, sicher nicht, aber für heute sollte es etwas Lockeres sein. Möglichst kurzer Aufstieg und möglichst schönes Panorama, sowohl Richtung Sonnenaufgang als auch nach Westen. Der Plan war eine völlig entspannte Fototour mit Übernachtung am Gipfel des Kühgundrückens, den ich bereits letztes Jahr bestiegen hatte. Die Wettervorhersage war bis morgen 8 Uhr einwandfrei. Ich würde ohne Zelt am Gipfel schlafen, wäre morgens sehr schnell startbereit und um 7 Uhr wieder im Tal.
Das habe ich letztendlich auch geschafft, nur kam natürlich wieder mal alles anders als gedacht.
Wie soll man Arbeit, Fotoshooting für einen Artikel, Bergsteigen und Bouldern in einem einzigen Tag unterbringen? Geht schon, dachte ich mir. Also hockte ich bis 12 eher unproduktiv im Büro, düste dann weiter zum Fotoshooting um gegen halb zwei eine Freundin zum Bouldern zu treffen. Um 17.30 Uhr stand ich wiederum am Wanderparkplatz bei Oberjoch. Ich fand schnell mein Tempo und war froh, endlich wieder einmal rausgekommen zu sein – rausgekommen in meinem Sinne. Mit Kamera und Schlafsack, ganz in Ruhe nur auf der Suche nach einem schönen Erlebnis und guten Bildern. Kein Druck, eine bestimmte Strecke zu schaffen oder besonders schnell zu sein. Das Handy war im Rucksack verstaut, die Uhrzeit war völlig unerheblich. Sei da, wenn du da bist. Halte an, wenn du ein schönes Motiv siehst. Genieße die Zeit.
Eine ganz entspannte Fototour
Immer wieder begegneten mir Wegmarken, die mir bekannt vorkamen, bald stand ich am „Einstieg“ in den Weg zum Gipfel. Er ist blau markiert und im oberen Teil mit Drahtseilen versichert. Nicht unbedingt nötig, aber man muss ja nicht hingreifen. Bald kam das Gipfelkreuz des Kühgundkopfes ins Blickfeld, er markiert den östlichsten Teil des Kühgundrückens, liegt aber einige Meter tiefer als der höchste Punkt. Ich ging weiter und suchte direkt am Grat nach einer geeigneten Schlafmöglichkeit. Auf einem kleinen Vorsprung, an dem es auf drei Seiten relativ steil nach unten ging, wurde ich fündig: Eine ebene Fläche, gerade groß genug für meinen Rucksack und meine Isomatte. Ich zog mich um, machte die ersten Fotos mit meinem neuen Grau-Verlauffilter und aß nebenher mein Abendessen. Ein Wolkenschleier der unvermittelt aufzog, verunsicherte mich etwas, aber genauso plötzlich wie er kam, war er auch wieder weg. Über dem Alpenhauptkamm waren ein paar dickere Wolken, die westlichen Gipfel waren in einem seltsamen Grau. Naja, die Wettervorhersage war ja gut, was soll schon sein. Falls es tatsächlich anfangen würde zu regnen, hatte ich bereits eine kleine nordseitige Senke wenige Meter neben dem Weg gefunden, in der mein Zelt gut stehen würde. Zwar nah am Abhang, aber der Wind war ja von Süden angesagt.
Vielleicht sollte ich doch besser absteigen?
Ich genoss den langen Sonnenuntergang und bestaunte das immer wieder bemerkenswerte Allgäuer Panorama. Der Hochvogel stand majestätisch wie eh und je da, die Zugspitze war im Dunst noch gut zu erkennen. Ich beobachtete angestrengt den grauen Dunst über dem Hohen Ifen… Vielleicht sollte ich doch absteigen? Sonnenaufgänge sind doch meistens nicht so spektakulär und dann könnte ich daheim im gemütlichen Bett schlafen und einige Dinge noch erledigen…? Ich verwarf den Gedanken. Schisser!! Dein Bruder würde sich jetzt von sowas auch nicht einschüchtern lassen! Ich prüfte sicherheitshalber noch einmal den Wetterbericht, aber keine Veränderung. Lupenreines Wetter bis morgen Vormittag. Während ich meinen Schlafsack ausbreitete, sah ich etwas Helles in Richtung Bodensee. Und plötzlich wieder. Scheiße. Über dem Bodensee blitzte es gewaltig, aber Donner waren keine zu hören. Wie weit kann man Blitze sehen? Das kann sonst wo sein, weit weg. Und der Wind kommt aus Süden. Kein Grund zur Sorge… Ich versuchte mich zu beruhigen, während die andere Stimme in mir sagte: Wenn du jetzt absteigst, musst du nur die letzten Höhenmeter mit Stirnlampe laufen. Ich versuchte noch ein paar Nachtaufnahmen zu machen, bekam aber keine hin. Ich war etwas unruhig und mummelte mich schnell in meinen Schlafsack. Schnell einschlafen, morgen ist alles vorbei. In meinem gemütlichen Schlafsack wiegte mich der warme Wind schnell in den Schlaf.
Gewaltige Blitze erhellten den ganzen Himmel. WEG HIER!
Ich wachte von einem hellen Licht auf. Scheiße. SCHEISSE. Gleissende Blitze erhellten den ganzen Norden. Scheiße. Für eine Sekunde dachte ich noch darüber nach, in meiner Senke das Zelt aufzubauen. Vergiss es! Der Wind kommt aus Norden, allein das Zelt bei dem Wind aufzubauen, ist schon viel zu aufwändig. Und es ist total exponiert! Gott sei Dank hatte ich vor dem Schlafengehen schon alles griffbereit zusammengepackt. Ich stopfte den Schlafsack in den Rucksack, ließ die Luft aus der Isomatte. Verdammt, warum dauert das so lange? Immer wieder erhellten gewaltige Blitze den ganzen Himmel. Stirnlampe an, Rucksack auf. Noch ein letzter Check: Hab ich alles? Egal! Weg hier! Ich rannte den Grat entlang, fiel hin, rappelte mich auf, rannte weiter. Unten, zwischen Iseler und Ponten, sah ich ein erhelltes Zelt. Mist, die haben es richtig gemacht. Und die sind sicher nicht allein, zefix! Ich rannte weiter während es bereits anfing, zu tröpfeln.
„Halte dich bei Gewittern fern von Stahlseilen und Gipfelkreuzen!“, dachte ich mir noch, rannte unter dem Gipfelkreuz hindurch und den steilen, drahtseilversicherten Steig hinab. Erstaunlich, wie schnell man mit Angst plötzlich bergab rennen kann. Das Drahtseil in der Hand, stürmte ich die Felsen hinab. Bei einem Vorsprung dachte ich während ich daran vorbei hetzte nach, ob ich darunter Unterschlupf suchen sollte. Aber er war nach Norden geöffnet, es regnete völlig hinein, das Drahtseil war viel zu nah. Weiter! Der Weg beschreibt eine Schleife, die komplett mit Seilen versichert ist, daran erinnerte ich mich. Die musst du hinter dich bringen, so schnell wie möglich. Es blitzte immer wieder, ich versuchte den Weg zu rekonstruieren. Wo bleibt die Wegschleife?! Da war sie. Schnell. SCHNELL! Weg von den Drahtseilen.
Ist die Situation wirklich so ernst?!
„Reagier ich gerade über?!“, ging es mir immer wieder durch den Kopf. Ich könnte doch kurz warten bis es vorbei ist und dann weiter schlafen… Und wohin renne ich überhaupt? Ich kann doch nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, den ganzen Weg jetzt im Dunkeln hinunterzurennen! No way! Egal, weiter. Erstmal runter vom Grat. Der Weg wurde für einen kurzen Moment eben, er verlief plötzlich durch eine Mulde. Stopp. Mulde, hier bleiben. Ich war inzwischen von den dicken Tropfen und dem Schweiß nass, es regnete immer stärker. Mach schon, Zelt aufbauen. „Lange Zeltstangen in einem Gewitter in den Himmel zu recken, auch wieder so eine tolle Idee, Erika“, dachte ich noch. Die Handgriffe saßen, ich war froh, das Zelt schon so oft aufgebaut zu haben. Trotzdem kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Meine Finger waren nass, die Zeltplane im Nu auch. Der Wind blies die Plane aus der Öse, also nochmal, Öse einfädeln, vorne das Gestänge ebenfalls in die Löcher bringen. Innenzelt einhängen. Überzelt drüber. Die Abspannleinen verhedderten sich, meine Finger waren von der Nässe rutschig. Ruhig bleiben. Ruhig bleiben. So oft beim Klettern vor mich hin gesagt, zählte es dieses Mal wirklich. Je ruhiger ich das Kuddelmuddel auflösen könnte, desto schneller würde das Zelt stehen und ich mich im Trockenen und vor allem Sicheren verkriechen können. Ich spannte eher notdürftig in der kleinen Mulde die Abside auf, warf den nassen Rucksack hinein und sprang hinterher. Safe! Draußen blitzte es weiter, inzwischen donnerte es laut. Warum passiert das eigentlich immer mir?! Erst jetzt merkte ich, dass ich zitterte. Wovor hatte ich eigentlich Angst? Vor den Blitzen? Vor dem lauten Donner? Vor dem Wind? Egal. Ich zog die nassen Sachen aus, blies meine Isomatte wieder auf und krümelte mich halb nass in meinen Schlafsack.
Das Prasseln des Regens ließ mich endlich einschlafen
Ich mag das Geräusch, wenn der Regen auf das Zeltdach prasselt. Ich beruhigte mich, genoss das Geräusch, es blitzte noch ein paar Mal, der Wind rüttelte noch etwas an meinem kleinen, notdürftig abgespannten Haus und schickte mich in die Welt der Träume. Einige Stunden später wachte ich auf und kontrollierte den Himmel: sternklar. Na toll. Ich drehte mich wieder um, hatte die Lust an schönen Nachtaufnahmen verloren.
Der Wecker klingelte kurz nach fünf, ich baute alles ab und wartete noch eher unmotiviert auf den Sonnenaufgang. Er war unspektakulär. Hätte ich doch nur auf mein Bauchgefühl gehört!
Sometimes you have to learn it the hard way
Ich stieg mit den ersten Sonnenstrahlen den restlichen Weg ab und fuhr nach Hause. So hatte ich mir meine vermeintlich „entspannte“ Fototour nicht vorgestellt. Aber man lernt aus solchen Sachen („sometimes you have to learn it the hard way“, meinte mein Bruder später) und wenn ich daraus eine Lehre ziehe, dann, dass ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen muss. Das habe ich im Berufsleben schon vor zwei Jahren gelernt und fahre damit sehr gut, denn es täuscht mich selten. Warum ich es beim Bergsteigen manchmal doch noch ignoriere, verstehe ich nicht. Vielleicht, weil ich mich selbst häufig darüber ärgere, so ängstlich zu sein. Wenn dann andere darüber lachen, bin ich verunsichert: „Du hast wegen ein bisschen Schnee deine Tour abgebrochen? Wärst halt erst mal hingelaufen und hättest es dir direkt vor Ort angeschaut!“ wurde mir gesagt, als ich meinen Via Alpina abgebrochen hatte. Ich habe aber Angst davor, so weit „rein“ zu laufen, bis ich vielleicht irgendwann nicht mehr ohne Gefahr umkehren kann. So ist es mir am Hohen Ifen gegangen und ich wäre deshalb fast über eine Felswand abgestürzt. Das ist ein Fehler, den ich einmal gemacht habe und nicht wiederhole. Das gleiche nun: Ich werde ab sofort auf meine Intuition hören, sie trügt mich nicht. Und wenn, dann bin ich lieber einmal zu häufig umgekehrt, als einmal zu wenig.
Schlagwort: BIwakieren, Fotografieren, Iseler, Kühgundkopf, Kühgundrücken, Oberjoch, Zelten













Hej Kleine,
das ist mal wieder ein spannender Artikel bei dem man förmlich die nassen Klamotten fühlen kann. Und die Bilder heben ihn zusätzlich vom Rest im Web ab.
Hier im Westen war klar, dass dieses WE kein Zeltwetter bringen würde. Meld Dich doch einfach nächstes Mal wenn Du ein komisches Gefühl hast und es Dir nicht erklären kannst.
Aber letztendlich wird uns unser Bauchgefühl immer auf dem richtigen Weg leiten. Auch wenn wir es manchmal selbst nicht wissen. Es wird uns immer wieder ein Stückchen über unsere alten Grenzen führen aber mit etwas Glück oder “Hilfe von oben” kommt es nicht zum Desaster. ;-)
So wirst Du immer besser. Pass auf Dich auf.
Gruß,
Jo :-)
Ein Virtueller Aufstieg an deiner Seite. Wunderbar menschlich und real be-schrieben, das schafft nicht so gleich wieder wer. Kompliment. Gefiel mir besser als die Piz Kesch-Reportage, auch wenn’s sich um einen “kleinen” Berg handelt. Das Foto Seil am Fels,…vom Zelt nach der Nacht…Möge dein Schutzengel immer nur so schnell über dir flilegen, wie du aufsteigst oder bei Blitz und Donner runter flüchtest. Mama
PS:Wir waren mit dem Schiff draußen, ich kochte gerade Ratatouille vor Anker…Plötzlich am ganzen See u. auch in der Schweiz kohlschwarz und mitten drin alle Sturmwarnungs-LBlinklichter. Nix wie rein Richtung Hafen. Gut, daß ich den hochwandigen WOK zum Kochen am Petroleumherd hatte. Es hagelte beim Essen. Natur pur. Mama
Erika,
EIN FEINER BERICHT! Wenn man alles richtig macht, dann braucht man nichts mehr lernen. Fehler machen das Leben spannend und das Lernen daraus ist auch spannend. Jo’s Kommentar ist sehr passend. Jeder will Dir weiter helfen, ich auch.
Falls was unklar ist, dann ist ein Ersatzplan zweckmäßig. Gilt beim Segeln auch. Was mache ich, wenn der Wind plötzlich in die Ankerbucht hereinsteht?. Wenns in der Ferne blitzt, dann nach einer Stunde wecken lassen und sehen, ob das Ungemach sich nähert. Und ein Radarbild (http://www.meteocentrale.ch/de/wetter/wetterradar.html) abrufen, da sieht man ob sich ein Unwetter nähert und- da hat Jo recht- auf sein Gefühl horchen. Mut zum Abbrechen. Gerdi und ich waren ankern vor Eriskirch. Das Radarbild sagte “Auflösung” der Gewitterzelle voraus. Aber es wurde tiefgraublau. Flucht in den Hafen und dann Bft 6 ca. Es wäre draußen unangenehm bei auflandigem Wind gewesen…
Spannendes Abenteuer – klasse erzählt. Als wär’ man dabei gewesen. Macht richtig Spass zu lesen. ;-)
Ein sehr spannender Blog mit sehr gut geschriebenen Beiträgen…
Wagst du dich auch mal nach Tirol oder Vorarlberg vor?
Grüße aus Innsbruck,
Markus
Hi Markus!
In Vorarlberg war ich ganz am Anfang meiner Zeit in dern Bergen unterwegs, weil ich ursprünglich vom Bodensee komme – da musst du allerdings im Blogarchiv wirklich ganz ganz ganz an den Anfang gehen :) Tja, und in Tirol bin ich meistens nur in den Felsen unterwegs – wollte ich schon ein paar Mal ändern, aber die Felsen dort sind einfach zu toll!
Und vielen Dank für das Lob :)
Wirklich spannend geschrieben, da ist man ja auch fast live dabei. Bin auch eher die Sorte Angsthase und kehre bei schlechtem Bauchgefühl lieber um, schließlich möchte man Spass haben und den Weg geniessen und mit schlechtem Gefühl hat man eindeutig keinen Spaß mehr… Erst kürzlich auch auf dem Weg zum Ponten überkam mich bei Willersalpe ein komisches Gefühl als ich zum Himmel schaute, aber nein, das konnte ja nicht sein, überall nur super Wettervorhersagen und einwandfreie Satellitenbilder. Endergebnis: Gewitter auf dem Grat, das war mir eine Lehre, es geht nichts übers Bauchgefühl in unserer Hightechwelt :-)
Meine Rede! Ab sofort gilt die Intuition. Lieber einmal zu viel umgekehrt als einmal zu wenig ;)
Toll geschreiben, hab ich gleich mal verlinkt: http://www.mymountains.de/gewitter