Am Mount Everest ist momentan Hochsaison – allein am vergangenen Wochenenden hofften über 600 Teilnehmer kommerzieller Besteigungen darauf, dass 2012 “ihr” Jahr werden würde. Für die Erfüllung dieses mehr oder weniger ehrgeizigen Traums zahlen viele bis weit über 100.000 Euro, trainieren hart und lassen offenbar spätestens im Base Camp den gesunden Menschenverstand zurück. Die Fotos, die zur Zeit durch Blogs, Zeitungen und Facebook-Accounts irren, lassen kaum einen anderen Schluss zu, denn was sich dort am Mt. Everest momentan abspielt, ist der so gefürchtete Stau in der Todeszone. Besonders an den Kletterstellen geht es langsam voran, die “Bergsteiger” müssen dort teilweise mehrere Stunden fast ohne Bewegung und bei extremen Minusgraden warten, bis sie endlich an der Reihe sind. Zwar hat ein Großteil der Aspiranten “englische Luft” dabei, also Sauerstoff aus Flaschen, was den Mt. Everest rein rechnerisch auf 6500 Höhenmeter verkleinert, dennoch sind solche Staus lebensgefährlich, wie die Tragödie von 1996 beweist, in der innerhalb einer Nacht zwölf Menschen ihr Leben ließen (“In eisigen Höhen” von Jon Krakauer).
Steck und Dujmovits am Mount Everest
Trotzdem gibt es auch noch die “sauberen” Begehungen. Ueli Steck zum Beispiel, ein begnadeter Speedkletterer aus der Schweiz, der spätestens durch seine Fee-Solo-Speed-Begehung der Eiger Nordwand bekannt wurde, stand am 18. Mai 2012 ohne zusätzlichen Sauerstoff auf dem Gipfel. Ralf Dujmovits war am selben Tag auch ohne künstlichen Sauerstoff unterwegs – im Grunde stand er bereits als erster Deutscher auf allen 14 Achttausendern, auf dem Mt. Everest allerdings mit Sauerstoffflasche – dieses Manko in seiner Gipfelliste wollte er dieses Jahr ausradieren. Auf knapp 8.000 Metern beschloss er, den Aufstieg zum Gipfel nicht weiter zu versuchen, er hatte sich beim vorausgehenden Aufstieg mit schwerem Gepäck zu sehr verausgabt. Die Willensstärke, die diese “bergsüchtigen” Bergsteiger an den Tag legen um solche Entscheidungen zu treffen, ist beeindruckend. Es zeugt von völlig klarem Verstand, von bemerkenswerter Rationalität und viel Erfahrung. Immerhin geben diese Bergsteiger mit der Entscheidung all ihre Hoffnungen auf, die sie in diesen Versuch gesetzt haben… All das Training, die zeit- und kostenintensive Vorbereitung, die unendlichen Anstrengungen so weit zu kommen, all das war ab diesem Moment zwar nicht völlig umsonst, führte aber auch nicht zum gewünschten Erfolg.
Die Menschenmengen… das war wirklich krass
Beide Bergsteiger sahen bei ihrem Abstieg die unfassbare Menschenschlange, die sich langsam den Berg emporquälte. Ueli Steck meinte zu diesem Bild: “So viele Menschen an einem Berg, das habe ich noch nie gesehen, das war wirklich krass“, Ralf Dujmovits beschreibt es ähnlich: “Ich hatte gespürt, dass nicht alle von ihnen zurückkommen würden. Es ist ein beklemmendes Gefühl, dass einige Personen auf dem Bild bald tot sein würden.” Er machte von dem Anblick zwei Fotos, die man auf seiner Webseite “bestaunen” kann:
Tim Rippel befand sich genau in dieser Schlange und machte dieses Foto:

Diese Bildern liefern natürlich wieder neuen Stoff für die Diskussion um Besteigungsverbot, Umweltschutz und Kommerz am höchsten Berg der Welt. Wie wäre es also zum Beispiel mit einer Gondel? Oder die Beschränkung, dass die kommerziellen Expeditionen nur noch die Infrastruktur bis ins Basislager bereitstellen dürfen? Oder dass kein Flaschensauerstoff mehr benützt werden darf? Bei all den vorschnellen Reaktionen muss aber auch bedacht werden, dass die Everest-Expeditionen für viele der Bevölkerung die Lebensgrundlage ist. Also doch alles beim Alten lassen, um die Menschen dort nicht wieder in die Armut zu stürzen? Oder doch ein Besteigungsverbot, um die Natur und die Bergsteiger vor sich selbst zu schützen? Was sagt ihr dazu?
Schlagwort: 39 Expeditionen an einem tag, 600 Leute, Mai 2012, Mt. Everest, ralf dujmovits, stau, stau in der todeszone, ueli steck
Das ist wirklich ein spannendes Thema, mit dem ich mich in den letzten Tagen auch intensiv beschäftigt habe. Die ökonomischen Auswirkungen einer vorübergehenden “Schließung” des Berges (pervers, dass man über einen Berg schon wie über einen Vergnügungspark spricht, oder?) wären laut einer nepalesischen Zeitung wohl verkraftbar. Zudem gibt es noch eine sehr eindrucksvolle Schilderung eines Sherpa zu der Situation am Berg. Habe das mal bei mir zusammengestellt: http://www.gutgeruestet.com/?p=148